Osnabrück  Proteste von Bauern und Logistikern: Das war im Norden los

Jonas Ernst Koch
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Von Jonas Ernst Koch
| 09.01.2024 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Drohnenfoto von der rund acht Kilometer langen Trecker-Kolonne in Schleswig-Holstein. Foto: Benjamin Nolte
Drohnenfoto von der rund acht Kilometer langen Trecker-Kolonne in Schleswig-Holstein. Foto: Benjamin Nolte
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Am Montag wollten Landwirte mit Aktionen im ganzen Land „präsent sein in einer Art und Weise, wie es das Land noch nicht erlebt hat“. Tatsächlich kam es überall im Norden zu zahlreichen Aktionen, Verkehrsbehinderungen und Protesten. Ein Überblick.

Wie erwartet waren die Landwirte mit ihren Protesten am Montag in zahlreichen norddeutschen Städten präsent: Unter anderem in Flensburg fuhren Landwirte durch die Innenstadt und machten ihrem Unmut Luft.

Auch in Osnabrück sind am Montagmorgen mehr als 800 Traktoren aus dem gesamten Landkreis gen Osnabrück gerollt. Am Ziel, der Veranstaltungshalle „Halle Gartlage“ ging schon ab 8 Uhr nichts mehr: Die Trecker mussten auf die umliegenden Straßen ausweichen, bevor sie sich am Mittag für den Konvoi über den Stadtwall in Bewegung setzten. Diesem schlossen sich auch zahlreiche Lkw an.

Vorher hatte sich Friedrich Brinkmann, Geschäftsführer des Osnabrücker Landvolkes, bei der Kundgebung auf dem Markt – dort durften sich nur drei Traktoren postieren – von der Vereinnahmung des Bauern-Protests durch rechte Gruppierungen distanziert: „Landwirtschaft ist bunt, nicht braun.“

Der Trecker-Konvoi rund um die Innenstadt sorgte für Behinderungen im Schul- und Linienbusverkehr, auch außerhalb der Stadt. Probleme gab es auch für öffentliche Einrichtungen. So berichteten etwa die Niels-Stensen-Kliniken, dass Mitarbeiter ihrer Krankenhäuser an manchen Straßenabsperrungen nicht durchgelassen wurden und auch Lieferungen wie Blutkonserven nicht durchkamen.

Auch auf den nordfriesischen Inseln protestierten die Bauern: Auf Sylt kamen etwa 150 Menschen vor dem Rathaus Westerland zusammen. „Es geht nicht nur um die Subventionierung von Agrar-Diesel und um das grüne Kennzeichen, sondern allgemein darum, dass wir genug haben von immer mehr Auflagen und Bürokratie“, sagte Demo-Organisator Jan Petersen aus Morsum. „Wir müssen in Deutschland die höchsten Qualitätsstandards für unsere Produkte einhalten, aber den Markt interessieren diese Standards nicht. Die Preise diktiert der Weltmarkt.“

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Im Hafen von Wyk kamen etwa 100 Teilnehmer zu einer Protestaktion zusammen. Für Gespräche zwischen Treckerreifen hatten die Landwirte dort sogar einen Bratwurststand aufgebaut.

„Es war saukalt, aber mir ist richtig warm ums’s Herz geworden”, sagte Johannes Schürbrock, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbands Osnabrück. Landwirte aus Bramsche und den Samtgemeinden Bersenbrück, Neuenkirchen, Artland und Fürstenau berichten von durchweg positiven Rückmeldungen von Bürgern – und waren erfreut, dass der Protest diszipliniert und ohne Zwischenfälle abgelaufen ist. 

Überall dort kam es kaum zu Beeinträchtigungen im Verkehr – ganz anders in Ankum, nördlich von Osnabrück. Hier sorgten Blockaden auf der Bundesstraße 214 für Verzögerungen und durchaus auch für Unmut bei Autofahrern. Auch bei Patienten und Krankenhäusern sorgte der Protest für Beeinträchtigungen, es wurde aber sehr darauf geachtet, Notfälle durchzulassen. Ganz anders in Neumünster, wo Krankenwagen im Slalom am stockenden Verkehr vorbeifahren mussten.

