Sylt  Quoten-Analyse: Wie Küstenkrimis den „Tatort“ blamieren

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 07.01.2024 11:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Quoten-Hit der öffentlich-rechtlichen Nordkrimis: In der Reihe „Nord Nord Mord“ ermitteln Ina Behrendsen (Julia Brendler), Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), Carl Sievers (Peter Heinrich Brix) heute wieder im Zweiten. Foto: ZDF/Thomas Leidig
Quoten-Hit der öffentlich-rechtlichen Nordkrimis: In der Reihe „Nord Nord Mord“ ermitteln Ina Behrendsen (Julia Brendler), Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk), Carl Sievers (Peter Heinrich Brix) heute wieder im Zweiten. Foto: ZDF/Thomas Leidig
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Mit ihren Quoten werden Küstenkrimis wie „Nord bei Nordwest“ und „Nord Nord Mord“ dem ARD-„Tatort“ gefährlich. Nordkrimis boomen. Wir haben uns die Zahlen mal genauer angesehen.

Anfang Januar floss wieder Blut auf Sylt. Genauer gesagt: im Autozug nach Westerland. Ein Reisender wurde kurz vor der Einfahrt erschossen. Carl Sievers (Peter Heinrich Brix) und seine Kollegen von der Insel-Kripo übernehmen. Dass sie den Täter fassen, versteht sich von selbst. Und auch am Publikumserfolg besteht kaum ein Zweifel. Die Reihe „Nord Nord Mord“ gehört im populären Genre des Nordkrimis zu den großen Hits. Die Quoten des ZDF-Formats blamieren mitunter sogar Sonntags-„Tatort“ der ARD.

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Man könnte meinen, dass ein neuer TV-Krimi bei der Premiere besonders stark interessiert – und dann wieder ein paar Zuschauer verliert. Bei „Nord Nord Mord“ ist es anders. Die allererste Folge sehen im April 2011 achtbare 4,33 Millionen Zuschauer. Die aber schwärmen offenbar so sehr von der Serie, dass all ihre Freunde einschalten – und der zweite Fall auf 7,31 Millionen hochschnellt.

Seitdem liegt keine Ausgabe der Reihe unter 6 Millionen. Zum Vergleich: Der letzte (und zugleich erfolgloseste) ARD-„Tatort“ des letzten Jahres hatte am zweiten Weihnachtstag nur 5 Millionen Zuschauer.

Dabei macht „Nord Nord Mord“ es den Fans am Anfang nicht leicht: Zwischen den ersten drei Fällen lässt das ZDF Jahre vergehen; ausgestrahlt werden die Krimis mal am Donnerstag, mal am Dienstag, dann am Mittwoch. Auf den Montag ist die Reihe erst seit Folge 8 gebucht – und selbst das nicht ohne Ausnahmen. Trotzdem bleiben die Quoten oben.

Und noch eine Hürde meistert das Format: den Wechsel im Stammpersonal. In den ersten acht Episoden leitet Hauptkommissar Theo Clüver die Kripo Sylt. Nach dem Ausscheiden von Robert Atzorn (Jahrgang 1945) verjüngt das ZDF die Reihe behutsam – und holt Peter Heinrich Brix an Bord (Jahrgang 1955). Dem Zuspruch schadet es nicht. Womöglich bringt Brix sogar neue Fans mit, die ihn aus dem norddeutschen Lieblingsformat „Neues aus Büttenwarder“ kennen.

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Mit Brix’ Kommissar Sievers holt die Reihe neue Rekorde. Fall Nummer 17 reißt sogar die magische Grenze von 10 Millionen: „Sievers und das mörderische Türkis“ ist mit 10,32 Millionen Zuschauern die erfolgreichste von 22 Folgen.

Nach ein paar Wochen bei ARD und ZDF wundert man sich, wieso es überhaupt noch Norddeutsche gibt. Die Mordrate an den Küsten ist so hoch, dass eine Armada öffentlich-rechtlicher Ermittler sich daran abarbeitet – in Krimis, deren Titel alle erdenklichen Nord-Mord-Wortspiele durchdeklinieren.

