Zürich  Eine Reportage bis zum Tod: Der letzte Sommer und Abschied nehmen

Michael Schilliger
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Von Michael Schilliger
| 26.12.2023 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 30 Minuten
Eine Kerze brennt in einem Glas. Ein Zeichen des Gedenkens. Foto: Unsplash/Paolo Nicolello
Eine Kerze brennt in einem Glas. Ein Zeichen des Gedenkens. Foto: Unsplash/Paolo Nicolello
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Er war 19. Er war nicht glücklich. Dann bekam er Krebs. Also begann er zu leben. „Am Schluss sterbe ich trotzdem“, sagt Zack Logan. Bis es so weit sei, sollten wir ihn begleiten. Eine Reportage bis zum Tod – Teil Drei.

Dieser Text ist der dritte Teil einer dreiteiligen Serie über das Leben von Zack. Hier finden Sie Teil eins und zwei.

Noch 500 Meter zur Bushaltestelle, sagt Google Maps. Der Bus nach Auschwitz-Birkenau fährt erst in 30 Minuten. Aber für Zack sind diese 500 Meter an diesem zu heißen Frühsommertag im Mai 2022 eine kaum zu bewältigende Distanz. Er setzt sich auf eine Bank im Stadtpark von Krakau. Oben seufzt der Wind durch die Baumwipfel, unten keucht Zack.

Drei Monate ist es her, dass die Ärzte gesagt haben, eine Heilung sei nicht mehr möglich, der Countdown steht bei 2 bis 12 Monaten.

Er hustet, dann atmet er tief ein, beugt sich nach vorne, das Käppi hat er sich fast ganz über die Augen gezogen, er presst sich wieder nach hinten in die Parkbank, hustet erneut, als ob er sich übergeben müsste. „Nein. Nein.“ Er macht eine Pause, saugt Luft ein. „Siehst du“, sagt er zu mir, „so macht das alles keinen Sinn.“

Am Vorabend war er noch euphorisch gewesen. „Schau, wie schön, wie unglaublich schön! Wirklich beeindruckend“, so hatte er die Stadt bejubelt, als wir in der Nacht vom Flughafen ins Stadtzentrum fuhren. Dabei warf er nur kurze Blicke aus dem Tram, er hatte Google Maps geöffnet und speicherte Restaurants und Bars ab. „Ein Sushi-Restaurant gleich neben dem Airbnb, schau! 4,6 Sterne! Und hier ein polnisches Gulaschrestaurant! Und das Burger-Restaurant hat auch Top-Bewertungen.“ So gierig, als ob es seine erste Reise wäre, speicherte Zack grüne Punkte auf Google Maps, seinen Reiseplan, die Karte der endlosen Möglichkeiten, die auch sein Vermächtnis werden würde.

Kurz vor dieser Reise hatte er sie bereinigt. Er war die Tausende grünen Punkte durchgegangen, die auf der ganzen Welt mögliche Reiseziele markierten, und löschte, was ihn eigentlich gar nicht interessierte. Und was ihm in der verbleibenden Zeit unrealistisch erschien. „Einigermassen sauber jetzt“, sagte er, als er davon erzählte. „Der Tod kommt näher.“

Auschwitz auszulassen, war nie zur Debatte gestanden. Das Konzentrationslager hat ihn seit seiner Diagnose begleitet, ja irgendwie auch durch dieses Zwischenreich zwischen Leben und Tod geführt.

Zack beklagt sich manchmal darüber, dass es keine Anleitung für seine Situation gebe. Das, was einem Handbuch am nächsten kam, war „Man’s Search for Meaning“ von Viktor Frankl. Frankl war ein KZ-Häftling, der Auschwitz überlebte. Zack hatte das Buch gleich nach seiner Krebsdiagnose auf Englisch gelesen. Jetzt hat er es auf Deutsch bei sich, der Titel „. . . trotzdem Ja zum Leben sagen“ passt ihm besser.

Frankl beschreibt im Buch, wie es ihm gelang, im Konzentrationslager nicht den Verstand zu verlieren. Es ist eine Anleitung dafür, wie man das Leben gestaltet, wenn der Tod jede Sekunde eintreten kann.

