Berlin Autorin Uta Ruge: „Wir sind nicht die Guten, nur weil wir kein Fleisch essen“
Als Kind versorgte sie Kühe, heute schreibt sie über die Landwirtschaft: Die Autorin Uta Ruge spricht im Interview über fehlende Distanz zu Tieren, Tierwohl und die Unkenntnis vieler Aktivisten.
Uta Ruge (70) wuchs auf einem Bauernhof mit Milchkühen auf. Für ihr neues Sachbuch „Die Kühe, mein Neffe und ich“ besuchte sie Höfe in ganz Deutschland und sagt: Den Kühen geht es nicht schlecht. Und gäbe es keine Nutztiere, wäre das gefährlich für das Selbstbild des Menschen.
Frage: Frau Ruge, was bedeuten Ihnen Kühe?
Antwort: Als ich mit fünf Jahren als Stadtkind aufs Land kam und die Kühe im Stall brüllten, sind meine Geschwister und ich schreiend weggelaufen – später war uns das peinlich. Mit der Zeit bedeuteten Kühe vor allem Arbeit, und die haben wir immer mit Vorsicht und Respekt vor ihrer Größe verrichtet. Wir Bauernkinder sind sehr stark mit dieser doppelten Beziehung aufgewachsen: Mit der Fürsorge für die Tiere und mit einer gewissen Distanz.
Antwort: Diese Distanz ist mittlerweile zum Teil verloren gegangen. Manchmal denke ich, die vegetarische und vegane Bewegung hat genau darin ihren Ursprung, dass es wie Kannibalismus empfunden wird, Fleisch zu essen. Für uns Bauernkinder war der Deal klar: Die Tiere bekommen etwas von uns, und irgendwann ist Ernte – genau wie bei den Pflanzen – und dann wird geschlachtet. Die Kühe sind noch besonders, denn sie stehen ein Leben lang in einer sehr engen Arbeitsbeziehung mit dem Menschen.
Frage: Wie hat diese Arbeitsbeziehung Sie geprägt?
Antwort: Ich denke, was uns aus der Landwirtschaft alle prägt, ist, Verantwortung übernehmen zu müssen. Jedenfalls unsere Generation wurde ganz selbstverständlich angelernt, als kleine Kinder haben wir schon die Kälber getränkt. Rinder waren ursprünglich wandernde Herden, wir halten sie fest. Und damit haben wir eine Verantwortung für ihr Leben und ihr Sterben.
Frage: In Ihrem Buch beschreiben Sie mit einem liebevollen Blick immer wieder den Charakter und die Eigenheiten von Rindern. Trotzdem sehen Sie sie klar als Nutztiere. Wieso ist das für Sie kein Widerspruch?
Antwort: Es ist ein Widerspruch. Der Mensch ist widersprüchlich. Der Versuch, Vegetarier oder Veganer zu sein, ist für mich ein Beispiel dafür, dass wir das Selbstbild ausgeprägt haben: Wir sind nur gut, wir töten nicht. Aber alleine, indem wir leben, zerstören wir Leben – und auch Pflanzen sind ja Lebewesen. Natürlich weiß ich, dass wir als Menschen den Planeten ganz schön verwüstet haben. Aber wir sollten das Prinzip anerkennen, dass wir nicht die Guten sind, nur weil wir kein Fleisch essen. Ich glaube, das Selbstbild des Menschen wird sehr harmonisiert und hygienisiert dadurch, dass die meisten von uns so weit von den Tieren entfernt sind.
Frage: Also: Solange der Mensch lebt und sich ernährt, ist das mit Gewalt und Leid verbunden?
Antwort: Ich glaube schon, ja. Bestimmte indigene Kulturen haben ja auch starke Rituale entwickelt, sich zu bedanken bei der Natur. Das ist ein klares Bewusstsein dafür: Wir haben euch etwas weggenommen.
Frage: Frühe Trennung von Mutterkuh und Kalb, häufige Trächtigkeiten, die Züchtung auf mehr Milchertrag… Glauben Sie, dass die Kühe für uns leiden?
Antwort: Tiere leiden, wie wir auch. Sie leiden anders, denn wir haben Bewusstsein von unserem Leiden, sie nicht. Aber was denken Sie, wenn Sie draußen ein Reh oder eine Häsin sehen? Die haben entweder gerade Junge oder sind tragend. Die warten auch nicht drei Monate oder vier – sobald das weibliche Tier läufig ist, wird gedeckt. Das Bild von der Zwangsschwangerschaft finde ich schräg.
Frage: Was ist mit der Trennung von Kalb und Kuh?
Antwort: Als ich klein war, wurde das Kalb der Kuh sofort entzogen, heute bleibt es zehn bis 20 Stunden bei der Kuh im Stall. Ich sage übrigens auch nicht Mutter, sondern Kuh…
Frage: Warum?
Antwort: Es gibt zunehmend die Vorstellung, dass alles Mutter und Baby genannt werden muss. Da sagt man nicht mehr Ferkel, sondern Babyschwein. Das finde ich bescheuert, denn es ist nicht nur eine Verarmung der Sprache, sondern eine Versüßung und Verniedlichung. Außerdem ruft das Wort „Mutter” einen riesengroßen Bedeutungshof auf. Bei uns ist man ein Leben lang Mutter, aber das ist bei Tieren etwas anders: Hunde zum Beispiel beißen irgendwann ihre Kinder weg, weil die nächsten kommen. Ich finde, diese vermenschlichenden Bezeichnungen bringen etwas Falsches rein.
