Hannover Psychische Probleme nicht auf die leichte Schulter nehmen
Viele Menschen können nicht mehr und lassen sich wegen psychischer Probleme krankschreiben. Wer das belächelt, liegt daneben. Was wir brauchen, ist mehr Zusammenhalt.
Kriegerische Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Talfahrt, Inflation, Sorgen ums Klima, Nachwirkungen der Corona-Pandemie und allgemeine Zukunftsängste: Die Meldung einer Krankenkasse, wonach sich die Menschen in Niedersachsen immer häufiger wegen psychischer Probleme krankschreiben lassen, überrascht vor dem Hintergrund der Vielzahl aktueller Krisen nicht.
Was selbst für manch gestandenen Erwachsenen mit ausreichend Lebenserfahrung und hoher Schmerzgrenze nur schwer erträglich ist, trifft gerade junge Menschen, die mitten in der Entwicklung und noch auf der Suche nach dem eigenen Ich stecken, mit voller Wucht. Die Zahlen belegen es: Lag der Anteil bei den 20- bis 24-Jährigen, die mindestens einmal wegen seelischer Beschwerden arbeitsunfähig waren, im Jahr 2021 laut Krankenkasse noch bei 7,8 Prozent, schnellte er nur ein Jahr später auf 11,7 Prozent hoch.
Dahinter stecken häufig nicht nur menschliche Schicksale, sondern diese Entwicklung hat auch gravierende wirtschaftliche Folgen. Denn während eine Erkältung oder Grippe meist nach wenigen Tagen überstanden ist, können Menschen, die wegen seelischer Leiden krankgeschrieben sind, häufig erst nach Wochen oder gar Monaten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Da sind Mehrarbeit und zusätzlicher Stress für die Kollegen programmiert.
Wer in seinem Groll über die zusätzliche Belastung aufgrund des kranken Kollegen nun klammheimlich an ein „Weichei“ denkt oder gar an einen „Drückeberger“, sollte sich davor hüten, vorschnell zu urteilen und sich besser fragen, was er tun kann, um zu helfen.
Offene Ohren und Empathie bringen mehr als Schuldzuweisungen. Überhaupt stünde es uns als Gesellschaft gut an, in diesen schwierigen Zeiten weniger an uns selbst zu denken, die Ellenbogen einzufahren und uns unterzuhaken. Kein Computerspiel, keine Nachrichten-Chats, keine sozialen Netzwerke und keine noch so schlaue Künstliche Intelligenz können persönliche Gespräche und enge Freundschaften ersetzen.