Zack erzählte auch Luc vom Buch, und wenn es Zack schlechtging, sagte Luc Sätze aus dem Buch zu Zack zurück.

Zack sehnte sich danach, den Ort zu sehen, der diese Gedanken hervorgebracht hatte. Vielleicht, weil ein Rest Misstrauen blieb, dass man tatsächlich angesichts des baldigen Todes ans Leben glauben konnte.

Er sagt auch, er fühle sich „diesen Menschen“ verbunden. Er schämt sich für diesen Gedanken. „Was sie im KZ erlebt haben, ist ja ein ganz anderer Schmerz. Meine Situation ist viel weniger schlimm. Aber wenn ich nach einer Operation allein im Spitalzimmer lag, mit Schmerzen und einsam, dann habe ich schon Kameradschaft gefunden im Gedanken, dass es anderen auch hoffnungslos ging.“ Er glaubt, dass es ihm helfen wird, „diese Hölle“ zu sehen. „Es gibt mir einen Ruck. Schau dich mal um. Du kannst noch leben, diejenigen, die hier waren, hatten keine Chance, denen ging es viel schlimmer. Get a grip, Zack.“

Vielleicht ist das ein ungesunder Vergleich. Schmerzen und Verzweiflung soll man nicht gegeneinander ausspielen. Das Sterben ist in jeder Situation ein vereinsamender Prozess. Auch wenn Zack Freunde und Familie hat, die ihn begleiten. Den Tod können sie ihm nicht abnehmen.

Vor allem stoßen irgendwann auch Freunde und Familie an ihre Grenzen. Amélie sagte mir einmal: „Das klingt sehr hart, aber ich habe es manchmal bis hier oben mit dem deepen `meaningful talk´ über den Tod und die Bedeutung des Lebens. Manchmal will ich doch einfach zuschauen, wie eine Katze durch den Garten läuft und sagen: „Schau, die Katze, so schön, das Licht im Garten.“ Aber jedes Mal geht es dann gleich, wruuummm, in dieses intensive Bedeutsame. Und dann fühle ich mich schrecklich. Schließlich müsste ich doch noch jede Sekunde mit ihm genießen.“

An der Uni fühle er sich besonders einsam, erzählt mir Zack. Er kann es kaum fassen, dass er unter den 28 000 Studenten der Einzige sein soll, der in dieser vertrackten Situation steckt. „Das kann doch gar nicht sein. Ich habe mir überlegt, so eine Art Todesklub zu gründen. Für Studenten, die bald verrecken.“ Nur: Wie findet er die?

Zack suhlt sich selten lange in seinem Elend. Er kann nicht mehr weit gehen – also stellt er sich auf ein E-Trottinett und kurvt so durch die Straßen und Gassen seiner Reiseziele. Auch heute Morgen in Krakau ist er um 10 Uhr aufgestanden und losgefahren. „Peak-Human-Experience“ nennt er das.

Aber das ist zwei Stunden her, und zwei Stunden sind in Zacks Welt viel Zeit. Er ist inzwischen schnell erschöpft. Drei Wochen Chemotherapie laugen seinen Körper derart aus, dass er eine ganze Woche braucht, um sich einigermaßen vom Gift zu erholen. Er hat dann Durchfall, Brechreiz, kann kaum essen. Und dann folgen schon die nächsten drei Wochen Chemotherapie. „Das lohnt sich so nicht.“

Eigentlich wäre er jetzt gerne nur im Bett in seinem Airbnb, aber „dann versinke ich im Selbstmitleid“.

Jetzt, auf der Bank im Park in Krakau, macht er eine „Lebenswertgleichung“. Ein hässliches Wort für eine hässliche Rechnung. Von vier Wochen sind drei mit der Chemotherapie ausgefüllt. „Nicht lebenswert.“ Dann eine Woche Pause, in der es ihm vielleicht gut geht, vielleicht aber auch nicht. Dann wieder drei unlebenswerte Wochen. Und das alles nur, damit die Tumore einigermaßen gleich groß bleiben, komplett verschwinden werden sie nie. „Am Schluss sterbe ich trotzdem.“

In der Ferne heult ein Krankenwagen.