Frage: Zurück zu den Bedingungen für Kühe…
Antwort: Ich glaube, wenn Sie sich mal einen Tag in so einem Stall aufhalten, haben Sie nicht den Eindruck, dass es den Kühen schlecht geht. Da wird eine Menge gemacht: Es gibt große Bürsten, unter die sie sich stellen können, sie liegen in Buchten mit extra Matten, und sie haben permanent Wasser und Futter. Einige sagen: Die wären viel lieber auf der Weide. Aber was Kühe gerne mögen und nicht, ist eine schwierige Frage.
Antwort: Es gab kürzlich eine Studie aus Mecklenburg-Vorpommern, da hat man den Kühen die Möglichkeit gegeben, drinnen oder draußen zu sein und mit Überraschung festgestellt, dass sie lieber drinnen waren. Nun ist das mit Vorsicht zu genießen, denn vielleicht hat es gerade geregnet oder sie wurden von Insekten geplagt.
Antwort: Ich will sagen: Die ganze Tierwohl-Idee ist wunderbar. Aber erstens ist es nicht so eindeutig, wann es Kühen wirklich gut geht. Und das Zweite ist: Es muss bezahlt werden. Ich kenne keinen Bauern, der nicht für Tierwohl ist, aber er fragt: Wer bezahlt es?
Frage: Unterhalten Sie sich manchmal mit Tierschützern?
Antwort: Ich unterhalte mich viel mit Bauern, die mit Tierschützern sprechen. Demnächst habe ich eine Lesung in Kreuzberg, da werden bestimmt Veganer und Vegetarier dabei sein. Ich habe auch absolut nichts gegen sie! Ich esse Fleisch und muss das auf mein Gewissen nehmen, und sie wollen ihr Gewissen damit nicht belasten.
Frage: Gibt es Kritik an Landwirtschaft, die Sie besonders ärgert?
Antwort: Ich bin oft erschüttert über das Ausmaß der Unkenntnis. Neulich habe ich zum Beispiel Greenpeace-Aktivisten bei einer Aktion gegen Anbindehaltung der Kühe angesprochen. Ich habe gesagt: Ist euch klar, dass die Almen verschwinden könnten, wenn die Anbindehaltung vollständig verboten ist? Weil die Betriebe, die ihre Kühe im Sommer auf die Almen schicken, oft in engen Tälern wirtschaften und weder Platz noch Geld haben, um sich einen Laufstall zu leisten. Einer meinte, das sei ihm egal, er sei ohnehin Veganer. Da habe ich ihn gefragt, woher er den biologischen Dünger für sein Gemüse bekommen wolle. Diese Detailfrage hat ihn so empört, dass er weggegangen ist. Das sind dann für mich keine ernsthaften Diskussionen.
Frage: Sie haben für Ihr Buch verschiedene Höfe besucht. Wie sehr hat sich die Rinderhaltung im Vergleich zu früher geändert?
Antwort: Ich finde interessant, dass sich das Prinzip relativ wenig ändert. Man muss fürs Futter sorgen, braucht eine Technik, um zu melken und die Exkremente zu entsorgen. Es ist spannend, dass bei der Milchviehhaltung immerhin noch viele verschiedene Stile existieren. Einige haben Laufställe, bei anderen kommen die Kühe im Sommer nach draußen oder die Kälber bleiben länger bei den Kühen. Bei den Schweinen und Hühnern gibt es dagegen nur noch einen standardisierten Stil.
Frage: Sie waren auf einem großen Hof in Ostdeutschland, mit 1750 Kühen und Schichtdienst beim Melken. Empfinden Sie Unbehagen, wenn Sie das sehen?
Antwort: Ja. Vor allem kleine Betriebe sind enorm bedroht. Ob einer überlebt, hat auch damit zu tun, wie geschickt er mit Banken umgehen kann, welche Sicherheiten er im Hintergrund hat und wie ausbeuterisch er bereit ist zu werden mit den Tieren, den Böden und mit sich selbst und seiner Familie. Ich habe neulich einen Bauern in Norddeutschland getroffen, der 300 Kühe hatte und es nicht geschafft hat. Ein anderer hat mir gesagt: „Bei uns gibt es alles, nur nicht Raubbau.” Und das kann heißen: Du musst aufgeben.
Frage: Sie leben in Berlin – fehlt Ihnen das Land nicht?
Antwort: Doch. Aber als Journalistin und Sachbuchautorin habe ich in der Großstadt alles, was ich für meinen Beruf brauche: Kollegen, Archive, Museen. Ich kann auch nicht gut Ferien machen auf dem Lande. Ich sehe immer die Arbeit.
Frage: Mal angenommen, in 20 Jahren gibt es nur noch Fleischersatz und pflanzliche Milch. Was würde den Menschen ohne Rinderhaltung fehlen?
Antwort: Die Beziehung zu den Tieren. Man kann natürlich sagen: Diese Beziehung zu den Tieren soll uns fehlen. Ich sehe aber, dass wir damit einem noch größeren Mangel an Selbsteinsicht entgegengehen. Diese Vorstellung der absoluten Machbarkeit von allem wird immer mehr dominieren: Wir machen auch die Milch selbst und brauchen nichts und niemanden mehr dafür. Wir sind unsere eigenen Götter.