Bremen/Lilienthal  Aufgeweichte Deiche: Warum jeder ein paar Sandsäcke füllen kann

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 29.12.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit einer Menschenkette werden gefüllte Sandsäcke zu Deich-Bruchstellen in Ostfriesland gebracht. Foto: picture alliance/dpa/Lars Penning
Mit einer Menschenkette werden gefüllte Sandsäcke zu Deich-Bruchstellen in Ostfriesland gebracht. Foto: picture alliance/dpa/Lars Penning
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Wer wie unsere Autorin morgens in der Zeitung eine allgemeine Dienstpflicht befürwortet, kann nachmittags auch ein paar Sandsäcke füllen, fand sie – und machte sich zum Helfen auf den Weg an die Wümme.

Der Kommentar zur Wehrpflicht-Debatte war geschrieben, ein weiterer Text so gut wie fertig – das Tagewerk also vollbracht, so dachte ich. Zeit für ein paar freie Tage nach Feiertagsdiensten und Familienbesuch. Aber halt, da war doch was: Ein Hochwasser zum Beispiel, direkt an der Stadtgrenze. Im Nachbarort hatte es in der Nacht Evakuierungen gegeben, ein Deichriss an der Wümme bedroht den kleinen Ort Lilienthal in direkter Nachbarschaft von Bremen. Überall in Deutschland helfen in diesen Tagen Freiwillige, die Folgen des extremen Hochwassers einzudämmen. Sie füllen Sandsäcke, schichten sie auf Paletten, bilden Menschenketten, kochen Kaffee und backen Muffins für die Einsatzkräfte.

Also los. Von 14 bis 18 Uhr würden in Lilienthal wieder Freiwillige gesucht, vermeldet Radio Bremen. Aber Moment: Auf X, vormals Twitter, heißt es zeitgleich bei der Feuerwehr Bremen, aktuell würden keine weiteren freiwilligen Helfer gesucht. Was gilt nun? Soll man sich auf den Weg machen oder lieber nicht? Der Grat zwischen hilfreich und lästig ist in solchen Lagen schmal. Das Letzte, was ich will, ist, irgendwelchen Einsatzkräften im Weg zu stehen. Fündig werde ich schließlich auf Instagram: Dort vermeldet die Gemeinde Lilienthal, von 14 bis 18 Uhr könnten sich Freiwillige zum Sandsackfüllen in der Gutenbergstraße melden.

Auf dem Weg dorthin sehe ich erstmals, wie hoch die Wümme inzwischen steht. Oberkante Unterlippe an der Straßenbrücke, die ich passieren muss und die mein Navi fälschlich noch als „gesperrt wegen Hochwasser“ ausweist. Am Treffpunkt angekommen sehe ich ein Meer von gelb-orangen Warnwesten, darin emsig schaufelnde Menschen um zwei riesige Sandberge herum, die gerade in kleine Plastiksäcke verpackt werden. Der erste Parkplatz ist voll, ich parke etwas abseits und gehe den Rest zu Fuß.

Eine Schaufel besitze ich nicht, so etwas sollte man idealerweise aber dabei haben, wenn man Sandsäcke füllen will. Außerdem hilfreich: Gummistiefel, warme Kleidung und eben eine Warnweste. Es geht zur Not auch ohne Schaufel, denn jemand muss die Säcke auch weitertragen und auf die Paletten schichten, die junge Männer in kleinen Gabelstaplern unaufhörlich abholen und leer wiederbringen. Trecker mit großen Anhängern stehen am Straßenrand und werden mit den Paletten beladen. Der Platz mit den zwei riesigen Sandbergen ist voll von Menschen, die Stimmung gut. Alle schippen und schleppen und stapeln die Säcke, alle kommen schnell ins Gespräch und helfen sich gegenseitig, wenn mal wieder einer den Sandsack zu schwer befüllt hat.

Viel falsch machen kann man beim Sandsackfüllen eigentlich nicht – das macht ihn im Ernstfall auch zu solch einem wirksamen Mittel. Jeder kann helfen. Er sollte allerdings weder zu leer noch zu voll sein. Letzteres vor allem deshalb nicht, weil ihn sonst in der Menschenkette kaum einer tragen kann. Wie schwer so ein Sandsack ist, konnte man bis vor einigen Jahren auch im inzwischen geschlossenen Sturmflutmuseum in Büsum am eigenen Leib erfahren: Dort gab es eine interaktive Sandsack-Station, bei der man ein Loch im Deich stopfen musste. Seither habe ich Respekt vor Sandsäcken, auch wenn sie idiotensicher in der Handhabung sind.

Hin und wieder gibt es auch hier in Lilienthal Anweisungen und Tipps der Feuerwehr: Wie man die Sandsäcke am besten stapelt, wohin die Paletten sollen. Eine Frau mit einer riesigen Keksdose kommt vorbei und bietet jedem an, zuzugreifen. In einem Zelt etwas abseits gibt es Kaffee, Tee, Getränke und Kuchen für die Helfer. Ob sie von der Gemeinde seien, frage ich zwei Frauen am Kaffeeausschank: Nein, sie seien „gestern hier hängengeblieben“, sagen sie, während sie den nächsten Kaffee aufsetzen. Der Proviant und das Equipment komme von Privatleuten, von örtlichen Bäckereien, Gastronomen und Supermärkten. Draußen wühlt sich ein Lkw mit zwei Dixieklos rückwärts durch den Schlamm.

Als es langsam dunkel wird, eine letzte Ansage der Feuerwehr im eingeschalteten Flutlicht: Ein großes Danke an die vielen Helfer – und Feierabend für heute. Gleich gebe es im Zelt noch Frikadellen. Die Menschen klatschen Beifall – der Feuerwehr, den Frikadellen und ein bisschen auch sich selbst.

Und die Sandsäcke: Stehen nun bereit für einen weiteren angespannten Tag an Wümme und Wörpe. Wie übrigens auch die Helfer – viele von ihnen wollen wiederkommen, sobald ihre Hilfe gebraucht wird.

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