Ich höre mich sagen: „Du könntest ja auch argumentieren: Jede gute Woche lohnt sich.“

Zack sagt: „Ja, aber ich habe genug vom Leben. Nein. Ich habe genug von noch mehr Zeit im Spital. Was ich mache, ist überleben, nicht leben. I am not in the business of survival.“

Dieser düstere Zack klingt wie der Autor eines Selbsthilfebuchs, der sich in einem Selbstgespräch verliert. Denn die Ratschläge, die er ausspuckt, sind entweder zu abstrakt und offensichtlich – oder zu konkret, weil Zacks Situation so einzigartig ist.

Er sagt dann: „Ich möchte noch so viel machen, aber ich bin müde, death can’t come soon enough. Eigentlich möchte ich zwanzig Jahre schlafen. Aber ich will auch alles durchgebrannt haben, jede Sicherung. Ich will, dass ich am Schluss, wenn ich am Ziel bin, keinen Tropfen Saft in mir habe. Dass ich einfach nur froh bin, dass ich noch über die Ziellinie kriechen kann. So fuck yeah, endlich Ruhe, endlich peace forever. Das ist meine Lebensphilosophie. If you do it right, once is enough.“

Und so hieven wir uns in den Bus, der ins Konzentrationslager fährt. Aus Krakau raus, durch eine sanfte Hügellandschaft, kleine einfache Dörfer, die auch in England auf dem Land stehen könnten. Felder, Tankstellen, Kreisel und simple Restaurants. Zack sieht davon nichts. Er döst vor sich hin, manchmal erzählt er von Lea, die er gerne dabei gehabt hätte, aber Geschichte und Politik interessierten sie nicht. „Wir sind schon sehr anders.“ Er redet einfach so, ganz langsam, ohne dass ich nachfrage, von den schönsten Momenten im letzten Jahr, „die meisten mit Lea, ja“, aber auch in den USA, wo er sich einen Helikopterflug gegönnt hat, „nur 15 Minuten“, aber weil er allein war, durfte er neben dem Piloten sitzen. „So intensiv!“

Manchmal erzählt Zack von solchen Erlebnissen, und seine Stimme und die Worte decken sich nicht. Er sagt „intensiv“, aber seine Stimme sagt „langweilig“. Man kann das Leben dehnen, indem man es mit Erlebnissen und Erfahrungen füllt. Dann versucht man alles noch schneller zu erledigen, Bücher noch flinker zu lesen, noch effizienter und häufiger zu reisen, an einem Tag nicht nur das eine Museum, sondern auch noch den Markt und das Schloss zu besuchen. Der Kopf ist gefüllt, aber wie viel davon kann man überhaupt verarbeiten?

Vor dem Eingang von Auschwitz sucht er plötzlich ganz aufgeregt auf seinem Handy ein Zitat in seiner Notiz-App. „Finde es nicht“, murmelt er, dann googelt er lange. „Schau, der Typ, Witold Pilecki, was für eine Legende!“

Pilecki war ein polnischer Widerstandskämpfer, der sich freiwillig in Auschwitz hatte einsperren lassen, um der Außenwelt zu berichten, was im Lager vor sich ging. Es gelang ihm auszubrechen, später beteiligte er sich am Widerstand gegen die Sowjetbesatzung, schließlich wurde er hingerichtet. Vor seiner Erschießung soll er gesagt haben: „I’ve been trying to live my life so in the hour of my death I would rather feel joy than fear.“ (Ich habe mein Leben so gelebt, dass ich in der Stunde meines Todes Freude und nicht Angst spüren würde) Zack sagt das Zitat laut auf und seufzt. „Der Typ hat es genau gecheckt! Mit einem Lächeln sterben, das will man!“

Klar wäre es schön, lächelnd zu sterben, denke ich, aber Pilecki fühlte „joy“, nicht weil er intensiv gelebt hatte, sondern weil er glaubte, sein Leben habe einem höheren Zweck gedient. Weil er überzeugt war, dass er anderen geholfen hatte und sich sein Tod nun lohnen würde. Es ist ein unfairer Vergleich, aber Zack selbst hat ihn aufgebracht.

