München Nachruf: Trauer um Franz Beckenbauer - Der deutsche Fußball verliert seinen Kaiser
Ein großer Fußballer, wenn nicht der größte: Franz Beckenbauer ist gestorben. Er prägte den deutschen Fußball entscheidend mit und schaffte es, als Spieler und Trainer Weltmeister zu werden. Ein Nachruf auf den Fußball-Kaiser
Namen trug er viele. Kaiser allen voran, Lichtgestalt oder, weniger wohlmeinend, Firle-Franz. Für den Kicker war Franz Beckenbauer „das Glückskind, das perfekt sein wollte“. Was ihm nicht immer gelang, weshalb er Mensch geblieben ist. Einer, der auf der ganzen Welt bekannt ist. Nicht nur unter Fußballfans. Weshalb nicht nur diese trauern werden.
Franz Beckenbauer ist tot. Am Wochenende, bevor in der ARD eine Doku über ihn anlief, trat er aus einem schillernden Leben, das ihm erst zum Ende hin mehr Last als Freude war. So etwas konnte selbst er, dem so viel gelang, was anderen unmöglich war, nicht planen.
Franz Beckenbauer war auf der Welt, um den Menschen Freude zu bereiten. Einen eleganteren Fußballer hat Deutschland vor und nach ihm nicht gesehen und dazu war der Mann, der den Libero zwar nicht erfand, aber hoffähig machte, unerhört erfolgreich in fast allem, was er tat. Noch so eine Kicker-Zeile: „Kaiser Franz, leichtfüßiger Dauerpächter des Erfolgs.“
Folgen wir noch einmal seinen Spuren, die er hinterlassen hat. 1945 in den ersten Nachkriegstagen geboren, gehörte der Sohn eines Postangestellten zu jener Generation von Straßenfußballern, der der deutsche Fußball seine größten Erfolge verdankt.
Die Kinder hatten nichts anderes als Tennisbälle oder Lumpen, aus denen sie Bälle machten. Als Tore dienten Kellerfenster. So wuchs auch Franz Beckenbauer auf, in einfachen Verhältnissen in München-Giesing. Er war erblich vorbelastet, der Onkel gehörte zum Kader der ersten Meistermannschaft des FC Bayern von 1932/33. Der Vater zahlte ihm die ersten Fußballschuhe. Beim SC München 06 ragte er heraus und als sich dessen Jugend auflöste, stellte sich die Frage: zu den Roten oder den Blauen?
Die Blauen des TSV 1860 waren populärer und Klein-Franz hatte seine Wahl schon getroffen, als ihn die berühmte Watschn eines „Löwen“-Spielers mitten auf dem Platz traf, den Franz allzu genervt hatte mit seiner Brillanz und Lässigkeit. „Zu dem Klub geh‘ ich nicht“, sagte er sich und ging 1958 zu den roten Bayern.
Was in den folgenden 19 Jahren geschah, ist längst Vereinsgeschichte, Gold umrahmt. Mit 18 durfte er schon in der ersten Mannschaft spielen und begann als Linksaußen, dann spielte er im Mittelfeld. Jeder seiner Trainer suchte und fand ein Plätzchen für das Supertalent.
Mit Beckenbauer änderten sich die Machtverhältnisse im Münchner Fußball. 1965 kamen auch die Bayern in die Bundesliga, seitdem sind sie dabei. Und Franz, der Überflieger, kam schon nach sechs Bundesligaspielen zu seinem Länderspieldebüt beim wichtigen 2:1 in Stockholm, das Deutschland die WM-Fahrkarte sicherte.
Schön fand in Beckenbauer einen loyalen Ansprechpartner. Er wurde sein Kapitän und Libero. In 103 Länderspielen setzte er ihn stets von Beginn an ein, davon 60-mal in Folge (vom 9. 9. 1970 bis 23. 2. 1977) – DFB-Rekord.