Die ARD-Reihe „Nord bei Nordwest“ beispielsweise bringt es auf 21 Folgen. Im Schnitt erreichen die Ostseekrimis mit Hinnerk Schönemann 7,53 Millionen Zuschauer. Nicht ganz so gut wie „Nord Nord Mord“ mit einem Schnitt von 7,96 Millionen – aber sehr nah dran.

„Nord bei Nordwest“ hat 2014 Premiere, in einem Jahr, das einen wahren Nordkrimi-Boom bringt. Katrin Sass nimmt damals im „Usedom-Krimi“ der ARD die Ermittlungen auf; 22 Folgen haben durchschnittlich 6,1 Millionen Zuschauer. Beim ZDF startet 2014 die Reihe „Friesland“. 19 Folgen der Schmunzelkrimis werden bis heute gesendet, vor durchschnittlich 6,85 Millionen Zuschauern. Ebenfalls im Zweiten laufen seit 2017 die „Ostfrieslandkrimis“ nach den Romanen von Klaus-Peter Wolf; bislang neun Fälle erreichen im Schnitt 6,8 Millionen Zuschauer.

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Nur ein Jahr später läuft im ZDF der Zweiteiler „Nordholm“ mit Heino Ferch und Barbara Auer; inzwischen sind acht Fälle gelaufen, immer als Doppelfolge. Quotenschnitt: 6,83 Millionen. In „Stralsund“ lässt das ZDF schon seit 2009 ermitteln. 22 Krimis kommen auf einen Schnitt von 6,04 Millionen. Die erst in Schleswig, dann in Flensburg angesiedelte ZDF-Reihe „Unter anderen Umständen“ kommt seit 2006 auf 6,2 Millionen. Logisch, dass auch das Erste einen „Flensburg-Krimi“ braucht, der 2021 vor 6,21 Millionen Zuschauern im Ersten debütiert und jetzt in Serie geht.

Von den sechs „Nord Nord Mord“-Filmen, die in den vergangen zwei Jahren laufen, erreichen fünf Marktanteile von über 30 Prozent. Wenn Sylt ermittelt, guckt jeder dritte Fernsehzuschauer zu: „Tatort“-Niveau.

Im Schnitt erreicht die Reihe 7,96 Millionen Zuschauer; für die vier Fälle aus dem Jahr 2023 liegt der Wert sogar bei 8,28 Millionen. Der „Tatort“ kommt im letzten Jahr auf 8,5 Millionen. Die Sylt-Filme mit Brix, Julia Brendler und Oliver Wnuk schließen auf das Prestige-Format der öffentlichen-rechtlichen Unterhaltung auf.

Wie wichtig die Nordkrimis für ARD und ZDF sind, verdeutlicht eine weitere Zahl. 35 neue „Tatort“-Fälle zeigte das Erste im vergangenen Jahr. Mit zwei bis drei jährlichen Folgen wirken die Nordkrimis für sich unbedeutend – bis man die Fälle zusammenzählt. Auf 22 neue Spielfilme summiert sich 2023 das Angebot der hier zitierten Reihen.

In seinen Spitzenleistungen ist der „Tatort“ allerdings unerreichbar. Die erfolgreichsten TV-Sendungen des letzten Jahres waren zwei Münster-Tatorte: „MagicMom“ aus dem März (13,93 Millionen Zuschauer) und der Dezember-Krimi „Der Mann, der in den Dschungel fiel“ (11,61 Millionen Zuschauer). Dazwischen passte nur noch das „Wetten, dass ..?“-Finale mit 12,89 Millionen.

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Jenseits von Münster fährt der „Tatort“ aber immer öfter mittelmäßige Quoten ein; im Vergleich zum Vorjahr hat der Sonntagskrimi 2023 eine halbe Million Zuschauer verloren – zumindest in der linearen Ausstrahlung. Viele Fans dürften ihre Krimis heute schließlich in den Mediatheken gucken. Aber das gilt selbstverständlich auch für die Krimi-Konkurrenz von der Küste.

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