Es ist sowieso eine unfaire Situation. Kein 24-Jähriger sollte sich mit solchen Fragen auseinandersetzen müssen.

Bevor die Nazis kamen, war das KZ Auschwitz eine polnische Kaserne. Schöne Backsteinhäuser, Birken, deren Rinde in der Sonne glänzt, und Blätter, die rauschen wie das Meer. Ein schöner Ort, wenn man vergisst, was er war. Wie Zack, dem man selten ansieht, dass in ihm etwas wächst, das ihn töten wird. Das Schöne und das Grauen sind wie Schichten übereinandergelegt.

„Ikonisch“, sagt er ganz leise, als er durch das Tor tritt, über dem „Arbeit macht frei“ prangt. Er hört der Führerin konzentriert zu, geht oft ganz vorne in der Gruppe, stellt sich, wenn wir anhalten, gleich neben sie. „ThyssenKrupp“, „krass, die machen jetzt all die Flugzeugteile“. „IG Farben, BASF jetzt, oder?“, fragt er.

Er sagt das leise, es ist mehr Selbstgespräch als Kommentar. Die Führerin sagt „Zyklon B“, „schönes Molekül“, sagt Zack, der Chemiestudent mit dem Körper voller Chemie.

Er wird stiller, als wir die Gebäude betreten. Eine Vitrine, darin türmen sich Prothesen, die die Nazis den Lagerinsassen abgenommen haben. Zack bleibt lange davor stehen. Geht weiter, vor der Vitrine, die mit einem Berg Haare gefüllt ist, krümmt er sich. Ekel oder sein Krebs? Wut, wird er später sagen.

Zacks Mutter Amélie sagt mir einmal: „Ihr, die ihr Zack begleitet, seine Freunde, aber auch du, der ihn nur gelegentlich sieht, kriegt nur die positive Seite, den enthusiastischen Reise-Zack, ab.“ Was wir nicht sähen: Zack nach seiner Rückkehr. Ausgebrannt, erschöpft, düster und verzweifelt.

Sie irrt sich. Zack hat diese Schwankungen auch, wenn er unterwegs ist. Sie weiß das eigentlich, weil er sie manchmal anruft, wenn er einsam ist und nicht weiß, ob er zum Beispiel seine kostbare Zeit allein in Südkorea verbringen oder doch schon etwas früher nach Hause zurückkehren soll.

Zack ist immer auf Sendung. Nun, im KZ, ist kurz Sendepause, aber nur, bis wir das Lager verlassen. Als wir uns langsam auf das Tor zubewegen, setzt er seine Echtzeitreflexion fort. Aber nun in einer so düsteren und zynischen Variante, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

„Typisch, dass der Kapitalismus schon im Spiel war. So menschlich. Why don’t we exploit them some more.“

Oder:

„Normale Schulhof-Psychologie, einfach der Gruppendruck. Es ist immer der energieaufwendigere Schritt, gut zu sein. Böse zu sein, schlimme Sachen zu machen, das ist einfach. Das Böse, keine Empathie zu haben, das ist der Default-Mode des Menschen.“

Eine Welt zu verlassen, die verkommen und verloren ist, fällt leichter. Ein Freund von Zack sagt mir einmal, dass er Zack in diesen Momenten schwer erträglich finde. „Wir bleiben ja hier auf dieser Welt zurück.“ Zack merkt jeweils, dass er sich in etwas reinsteigert. Er korrigiert sich dann, so wie jetzt auf dem Parkplatz vor Auschwitz. „Nein, nein, ich glaube schon nicht, dass der Mensch einfach schlecht ist. Aber es ist einfacher, mitzugehen mit dem Bösen. Und viel schwieriger, dagegen anzukämpfen.“

Vor dem Eingang zum Konzentrationslager Birkenau, direkt neben dem Gleis, auf dem die Juden angekarrt worden waren, stehen E-Trottinetts, daneben ein Bus mit dem Schriftzug „Auschwitz-Birkenau-Auschwitz“.