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Besonders im landwirtschaftlich geprägten Emsland kam es zu zahlreichen Aktionen von Bauern: Hunderte Trecker waren am Montag unterwegs und blockierten Straßen und Auffahrten. Schon am frühen Morgen waren zahlreiche Autobahnauffahrten und Bundesstraßen in Salzbergen, Lingen, Wietmarschen, Rheine, Handrup, Haren, Emsbüren, Emmeln, Heede und Meppen-Versen blockiert. Auch in der Grafschaft Bentheim kam es zu Verkehrsbehinderungen.

In Papenburg wurden zudem zentrale Haupteinfahrtstraßen in die Stadt blockiert. Treffpunkt war um 5 Uhr der Parkplatz der Meyer Werft in Papenburg. Die Schiffsbauer baten ihre Mitarbeiter deshalb bereits am Wochenende, auch Homeoffice in Anspruch zu nehmen, so weit das möglich sei. Laut Matthias Everinghoff, Sprecher von „Land schafft Verbindung“, waren 1500 bis 2000 Zugmaschinen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim unterwegs – darunter seien aber nicht nur Trecker, sondern auch viele Lkw. 

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Wie geplant behinderten die Landwirte an vielen Orten im Norden erfolgreich den Verkehr – teils für mehrere Stunden. Neben zahlreichen Landstraßen wurden auch viele Autobahnabfahrten im Norden von den Bauern blockiert, unter anderem in den Landkreisen Segeberg und Pinneberg. Fast 1000 Traktoren rollten ohne große Zwischenfälle durch den Kreis Pinneberg.

Im schleswig-holsteinischen Rendsburg kam es zu einem Abgas-Alarm im Kanaltunnel: Hunderte Trecker waren in Konvois immer wieder durch den Kanaltunnel am Stadtrand gefahren. Dann schlugen die Sensoren Alarm, dass die Abgaswerte überschritten wurden. Ebenfalls in Rendsburg-Büdelsdorf wurde die Auffahrt der A7 von Bauern blockiert – entgegen der Anordnung des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Die Behörde schritt daraufhin ein und löste die Versammlung auf.

Im Industriegebiet in Brunsbüttel riegelten Landwirte mit Traktoren die Hochbrücke an der B5 und sorgten so für erhebliche Verkehrsverzögerungen. Auch die Kanalfähre in Brunsbüttel war für Fahrzeuge blockiert.

In Rostock kam der gesamte Stadtverkehr zum Erliegen, weil Bauern, Lastwagen sowie Firmenfahrzeugen von überwiegend kleinen Handwerksbetrieben den Verkehr ausbremsten und Landwirte alle Autobahnauffahrten rund um Rostock blockiert hatten. Während die Blockade auf der A19 friedlich verlief, kippten Landwirte in unmittelbarer Nähe auf der Bundesstraße 105 bei Bentwisch einen Anhänger mit Mist aus und blockierten so einen Fahrstreifen. Die Straßenmeisterei musste anrücken und die Haufen entfernen. Unabhängig von den Landwirten hatte auch die Initiative Unternehmeraufstand MV zum Protest aufgerufen. „Das war der zweitgrößte Autokorso im Land, nur in Neubrandenburg waren noch mehr Fahrzeuge dabei“, so Polizeisprecherin Dörte Lembke.

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Auch in Schwerin legte ein Korso den gesamten Stadtverkehr lahm. Sogar die Straßenbahnen fielen aus. Im Umland der Landeshauptstadt solidarisierten sich auch viele Unternehmer mit den Protesten. Einer von ihnen war Daniel Itze. „Wir sind hier heute an der Seite der Landwirte und wollen den Protest unterstützen. Auch weitere Firmen sind hier vor Ort, um zu zeigen, dass wir mit der aktuellen Politik nicht einverstanden sind“, erklärte er.

Ein wichtiges Ziel norddeutscher Trecker-Konvos war Hamburg. Laut Veranstalterangaben haben sich aus dem Kreis Pinneberg etwa 850 Fahrzeuge nach Hamburg aufgemacht. In der Hansestadt angekommen, haben Landwirte die sonst so viel befahrene Willi-Brandt-Straße in der Hamburger Innenstadt komplett blockiert.