Der Beste war nicht überall der Beliebteste. Es lag an seiner lässigen Spielweise. Er spielte auch in höchster Bedrängnis präzise Pässe mit dem Außenrist. Wo andere den Ball traten, streichelte er ihn. Solchen Zuspielen haftet der Hauch von Arroganz an, man lernt sie nicht in der E-Jugend. Wer den Außenrist nimmt, arbeitet Fußball nicht, er zelebriert ihn. Und schaut auf die anderen herab. So das Klischee.
„Bei mir pfeifen sie schon, wenn ich auf den Platz komme. Meine Art auf dem Platz kommt bei einzelnen Bevölkerungsschichten nicht an: Ich winke oft auch ab. Dann wirkt das so, als ob ich unzufrieden sei und über meine Kameraden schimpfe oder über die Zuschauer. Dabei schimpfe ich in Wirklichkeit über mich selbst“, hat er mal gesagt.
1968 zeigte er dem Publikum in Hannover den nackten Hintern – 1000 DM Geldstrafe. Es war der pure Neid auf einen, der schon in jungen Jahren Millionär wurde. Dabei nutzte er nur die Chancen, die ihm das Leben bot, ohne zu vergessen, wie es einmal war. Einmal die Woche besuchte er Mutter Antonia, die auch seine Autogrammpost beantwortete und die Karten versandte.
Er fuhr schon mit 19 einen weißen BMW für 8000 DM. Er war der erste Profi, der einen Manager hatte: Robert Schwan, zugleich Bayern-Manager. Eine heikle Konstruktion, die in der Mannschaft kritisch beäugt wurde. Schwan machte den gutaussehenden Burschen zu einem der ersten Werbestars der Liga (Suppenwerbung „Knorr auf den Tisch“, Shampoo-Werbung).
Die Aufnahmen entstanden in seinem Wohnzimmer. Dann fing er auch noch an zu singen: „Gute Freunde kann niemand trennen“, trällerte er 1967 im Mannschaftskreis. Er im Focus, die anderen als Staffage. Das kann sich nur leisten, wer auf dem Platz voranging. Nun, das tat er.
1966 stand er mit seinen 20 Jahren bereits im legendären WM-Finale von Wembley und wurde zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt, wie noch dreimal (1968, 1974, 1976) – so oft wie kein Zweiter.
1967 holten die Bayern ihren ersten Europapokal (der Pokalsieger), 1969 das erste Double. 1970 wurde Beckenbauer mit der Nationalelf bei der WM in Mexiko Dritter und mancher leistete Abbitte, als der Schönspieler gegen Italien mit angeknackster Schulter durchhielt. Das Bild vom Arm, der in der Schlinge hängt, erinnerte eine englische Zeitung an einen „verwundeten, besiegten, aber stolzen preußischen Offizier“ (Evening Standard).
Nach Mexiko bekam er auch im DFB-Team die Rolle, die er sich im Verein längst verdient hatte: die des freien Mannes (Libero) vor und hinter der Abwehr. Die glorreichen Bayern der Siebziger brauchten deshalb keinen Spielmacher, es reichte, wenn ihr Abwehrchef gelegentlich nach vorne kam und mit dem Bomber der Nation, Gerd Müller, die gefürchteten Doppelpässe spielte, gegen die es kein Rezept gab.
Da war sie, die von ihm angestrebte Perfektion, die auch die DFB-Auswahl im Frühsommer 1972 streifte, als sie in Brüssel Europameister wurde. Dank der Feldherrn Beckenbauer und Günter Netzer, die im Wechsel die Angriffe vorantrieben. Mit Ramba-Zamba-Fußball in ein neues Zeitalter, von „Fußball 2000“ schwärmte L’Equipe.
Nun wurde er Europas Fußballer des Jahres, wiederholte das Kunststück 1976. Die Siebziger waren sein Jahrzehnt, 1974 sein größtes Jahr. Mit 28 wurde er in München Weltmeister, sechs Wochen nach dem Gewinn des Landesmeisterpokals, auf den die Bayern noch zwei folgen ließen. Meister wurde er auch, perfekt war der erste Hattrick der Bundesligageschichte (1972-74). Es war die Zeit, als die Bundesliga als die beste der Welt galt und Kaiser Franz war der Beste der Besten.