„Das ist ja riiiieeesig! Hätte nie gedacht, dass es so groß ist!“ Zack schreit fast. Die Führerin ist weit vorne, wir werden langsam abgehängt von der Gruppe, wir schleichen der Rampe entlang, an der die Lagerärzte die Triage vorgenommen haben. „Ich wäre hier direkt in die Gaskammer geschickt worden“, sagt Zack. „Noch nicht mal 80 Jahre her.“

Im Bus zurück nach Krakau redet er nur von Lea. Dass er verstehe, wieso man nicht mit einem Krebskranken zusammen sein könne. Aber er sagt auch: „Ich war immer ehrlich. Sie wusste, worauf sie sich einlässt.“

Zack hadert damit, dass sie ihm vorhalte, er könne ihr nicht alles geben, was sie brauche. „Ich sehe ja auch meine Kollegen, die zusammenziehen, heiraten, Kinder planen. Sie sagte: „Ich bin blockiert, ich bin 26, ich kann meine Zukunft nicht angehen, wenn ich mit dir bin.“ Ich sagte: „Wie soll ich das lösen? Du wusstest doch, wer und was ich bin?““

„Hättest du dich schon früher getrennt, wenn der Krebs nicht wäre?“, frage ich ihn.

„Du meinst, weil ich dann Hoffnung hätte, wieder jemand Neues zu finden? Ja, vielleicht. Aber wenn ich gesund wäre, wäre die Beziehung vielleicht gar nicht erst so kompliziert gewesen. Andererseits wären wir dann auch nicht zusammengekommen. Ich kann den Krebs nicht von mir trennen. Jetzt, hier, vermisse ich sie gerade sehr.“

Am Abend googelt Zack, was er am nächsten Tag vor dem Rückflug noch machen könnte. Es gibt eine Shooting-Range in der Nähe der Stadt. Das wäre spannender, als nochmals durch die Stadt zu spazieren. „Ich habe wirklich genug Kirchen und Schlösser und Burgen gesehen. Es reicht. Ich habe so viele Erfahrungen gemacht, was fehlt noch? Fallschirmspringen. Aber sonst? Irgendwann ist alles Wiederholung. Das meiste ist beim ersten Mal am besten.“

Am nächsten Morgen gehen wir in ein Sushi-Restaurant, das er auf Google Maps entdeckt hat. Er ist aufgewühlt, den Plan mit der Shooting-Range hat er aufgegeben. Er hat stattdessen lange mit Lea telefoniert. Wie es in Auschwitz war, hat sie nicht interessiert. Es ging wieder um ihre Beziehung, „Klartext, endlich“, sagt Zack.

Sie habe gesagt, dass sie momentan keine Beziehung möchte, aber sie könnten sich weiterhin als Freunde sehen. „Ich will kein Mitleid oder dass sie bei mir ist, weil ich ihr leidtue.“ Aber er hatte gehofft, er würde nicht ohne Partnerin sterben. „Ich habe doch gar nicht mehr genug Zeit, um mich von ihr zu lösen. Fuck.“

Wir fliegen zurück, erschöpft, niedergeschlagen, und verpassen in Basel fast den letzten Zug nach Zürich. Dort sehe ich ihn von mir weghumpeln, langsam, aber stur und unnachgiebig.

Ein paar Tage später ruft er mich an. Er hatte die Besprechung der Chemotherapie mit Luc. Sie schlägt besser an als erwartet. Zack klingt euphorisch, ist voller Pläne: „Vielleicht reicht’s im Herbst noch mit Luc nach Mosambik.“

Ein weiteres Interrail-Ticket hat er sich auch gekauft. Nicht einfach, um weitere grüne Punkte abzureisen. Es soll ihn an die Grenze zur Ukraine führen. Irgendwie logisch, denke ich. Wo ist man dem Tod näher als im Konzentrationslager? Im Kriegsgebiet.

Wenn es Zack gutgeht, verfällt er in Aktionismus, rast durch die Welt, wo er auftaucht, findet er Freunde. Aber wie ein Komet, der fremde Sonnensysteme durchquert und den Himmel kurz erhellt, verschwindet er wieder.

