Osnabrück  Liebeserklärung an den Libero: Beckenbauer und seine Leichtigkeit des Seins

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 09.01.2024 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Ball war mehr als nur sein Freund: Franz Beckenbauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: picture-alliance/dpa
Der Ball war mehr als nur sein Freund: Franz Beckenbauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: picture-alliance/dpa
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Franz Beckenbauer war Spieler, Trainer, Weltmeister. Vor allem war er der Libero. Warum gibt es diese Position im Fußball eigentlich nicht mehr? Ein Essay über den Fußball und die verlorene Leichtigkeit.

Es gibt keine Maikäfer mehr: Reinhard Meys Klage um das Verschwinden einer Spezies hat im Fußball seine Entsprechung. Es gibt keinen Libero mehr. Die Trauer um Franz Beckenbauer gilt einem herausragenden Menschen – und einer Idee, nicht nur Fußball zu spielen, sondern das Leben gleich mit. Es gibt keinen Libero mehr. Wer stimmt jetzt den Trauergesang an?

Er war einst das Zentralgestirn jeder ambitionierten Mannschaft. Aber es gibt sie nicht mehr, diese Lichtgestalt des Lenkers auf dem Platz, mit der Nummer 5 auf dem Rücken. Die Zeiten haben sich geändert. Schienenspieler, Viererkette, Box-to-Box: Das sind die Stichwörter aus der Effizienzmaschine, die nostalgische Fans nicht mehr Fußball nennen mögen.

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Es hilft nichts: Der Fußball ist eben nicht die schönste Nebensache der Welt, sondern Spiegel der Gesellschaft, der uns zeigt, wer wir eigentlich sind. Früher. Und heute erst recht.

Franz Beckenbauer war der Mann der Möglichkeiten. Er war der Libero, auf dem Platz, im Leben. Kaum vorstellbar, dass sein Trikot nach dem Spiel durchgeschwitzt gewesen sein soll. Er ackerte nicht, er schwebte. Er schoss den Ball nicht, er streichelte ihn. Er folgte keiner Taktik, er fand in berückend vielen Augenblicken jene kleine Wendung, die dem Spiel unerwartete Richtung gab. Er war der Libero, der Souverän, der Dirigent, der Künstler. Und mit seinem Spiel Repräsentant seiner Epoche, Exponent ihrer sozialen Kultur.

Wer mit dem SV Werder Bremen, wie der Autor dieser Zeilen, durch dick und dünn geht, sieht ungern rote Rauten und blaue noch viel weniger. Für ihn strahlt zumindest die Fußballwelt nur in Grün und Weiß. Beckenbauer lief für den FC Bayern auf und, fast noch ärger, für den Hamburger Sportverein. Macht nichts. Beckenbauer war schlicht überlegen, nicht durch Kraft, Schnelligkeit, Technik, sondern durch jene völlige Freiheit, die er in seinen genialen Momenten auf dem Spielfeld vorlebte.

Man muss schon eine geheime Sehnsucht nach der Monarchie hegen, um eine solche Person zum Kaiser zu erheben. Er herrschte auch nicht und wenn doch, dann durch Charme und Charisma. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas prägte die Formel vom zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Beckenbauer spielte, was Habermas philosophierte – die entwaffnende Überzeugungskraft der besseren Lösung.

Wir wollen mehr Eleganz wagen: Das hätte Beckenbauers Slogan sein können. Stattdessen warb er für Knorr-Suppen. Gleichviel, auch der musterhafte Schwiegersohn gehörte zu seinem Rollenrepertoire, zum Erwartungsportfolio der alten Bundesrepublik. Es hätte ihn nicht gegeben, den genialen Fußballspieler Franz Beckenbauer, ohne jenen Horizont, den dieses inzwischen auch untergegangene Land in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufzog. Individualität, Freiheit, Selbstverwirklichung: Das sind die Stichworte einer Ära und ihres Versprechens an jeden – der Libero seines Lebens sein zu können.

Ja, Franz Beckenbauer war Kind und Galionsfigur des Wirtschaftswunders. Aber mehr noch war er deshalb eine Lichtgestalt, weil er sich herausnahm, das Leben in jedem Augenblick neu zu interpretieren. Kein Revoluzzer wie Günter Netzer, der sich im entscheidenden Spielmoment einfach selbst einwechselte, kein Unberechenbarer wie Mario Basler, der den Eckball schlitzohrig direkt ins Tor zirkelte. Beckenbauer eckte nicht an, muckte nicht auf. Sein Leben, sein Spiel, sie waren kein Kraftakt – zumindest nicht nach außen.

Dieser Kaiser war eher ein Homo ludens, wie der niederländische Historiker Johan Huizinga den spielenden Menschen in seinem berühmten Buch beschrieb: frei und unangestrengt. Im Libero verwirklichte sich, wovon in den westlichen Gesellschaften jeder träumte – das eigene Leben als Möglichkeitsraum im besten Sinn spielend zu durchleben. Franz Beckenbauer verkörperte genau diese Idee eines besseren, weil unangestrengteren Seins.

Vorbei, perdü. Fußballer rennen längst nicht mehr nur dem Ball hinterher, sondern ebenso den Kennziffern ihrer Leistungsstatistiken. Der Fußball ist ein Gleichnis – auch für eine Gesellschaft, die jede Lebensregung bemisst und zugleich von jener Individualität träumt, die gerade dadurch ausgemerzt wird.

Es gibt keinen Libero mehr. Weil Taktikplaner nichts mit einer Figur anfangen können, die so agiert wie die Dame im Schach, frei und nur der eigenen Idee folgend. Franz Beckenbauer regelte das Spiel nicht, er spielte es, frei, souverän, bezwingend.

Es gibt so viel wundervolle Momente mit Franz Beckenbauer. Sogar für einen Werder-Fan. 1977 zum Beispiel. Im Spiel gegen Bremen tritt Beckenbauer zum Elfmeter an. Er schießt, Werders Torwart Dieter Burdenski hält. Unvergesslich sein katzenhaft geschmeidiger Sprung ins richtige Eck – mindestens so wie Beckenbauers feine Schlenzer aus dem Fußgelenk.

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