„Ich messe der Anrede Kaiser Franz keinerlei Bedeutung bei. Ich weiß nicht, wer sie erfunden hat. Vielleicht ein Journalist, dem mein Name zu lang war“, sagte Beckenbauer 1977. Es gibt das Foto mit ihm (1971) vor einer Büste von Kaiser Franz Josef in Wien – der Ehemann von Sissi – im Rahmen eines Testspiels. Und es gibt die Geschichte aus dem Pokalfinale 1969, in dem Bayern die Schalker 2:1 schlug.
Schalkes Stan Libuda galt als „König von Westfalen“, Beckenbauer foulte ihn und blieb ungestraft, die Schalker Fans tobten, weshalb er vor ihren Augen den Ball rund 40 Sekunden jonglierte. „Der Schalker Anhang versuchte Kaiser Franz von Bayern vom Thron zu stoßen“, schrieb die Bild-Zeitung, die ihn schon in der Woche zuvor zum „Kaiser von Bayern“ ernannt hatte, weil er zum dritten Mal in Folge notenbester Spieler der Saison geworden war.
Verständlich, keiner war mehr souverän auf dem Platz, obwohl er zuweilen aus der Haut fuhr. Aber er war trotz seines Jähzorns nie gesperrt. Kein Platzverweis in 30 Jahren, dabei „war ich so oft nahe dran“. Auch das erstaunt: Franz galt als schier unverwundbar, verpasste in zwölf Bundesligajahren Bayern München nur zwölf Spiele.
Verletzungen gab es dennoch und sie trieben ihn aus dem Land. Mit 350.000 DM kaufte sich Beckenbauer selbst frei, es war die Differenz zwischen Bayerns Forderung und Cosmos’ Angebot (1,75 Millionen DM). Seine Flucht in die „Operettenliga“ beendete die Länderspielkarriere.
1980 kehrte er zurück, Günter Netzer, damals Manager, holte ihn zum HSV. Beckenbauer kam mit 35 in die Liga zurück.
Vor dem ersten Training war eine Riesen-Aufruhr am Rothenbaum, 3000 Zuschauer waren eine damals unvorstellbare Zahl. Einer hielt ein Transparent: „Kaiser Franz, hol die Bayern vom Thron!“ Im ersten Jahr misslang das. Aber 1982 trat er als Meister ab, als was auch sonst?
Noch einmal ging er nach New York, im Oktober 1983 hängte er die Schuhe an den Nagel. 424 Bundesligaspiele, 132 Erstligaspiele in der MLS, 76-mal Europapokal und 103 A-Länderspiele. Weltmeister, Europameister, viermaliger Europapokalsieger, Weltpokalsieger, vier DFB-Pokalsiege, achtmal Meister, dreimal in den USA.
1999 wurde er zum drittbesten Fußballer des Jahrhunderts gewählt. Er trug das Bundesverdienstkreuz und war Ehrenspielführer des DFB. Alles errungen in kurzen Hosen. Es hätte schon gereicht zur Unsterblichkeit. Aber einen wie ihn ließ der Fußball nicht los.
1984 übernahm er in der Stunde der Not die Nationalmannschaft, von der Bild-Zeitung, deren Kolumnist er war, in den Trainersattel gehievt. Er wollte nur für ein Jahr bleiben, eigentlich hatte er ja nie Trainer werden wollen, das säuselte er schon als Teenager in die Kameras. Weil er auch nie einer geworden war, ernannte ihn der DFB zum Teamchef und stellte ihm Horst Köppel zur Seite, um den Protest des Bundes Deutscher Fußballehrer die Spitze zu brechen.