Wenn es Zack schlechtgeht, ist er ein Schwarzes Loch, ein Stern, der in sich zusammenfällt und die Energie, die ihn umgibt, verschlingt und vernichtet.

Zacks letzter Sommer ist eine dreimonatige Implosion.

Juni: Zack reist nach Brüssel, isst Pommes frites im Restaurant, wo Angela Merkel einst zu Gast war („Sehr gut, 4 Euro, toll das Politische am Restaurant“), trinkt Bier in einer Bar mit 200 Biersorten («Megafein, krasse Auswahl»), in Amsterdam kauft er Pilze für sich und einen Kollegen, in Bonn besucht er Verwandte, reist mit dem Zug nach Modena, isst dort Gnocco fritto, will nach Wien, falls die Kraft reicht mit Zwischenstopp in Salzburg.

Selbst für einen gesunden jungen Menschen wäre das ein Irrsinnsprogramm. Zack spürt das. „Ich habe einem Freund gesagt, ich sei zu viel am Herumreisen. Ich sagte ihm, Städte, die man nicht ein zweites Mal besuchen würde, lohnten sich auch nicht ein erstes Mal.“ Nur: Wie findet man das heraus?

„Ich frage mich, wieso ich das alles noch mache. Auch die Chemo, sie macht mich fertig. Mosambik im Herbst mit Luc, daran halte ich mich fest. Und mein Bruder, meine Eltern, die Zeit mit ihnen.“

Immer häufiger fühlt Zack sich als Bürde. Als ob die Leute am Warten wären, „dass ich verrecke, damit sie mit ihrem Leben endlich weitermachen können. Ich verstehe das.“

Beziehungsstatus: kompliziert. Lea schlief zwei Nächte bei ihm. „Aber wir sind nicht Freundin und Freund.“

9. Juli, eine SMS aus der Ukraine: „Ciao Michael, Grüße aus der Ukraine, ich hab’s geschafft. Was für ein Abenteuer . . . warte gerade am Bahnhof auf den Zug zurück nach Polen. Kam hier in Lwiw um 1 Uhr morgens an. Da merkte ich, es gibt ja Ausgangssperren von 11 bis 6 Uhr morgens. Habe versucht, den Bahnhof zu verlassen, ein Typ mit oranger Weste hielt mich zurück. Verstand ihn dank der Google-Translate-App. Er sagte, es gebe keine Taxis um die Uhrzeit. Dann sagte er, er könne mir eines besorgen. Dachte, das ist ein Scam, bin dann in den Bahnhof abgehauen . . . dort einen megasympathischen Ukrainer, Iwan, kennengelernt . . .“

16. Juli. Zack bricht die Chemotherapie definitiv ab. Es wird die letzte Chemotherapie bleiben. „Bin zu müde. Habe den Magen nicht mehr dafür. Wenn ich bis Oktober noch hier bin, habe ich genug Zeit, um noch alles zu machen, was ich will.“

Beziehungsstatus: Leas Nummer wieder gelöscht, ein paar Tage nach dem Imagine-Dragons-Konzert und einer Nacht, in der er auf dem Sofa übernachten musste. „Da wurde mir klar: Das ist das erste und letzte Mal, dass ich hier auf dem Sofa schlafe. Jetzt versauen wir alles, was wir hatten. Kollegen und Sofa? Nein.“

22. Juli. Zack ist nach Lecce gereist, spontan, er hat es zwei Tage zuvor entschieden. Eine Flucht, die Blutwerte waren schlecht. Ein Problem mit der Niere. „Aber die Stadt ist der Hammer. So viel Schönheit, die Architektur haut mich weg, ein Kunstwerk!“

Beziehungsstatus: kompliziert. Lea hat ihn zu ihrer Abschlussfeier eingeladen. Die SMS kam aus dem Nichts. Lange Gespräche, dann ganzer Abend bei ihr, Tag in der Badeanstalt, die Wochen zuvor nur ein schlechter Traum. „Aber es ist undefiniert. Meine Freundin zu sein, bedeutet so viel Druck, das will ich ihr nicht geben.“

