Osnabrück Fünf Fragen, fünf Antworten: Wer war Caspar David Friedrich wirklich?
Malermönch oder Künstlerstar? Einzelgänger oder Gruppenmensch? Caspar David Friedrich ist ein deutscher Mythos. Doch wie war der Künstler wirklich? Wir klären auf – in fünf Fragen und Antworten.
Ob der „Mönch am Meer“ oder die „Kreidefelsen auf Rügen“ – die Bilder von Caspar David Friedrich sind Legenden, Ausstellungen seiner Werke Publikumsmagnete. Bis heute. 2024 wird der 250. Geburtstag des Künstlers begangen, der 1774 in Greifswald zur Welt kam und 1740 in Dresden starb. Seine Werke sind über das Jahr 2024 verteilt in Hamburg, Berlin und Dresden zu sehen. Aber wer war der Mensch hinter den Bildern? Wie war Caspar David Friedrich – in Gesellschaft, mit seiner Frau, im Atelier, in seiner Zeit? Fünf Fragen, fünf Antworten.
War Caspar David Friedrich immer berühmt? Klare Antwort: Nein. Nach seinem Tod 1840 in Dresden wird der romantischte aller Maler der Romantik schnell vergessen. Schon während seiner letzten Lebensjahre wirkt Friedrichs Kunst überholt. Zeitgenossen wenden sich ab. Das ändert sich erst mit der sogenannten „Jahrhundertausstellung“ 1906 in Berlin. Davor sind es Verwandte und Freunde des Malers, die seine Werke bewahren. Zeichnungen und Skizzen werden von Nachfahren des Malers Johan Christian Dahl verwahrt. Das sogenannte „Karlsruher Skizzenbuch“ bleibt gar bis 2023 bei Nachfahren von Georg Friedrich Kersting, der seinen Freund Friedrich in dessen Atelier porträtiert. „Wanderer über dem Nebelmeer“, vielleicht sein berühmtestes Bild, bleibt nach Friedrichs Tod verschollen. Erst 1938 taucht es im Kunsthandel auf. Wo war das Bild über mehr als 100 Jahre? Experten wissen es bis heute nicht.
Hat Caspar David Friedrich auch einmal gelacht? Der Maler gilt unter Zeitgenossen als einsamer Geselle, als Melancholiker, später gar als Sonderling. Die Nachwelt stilisiert Caspar David Friedrich zum Kunstmönch in der Atelierzelle. Aber ist das wirklich der ganze Mensch, dieser Künstler im Kristall des Klischees? „Wer aber in dem Maler Friedrich nur diese eine Seite seines Wesens: den tiefen, schwermütigen Ernst sah, der kannte ihn nur halb“, schreibt der Naturforscher Gotthilf Heinrich von Schubert. Caspar David Friedrich konnte in Gesellschaft bestens aufgelegt sein. Schubert attestiert ihm „eine heitere Gemütlichkeit, eine Gabe zum Scherz“ und schreibt weiter: „Überall wohin er kam, brachte er, wenn ihm der Kreis gefiel, Heiterkeit mit sich und fröhliches Bezeigen“. Wer das liest, hört Friedrich lachen. Ein schöner Zug an diesem angeblich so trockenen Menschen.
Malte Friedrich spontan drauflos? Aber nein. Caspar David Friedrich ist ein Denker vor der Leinwand, ein Pedant mit dem Pinsel. Seine Gemälde plant er genau – und zeichnet zuerst, bevor er malt. Er „zeichnete auf die reinlich aufgespannte Leinwand erst flüchtig mit Kreide und Bleistift, dann sauber und vollständig mit der Rohrfeder und Tusche das Ganze auf“, beschreibt Friedrichs Malerkollege und Arzt Carl Gustav Carus dessen Arbeitsweise. Seine Bilder sähen immer „bestimmt und geordnet“ aus, attestiert Carus. Caspar David Friedrich plant penibel vor, bevor er zum Pinsel greift. Unter manchen seiner Gemäldedarstellungen liegen fein gezeichnete Gitternetze zur besseren Ordnung der Sujets. Seine Motive korrigiert er so lange, bis sie die gewünschte Wirkung haben. So entfernt er von dem Gemälde „Der Mönch am Meer“ zuerst aufgemalte Schiffe, so dass der Mönch wirklich einsam vor der Brandung steht.
Wie war der Maler zu seiner Frau? Caspar David Friedrich als liebender Mann: eine schwierige Vorstellung. Der Protestant aus Greifswald findet erst spät zur Ehe. Erst mit Anfang vierzig, also sehr spät nicht nur für seine Zeit, heiratet er. Caroline Bommer heißt die Auserwählte, die er 1818 ehelicht. Drei Kinder hat das Paar. Emma Johanna und Agnes Adelheid heißen die Töchter, Gustav Adolf der Sohn. Wohin geht die Hochzeitsreise? Natürlich nach Greifswald und Rügen, in die Heimat des jungen Ehemanns. Auch in den Flitterwochen ist Friedrich von seinen Bildmotiven nicht wegzubewegen. „Sehr überrascht waren Friedrichs Freunde, als er um diese Zeit sich verheiratete, denn dem menschenscheuen, melancholischen Künstler hatte niemand diesen Entschluß zugetraut“, schreibt der Maler und Arzt Carl Gustav Carus. Friedrichs Verhältnis zur Ehe bleibt sachlich: „Kurz seit sich das Ich in ein Wir verwandelt, ist gar manches anders geworden“, notiert er kühl, schreibt dann aber auch, dass nun „mehr gelacht, mehr geschäkert“ werde. Wie hübsch.
Wo hat Caspar David Friedrich gearbeitet? In einem Atelier. Wo sonst? Das wäre die kühle Antwort auf diese sehr verständliche Frage. Aber Friedrichs Arbeitsraum hat schon einen rauen Charme. Wilhelm von Kügelgen, Maler und Schriftsteller, beschreibt es so: „Sein Atelier war von absoluter Leerheit. Es fand sich nichts darin als die Staffelei, ein Stuhl und ein Tisch“. In der Tat: Caspar David Friedrich arbeitet wie der Mönch in seiner Zelle. Dieser Raum ist leer wie der Kosmos, in den er seinen „Mönch am Meer“ stellt. Hier war Friedrich allein vor seinen Bildern, versunken in seinen Gedanken. Sein Atelier befindet sich in der ärmlichen Dresdner Vorstadt und war nicht auf Besuch eingerichtet. „Kam einer zu ihm, den er wollte sitzen lassen, dann wurde aus der Kammer noch ein alter hölzerner Stuhl hereingetragen“, erinnert sich Gotthilf Heinrich von Schubert. Caspar David Friedrich, der menschenscheue Melancholiker – hier stimmt das Bild voll und ganz.