Im Hamburger Süden sammelten sich Landwirte mit circa 20 Traktoren auf dem Parkplatz des Krankenhauses Mariahilf. Dabei wurde der Fahrstreifen stadtauswärts blockiert, wodurch es zu langen Staus kam. Auch auf der Hamburger Rotlichtmeile zeigten Landwirte nach ihrer Ankunft mit einem Treckerkorso ihren Unmut.

Auf der Wandsbeker Chaussee in Hamburg ging es ebenfalls nur schleppend voran: Mehrere Dutzend Traktoren fuhren in einer Kolonne aus Schleswig-Holstein kommend in die Innenstadt und behindern den Verkehr. Rund um den Michel staute sich der Verkehr in der Hamburger Innenstadt und kam sogar zum Stillstand. Viele Menschen wichen deshalb auf U- und S-Bahnen aus, weshalb die Züge teils überfüllt waren und Fahrgäste am Bahnsteig stehen lassen mussten.

Für viele Bauern war die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel das Ziel zahlreicher Kolonnenfahrten. Nach einer Fahrt durch die Innenstadt erreichten die Bauern schlussendlich den Kieler Landtag. Mit dabei waren auch einige Berufsanfänger aus der Nähe von Eckerförde: „Wir sind Junglandwirte und wir wollen das auch gerne in Zukunft weiterführen. Darum geht‘s uns“, sagt etwa Birk von Houwald. Sein Freund Hannes Niedorf, der in Kiel Agrarwirtschaft studiert, sieht das genauso: „Wir wollen mehr Akzeptanz für die Landwirtschaft von der Politik.“

Bei ihren Protesten bekamen die Bauern auch aus anderen Branchen und Privatpersonen breite Unterstützung: In Neumünster rollte ein Konvoi aus mindestens 300 Fahrzeugen durch die Innenstadt, darunter auch Privatwagen, Lkw und Handwerkerwagen. Allerdings bremste ein Passant den ganzen Konvoi in der Innenstadt aus. Auch auf dem Flensburger Versammlungsplatz Exe versammelten sich zahlreiche Handwerker, um die Landwirte bei ihrem Protest zu unterstützen.

Als die Handwerker dann auch die Eckernförder Landstraße in Flensburg sperrten, machte sich Oberbürgermeister Fabian Geyer vor Ort ein Bild und sprach mit den Demonstranten.

Viele Landwirte hatten sich auch in Itzehoe auf den Malzmülerwiesen versammelt, um dort ein Zeichen gegen die Politik der Ampel-Koalition zu setzen. Auch viele Geschäfte in der Itzehoer Innenstadt beteiligten sich am Protest und zeigten ihre Solidarität mit den Landwirten.

Doch die Landwirte erhielten bei ihrem Protest nicht nur von gewünschter Seite Unterstützung. Obwohl sich der Bauernverband „aufs Schärfste von Schwachköpfen mit Umsturzfantasien, Radikalen sowie anderen extremen Randgruppen und Spinnern, die unsere Aktionswoche kapern und unseren Protest für ihre Anliegen vereinnahmen wollen“ distanziert hatte, wurden auch Parolen aus verschwörungsideologischen und rechtsextremen Kreisen gesichtet.

In Schleswig-Holstein sorgte ein alter Spruch für Aufsehen: „Lieber tot als Sklave“ ist die hochdeutsche Übersetzung des alten nordfriesischen Freiheitsspruch „Lewer duad üs Slav!“ – ein Spruch, der eng mit der Tradition der „Friesischen Freiheit“ verbunden ist.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ziert der Spruch das alte Wappen Nordfrieslands. Am 10. Juni 1844 wurde es beim ersten Volksfest der Nordfriesen in Bredstedt offiziell gezeigt und warb bei seinen Landsleuten intensiv für die Erhaltung und Weiterentwicklung einer friesischen Identität. Der Spruch wurde in den 1920er und 1930er Jahren vorübergehend von den Nazis vereinnahmt.

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