27. Juli. Der erste PET-Scan, seit Zack die Chemotherapie abgebrochen hat. Die Situation ist außer Kontrolle, ein Tumor zerdrückt den linken Harnleiter. Auch sonst hat der Krebs gestreut. „Luc ist auch überrascht, wie schnell es jetzt geht. Ich werde Weihnachten wahrscheinlich nicht mehr erleben. It’s gonna get ugly.“

24. August. Zack geht zur Bibliothek am Irchel, hat eben noch einen Kollegen aus Australien zum Flughafen begleitet und Tschüss gesagt. „Zum letzten Mal.“

Er will noch eine Prüfung ablegen. Die meisten Kollegen verstehen nicht, wieso er jetzt noch Stunden in der Bibliothek verbringt. Sie hätten das nicht zu Ende gedacht, sagt Zack. „Was soll ich stattdessen machen? Die ganze Zeit Kollegen treffen? Die arbeiten, sind in den Ferien, haben keine Zeit.“

Die Tumore drücken, aber sonst geht es Zack so gut wie schon lange nicht mehr. Die Haare wachsen wieder. Er findet das „bittersüß“. Es erinnere ihn an sein „volles Potenzial“.

Beziehungsstatus: offen, ruhig. Lea versucht zu verdrängen, Zack versucht nicht die ganze Zeit zu denken: „Ich bin am Sterben, wir sollten noch möglichst viele schöne Dinge zusammen unternehmen.“ Zack ist viel bei Lea, lebt jetzt mehr so, wie es ein 24-Jähriger täte, der nicht todkrank ist. „Ich habe einen Beruf, ein Studium, sozusagen eine Freundin, ich würde gerne ausziehen. Aber das ergibt halt keinen Sinn.“

Er könne das jetzt noch aushalten, sagt er. „Der Tod gibt mir auch Stärke. Schließlich ist es bald vorbei.“

Zack erledigt Aufgeschobenes. Er redet mit seinem Bruder. Endlich. Charlie ist ein guter Beobachter, er hat mitgekriegt, wie ihn die Eltern abschirmen wollten. Als Zack die Diagnose erhielt, war er 12, jetzt ist er 17. Eine Jugend im Schatten des Krebses.

Charlie sagt, Zack habe es ihm leichtgemacht, weil er er selbst geblieben sei. „He sucked it up.“ (Er riss sich zusammen.) So sehr, dass Charlie manchmal fast vergessen habe, dass eigentlich Zack derjenige sei, der schwer krank sei. Und nicht er, Charlie, der traurig sei, weil er den Bruder verlieren werde. „Choose your poison.“

Charlie teilt den Humor der Logans und auch deren Reserviertheit. Er hat es nicht vielen Freunden gesagt. Sie würden es sowieso nicht verstehen. Er will Charlie sein und nicht einfach Zacks Bruder oder der Guy, der einen Bruder mit Krebs hat. „Aber es ist ein Teil von mir. Ich kann ja nicht nachher sagen: Einen Bruder? Ich hatte nie einen Bruder.“

Zack und Charlie gehen zusammen auf Konzerte, Charlie genießt die Zeit, sie hatten diese große Altersdifferenz und waren nie diese Sorte „Brüder, die sich die ganze Zeit lustige Dinge schicken“. Aber wer ist das schon in diesem Alter? „Der Krebs hat uns sicher näher zusammengebracht. Auch wenn Zack immer weg war. The Dude war in ganz Europa in den letzten drei Monaten!“

In seinem letzten Sommer feiert Zack auch seinen letzten Geburtstag. Die Mutter Amélie sagte einmal, dass sie dieses Konzept vom „letzten Mal“ nicht mehr aushalte. Man bereite sich auf etwas vor, und dann hoffe man fast, dass es wirklich das letzte Mal gewesen sei. Denn: Wie solle man es sonst das nächste Mal feiern? Diesen Gedanken will man wirklich nicht mit sich herumtragen.

