Osnabrück Neu in den Verlagsprogrammen: Fünf Sachbücher für alle, die mitreden wollen
Ist die Demokratie in Gefahr? Verabschieden wir eine Generation, die Deutschland geprägt hat? Und wogegen schrieb Franz Kafka an? Die Antworten geben neue Sachbücher für alle, die mitreden wollen.
Die politische Agenda bestimmt auch das Frühjahrsprogramm der Buchverlage. Eine ganze Reihe von neuen Sachbüchern fokussieren die Frage nach der Zukunft von Demokratie und Europa. Hinzu kommen gesellschaftliche Themen wie etwa die Frage nach der Generation der Boomer. Sie wechseln vom aktiven Leben in den Ruhestand - ein Paradigmenwechsel. Der literarische Jahrestag 2024 gilt Franz Kafka. Der weltberühmte Autor starb vor 100 Jahren.
Für Kämpfernaturen: Auf der Schulbank sitzt niemand gern. Auf dieser vielleicht schon. Marina Weisband lädt mit ihrem Buch in „Die neue Schule der Demokratie“. Sie wirbt dafür, sich neu für die plurale und demokratische Gesellschaft einzusetzen. Die Politikerin und Publizistin war einst Gesicht der Piraten-Partei. Sie ist in vielen Talkshows präsent – ein Medienstar. Weniger bekannt ist vielleicht, dass Marina Weisband in Schulprojekten junge Leute vom Wert der Demokratie zu überzeugen sucht. In ihrem neuen Buch, das am 24. April 2024 bei Fischer erscheinen wird, berichtet sie von ihren Erfahrungen. „Demokratie darf kein Luxus sein. Sie muss Grundlage von allem sein – in unseren Schulen und in unserer Gesellschaft. Dafür werde ich kämpfen wie eine Löwin“, verspricht die Autorin und wirbt mit dieser Ankündigung für ihr Buch. Weisband verbindet ihre Botschaft mit einer Kritik am Schulsystem. Dort werde Hilflosigkeit erlernt und eben nicht Aktivität. So eingestellte Menschen seien anfällig für Extremismus und Populismus. Dagegen will Marina Weisband angehen.
Nicht nur für Boomer: Sie sind die Generation der Vielen – die Boomer. Sie haben die Republik am Laufen gehalten. Jetzt treten sie ab. Die Boomer gehen kollektiv in den Ruhestand. Höchste Zeit für eine Bilanz. Heinz Bude ist der Spezialist für wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig spannend zu lesende Zeitgeistanalysen. In seinem neuen Buch „Abschied von den Boomern“ analysiert er eine ganze Generation, rekapituliert ihr Lebensgefühl und sagt, wie sie die Bundesrepublik geprägt hat. Der Band, der am 29. Januar 2024, im Hanser-Verlag erscheinen wird, reiht sich ein in Budes kluge Analysen. Mit Büchern wie „Adorno für Ruinenkinder“ oder „Bildungspanik“ betreibt der Soziologe von der Universität Kassel eine spannende Analyse der deutschen Gegenwart. Mit den Boomern porträtiert er eine Generation, zu der er selbst gehört, eine Generation auch, die zuletzt in die Kritik geraten ist. Sind die Boomer schuld an der Klimakrise? Bude weiß mehr.
Für Intensivleser: Hat er um sein Leben geschrieben? Rüdiger Safranski versteht Franz Kafka genau so. Der Autor von Romanen wie „Der Prozeß“ und Erzählungen wie „Die Verwandlung“, der Schriftsteller, der in seinem „Brief an den Vater“ mit dem Patriarchen abrechnet, ist vor 100 Jahren gestorben. Zum Jahrestag publiziert der Philosoph und Publizist Rüdiger Safranski die nächste seiner viel gelesenen Biografien. Mit Büchern über Goethe und Nietzsche, Heidegger und E.T.A. Hoffmann hat Safranski sein Lesepublikum schon begeistert. Jetzt folgt am 19. Februar 2024 sein Buch über Franz Kafka bei Hanser: „Kafka. Um sein Leben schreiben“. „Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein“, schrieb Franz Kafka an seine Verlobte Felice Bauer. Safranski nimmt genau diesen Faden auf, versteht Kafka als Phänomen der literarischen Grenzerfahrung. Dass Kafka mit seinen Texten von Existenzangst und Ausweglosigkeit ein Jahrhundert geprägt hat, steht ohnehin außer Zweifel.
Für Analytiker: Hält die Brandmauer gegen Rechts? In den USA scheint es sie nie gegeben zu haben. Das ist jedenfalls eine der Überlegungen, die Annika Brockschmidt in ihrem neuen Buch zur Republikanischen Partei der USA anstellt. „Die Brandstifter“: Unter diesem Titel analysiert die Expertin wie, so der Untertitel, „Extremisten die Republikanische Partei“ übernahmen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl, die am 5. November 2024 stattfinden wird, stellt die freie Journalistin unbequeme Fragen. Sie berichtet von Machtkämpfen innerhalb der republikanischen Partei und zeichnet den Weg ihrer Radikalisierung nach. Eine Parallele zu Entwicklungen in Europa? Schon mit ihrem Bestseller „Amerikas Gotteskrieger“ zeichnete sie 2021 ein viel beachtetes Porträt einer extremistischen Bewegung. In ihrem neuen Buch, das am 13. Februar 2024 bei Rowohlt erscheinen wird, warnt sie vor der schleichenden Gewöhnung an extremistische Positionen. Die Republikaner der USA als warnendes Beispiel? Eine spannende Perspektive.
Für Hoffnungsfrohe: Demokratie ohne Grenzen: Das vereinigte Europa ist ein in der Geschichte einzigartiges Projekt. Der Schriftsteller Robert Menasse sieht es in Gefahr. Krisen und Konflikte, die um sich greifende Radikalisierung stellen Europa auf eine schwere Probe. Höchste Zeit für ein entschiedenes Plädoyer. Robert Menasse liefert es mit seinem neuen Buch „Die Welt von morgen“. Menasse setzt seinen Buchtitel bewusst gegen jene „Welt von Gestern“, die der Schriftsteller Stefan Zweig als Untergang einer Welt der Zivilisation beschrieb – bevor er sich 1942 im brasilianischen Exil das Leben nahm. Menasse will es so weit nicht kommen lassen. In seinem Buch, das am 15. April 2024 bei Suhrkamp erscheinen wird, entwirft er ein Bild einer Demokratie nach den Nationen und plädiert eindringlich gegen einen neu entstehenden Nationalismus in Europa. Für den Autor wäre dies eine Niederlage der Vernunft. Ob Robert Menasse damit gerade die Euro-Skeptiker erreicht? Genau das wäre ihm und seinem Buch zu wünschen.