Nach Ende von Germann in Westerende Der Gasthof war ihr halbes Leben
Mit dem Kellnern als Jugendliche fing alles an: Katja Scherler verbrachte viel Zeit im jüngst abgerissenen Gasthof Germann. Rückblick auf ein Leben im Dauereinsatz mit Höhen und Tiefen.
Westerende-Kirchloog - Gasthof Germann und ein kleines Herz: Dieses Symbol und die wenigen Buchstaben bedeuten für Katja Scherler aus Westerende-Kirchloog das halbe Leben. Sie hat sich den Namen des Gasthofs auf ihren linken Unterarm tätowieren lassen. Während das Gebäude selbst längst vor wenigen Wochen abgerissen wurde, sind es die Buchstaben auf ihrem Arm und etliche Erinnerungen, die den Gasthof noch weiterleben lassen. Denn Katja Scherler, die viele nur „Katja Germann“ nennen, hat dort seit Ende der 90er Jahre mit kurzen Unterbrechungen bis zum Ende des Gasthofes gearbeitet.
„Ich habe genau mein halbes Leben dort verbracht“, sagt die 50-Jährige. Sie hatte für ihren Berufsweg andere Pläne. Doch der Zufall führte sie nach Westerende. Dort wohnte ihr Bruder, bei dem sie als Jugendliche nach der Schulzeit einzog. Schließlich wollte sie an der Hotelfachschule in Emden lernen. Doch um die Ausbildung und den Lebensunterhalt zu finanzieren, war ein Nebenjob nötig. So fing sie bei Germann an zu kellnern. Mit der Zeit kamen mehr Aufgaben dazu. Sie kellnerte, organisierte Veranstaltungen, durfte für den Gasthof einkaufen. Das Ehepaar Rieken hatte zu dem Zeitpunkt zwei kleine Kinder, die Katja Scherler von Zeit zu Zeit betreute. So wurde der ursprüngliche Nebenjob ihr Hauptberuf und die Hotelfachschule gab sie auf.
Unzählige Stunden im Gasthof und eine Beziehung
Doch es dauerte nicht lange und ihr Engagement im Gasthof und in der Familie musste pausieren. Es kriselte in der Ehe der Riekens und in dieser Zeit beschloss Katja Scherler, nach Hamburg zu gehen. Dort blieb sie nicht lange. Nach der Trennung von seiner Frau fehlte dem Inhaber Johann Rieken eine wichtige Kraft im Gasthof. Er rief Katja Scherler an, die, mittlerweile Anfang 20, „total verknallt in ihn“, gewesen sei, wie sie selbst sagt. Sie kehrte zurück und fing wieder an zu arbeiten. Zehn bis zwölf Jahre lang lief es gut für den Gasthof, sagt Scherler. Die 50-Jährige war mit Johann Rieken mehrere Jahre liiert. Und sie verbrachte unzählige Stunden im Gasthof, um zu organisieren, zu kellnern, zu dekorieren und den Gästen ein offenes Ohr zu bieten.
Sie war bekannt dafür, vor allem bei der Dekoration sehr genau hinzuschauen. Mit den Jahren wurde es immer schwieriger, gerade bei Hochzeitspaaren, den richtigen Geschmack zu treffen, sagt Katja Scherler. Da seien die Pärchen mit Instagram-Bildern angekommen und wollten das dort Gesehene genauso haben. Oder einmal wurden die Blumen bei einer Motorradhochzeit vom zuständigen Geschäft vergessen. Obwohl die Hochzeit nicht bei Germann gefeiert wurde, sprang Katja Scherler ein und stellte die Gestecke für das Brautpaar zusammen. Wenn sie am Sonntag alleine im Stübchen Dienst hatte, kamen oft Gäste vor allem zum Reden. Auch Männer mit schlimmsten Depressionen kamen. Scherler hörte zu. So Manchen soll es laut Scherler von Schlimmeren abgehalten haben. Und natürlich wurde auch vieles an Infos herausgegeben. „Die Bild-Zeitung von Westerende“, hätten manche den Gasthof genannt.
Der Gasthof stand an erster Stelle
„Bei dir kommt Germann immer an erster Stelle“, habe ihre Familie zu ihr gesagt. Selbst als ihr Vater ins Krankenhaus musste, habe sie an dem Tag erst die anstehenden Veranstaltungen organisiert und sich dann auf den Weg gemacht. „Ich war morgens die Erste und abends die Letzte“, sagt Katja Scherler. Als längsten Dienst hätte sie einmal ein gesamtes Wochenende am Stück gearbeitet. 54 Stunden von einem Freitag bis Sonntag war sie da im Einsatz. Zwei Hochzeiten und eine Konfirmation standen an. Zwischendurch habe sie nur kurz auf einem Sessel ein bisschen schlafen können.
Das alte Sitzmöbel, auf dem auch schon Johann Riekens Vater gerne mal Pause gemacht hat, steht jetzt in ihrem Wohnzimmer. Das Holz ist an den Armlehnen abgegriffen. Das Polster ist durchgesessen, ein gelblicher Ton haftet an dem Möbelstück. Dennoch sieht er gemütlich aus. Katja Scherler wollte ihn als eines der wenigen Dinge aus dem Gasthof retten, bevor das Gebäude abgerissen wurde. Er soll noch einmal aufgepolstert werden und dann vielleicht zurück in Johann Riekens Hände gehen.
Bis zum letzten Tag im Einsatz
Die Zeit bei Germann hat nicht nur an dem Möbelstück seine Spuren hinterlassen. Der Dauereinsatz für den Gasthof führte auch bei Katja Scherler zwischenzeitig zum Burn-out. „Die Arbeit hat das Privatleben aufgefressen“, sagt Scherler. Noch einmal verließ sie den Gasthof für drei Jahre. Doch alle anderen beruflichen Wege, die sie einzuschlagen versuchte, hätten sie nicht so erfüllt, wie die Arbeit im Germann. Sie kehrte erneut zurück und blieb noch bis zum letzten Tag am 31. März. Auch half sie noch mit beim Ausräumen. Nun ist sie froh, dass der Gasthof abgerissen und nicht auf ewig dem Verfall preisgegeben wurde. Für einen letzten Einsatz als Dekofee kam Katja Scherler noch einmal ins Stübchen. Eine Frau, die dort ihren 65. Geburtstag feierte, wollte unbedingt das von ihr gestaltet haben. Als Dankeschön brachte die Jubilarin noch einen Umschlag mit üppigem Trinkgeld zu Katja Scherler nach Hause. Die 50-Jährige ist jetzt noch gerührt, als sie den Umschlag hervorholt. Es zeigt, welche Bedeutung ihre Arbeit im Gasthof für Leute in und um Westerende hatte.
Doch das ist endgültig vorbei. Der Gasthof ist inzwischen komplett verschwunden. Eine Wohnanlage für Senioren soll entstehen. Der Baustart ist für Anfang 2024 geplant. Als der Abriss begann, habe Katja Scherler noch einmal auf dem Arbeitsweg, sie arbeitet inzwischen in einem Hotel in Hinte, angehalten und innegehalten. „Tschüss altes Haus“, schreibt sie kurz darauf in einem Brief an die Zeitung.