Novize Beckenbauer, damals 38, zahlte Lehrgeld, doch schon bei seiner ersten WM landete er wieder mal im Finale. Sie verloren gegen Argentinien mit 2:3, niemand war ihnen böse.
In der Halbzeit des Schottland-Spiels soll 1986 erstmals der berühmte Satz gefallen sein, den nur einer wie er sich leisten konnte: „Burschen, geht’s raus und spielt‘s Fußball.“ Worte eines Praktikers, der alles erlebt hatte und die Skeptiker eindrucksvoll widerlegte.
Der Kaiser regierte noch vier Jahre, das machte sich bezahlt. Sie zogen 1990 mit ihm über den Brenner und er bekam noch ein Endspiel gegen Argentinien. Nun gewannen sie und Beckenbauer trat ab im italienischen Mondschein. Der einsame Wanderer am Mittelkreis, völlig losgelöst von der Erden. Vielleicht das Bild seines Lebens. Nun war er Lichtgestalt und die Historiker stellten fest: Als Spieler und Trainer Weltmeister, das schaffte nur Mario Zagallo, der drei Tage vor ihm verstarb, und Didier Deschamps.
Nach einem Intermezzo als Technischer Direktor bei Olympique Marseille stieg er bei seinen kriselnden Bayern ein – als Vizepräsident, Präsident, Aufsichtsratsvorsitzender, zuletzt Ehrenpräsident. Und zwischendurch sogar wieder Trainer: 1994 und 1996 sprang er in der Rückrunde ein, holte Meisterschaft und Uefa-Pokal und erzielte den sensationellsten Treffer in der Geschichte der Torwand im ZDF-Sportstudio.
Am Abend des 7. Mai 1994 legten sie ihm einen Ball auf ein volles Weizenbierglas. Ein Handicap, aber kein Problem für den passionierten Golfer. Er traf den Ball so sauber, dass er ins Loch hoppelte, während das Glas nicht mal wackelte. Absolut perfekt. Das Bild des Mannes, dem glückte, was er anfasste, bekam immer schärfere Konturen.
Als ihn der DFB in sein WM-OK holte, fand er neben all seinen Tätigkeiten für Werbepartner und als Experte fürs Fernsehen Zeit, um die ganze Welt zu reisen. Beckenbauers Good-will-Touren verdankt Deutschland in erheblichem Maße, dass es am 4. Juli 2000 die WM 2006 bekam und der Fußball sein Sommermärchen erlebte.
Was er außerdem dazu beigetragen hat, beschäftigte 15 Jahre später die Gerichte und überschattet das Lebenswerk des Kaisers, dessen Schicksal seine vielen Freunde in der Fußballwelt gleichermaßen irritiert wie rührt. Weil ihn alle mochten, die ihn näher kannten. Weil er jedem freundlich gegenübertrat und er einer Wies’n-Wirtin schon mal 100 Mark zusteckt aus Respekt. Weil er mit seiner Stiftung seit Jahrzehnten Gutes tut. Weil er halt der Franz ist.
War der alte Charmeur und oft allzu gutgläubige Kerl, der einmal bekannte, alles zu unterschreiben, was ihm ein Freund hinlege, nun Täter oder Opfer in der Sommermärchenaffäre? Zur Aufklärung hat er nicht viel beigetragen. Die Frage nach dem Zweck der ominösen 6,7 Millionen-Euro-Leihe bei seinem Freund Robert Dreyfus, die er initiiert hat, schwebte bis zuletzt über seinem gekrönten Haupt und dem DFB.
Dann kamen die Krankheiten. Erblindet auf einem Auge, Herz-OP – und der Kummer um den an Leukämie verstorbenen Sohn Stefan. „Man muss den Tod als einen Freund betrachten“, sagte er schon, als er noch keinen Bypass trug.
Zurückgezogen lebte der beste Fußballer in der deutschen Geschichte in Salzburg, bei seiner dritten Ehefrau Heidi. „Gute Freunde kann niemand trennen“, hat er mal gesungen. In diesem Fall trifft das zu. Leider.