Aber kurz vor dem Ende ist nichts mehr normal. Oder wie Charlie sagt: „Es ist schräg. Vor sechs Monaten sagten die Ärzte, er habe noch zwischen 5 und 15 Monaten. Das heißt, eigentlich könnte Zack jeden Moment tot umfallen.“

Es ging dann doch nicht mehr alles. Luc reiste allein nach Mosambik. Und Japan, das Land, das Zack unbedingt noch einmal hätte besuchen wollen, öffnete seine Grenzen nach der Pandemie für Touristen zu spät. Die Freunde dort hat Zack nicht mehr gesehen.

Jedes Leben ist lückenhaft. In Krakau hatte mich Zack gefragt, was ich noch erleben möchte. Ich hatte ihn wohl etwas verdutzt angeschaut. „Was fehlte dir noch, wenn du bald sterben würdest?“ Natürlich hatte ich mir die Frage auch schon gestellt, aber wie ehrlich sollte ich ihm gegenüber sein? Sollte ich ihn auf etwas hinweisen, was er vielleicht gar nicht in Betracht gezogen hatte?

„Kinder, vielleicht. Eine Familie. In einer Großstadt im Ausland leben. Ein Haus am Meer . . .“ Ich brach ab.

„Ja, das stimmt, Kinder.“ Er schwieg.

„Aber am Ende jedes Lebens bleiben manche Träume und Wünsche unerfüllt“, sagte ich.

“Deswegen habe ich auch wieder neue grüne Flaggen gesetzt auf meiner Karte.“ Zack dachte, das Leben sei rund, wenn es auf Google Maps keine grünen Punkte, sondern nur mehr gelbe Sterne und Herzen hat. „Die Karte zu bereinigen, war doof. Das ist nicht realistisch. Es ist nicht so, wie es sein sollte.“

Wie es sein sollte. Zack sehnte sich nach einer Eindeutigkeit, die es im Leben nicht gibt. Er wusste das eigentlich. Aber manchmal ist man schwach. Oder ehrlich. Und wünscht sich, dass alles einfacher wäre.

Wie damals, als er im Irchelpark sagte. „Jetzt fühle ich mich im Reinen mit mir. Aber ich frage mich manchmal: Wieso flickt sich mein Körper dann nicht?“

Die On-off-Beziehung mit Lea endet „irgendwann nach diesem turbulenten Sommer“. Lea habe ihm zwar gesagt, sie werde für ihn da sein, wenn er sie brauche, aber seine Freundin könne sie nicht mehr sein, es ziehe ihr den Boden weg, wenn er sterbe. Zack zog es vor, die letzten Wochen ohne sie zu bestreiten.

Amélie sagt einmal: „Ich glaube, der Sinn des Lebens ist es, Liebe zu finden. Natürlich, das mit Lea war eine komplizierte Sache. Aber wieso sollte ich ihr böse sein? Zack hat sich verliebt, dank ihr und mit ihr Liebe erlebt.“

Was es nun noch zu organisieren gilt, ist nur das Sterben. Zack besitzt ja kaum etwas: zwei Bankkonten, eines leer, den Betrag auf dem anderen will er Charlie überweisen, „damit er die Reisen machen kann, die ich nicht mehr machen konnte“; ein Natel-Abo; die Versicherungen laufen auf die Eltern. Die Exit-Mitgliedschaft muss noch bezahlt werden. Kostet 3000 Franken, wenn man nicht schon drei Jahre Mitglied war. Den letzten Schritt, die Verfügung, hat er bis zum Schluss hinausgezögert. Als er die Urteilsfähigkeit bestätigen lassen wollte, waren ausgerechnet Luc und sein Hausarzt in den Ferien. Stress am Lebensende.

Fast ganz am Schluss brennt ein Feuer. Es ist dunkel geworden am Abschiedsfest im Zürcher Unterland, und am Dorfrand hinter der ehemaligen Kelterei halten sechs Freunde Spieße mit Fleischstückchen über einen Grill, ihre Blicke gehen in die Flammen, auf der nahen Überlandstraße gleiten Lichter lautlos durch die Nacht.

„Es geht jetzt schon megaschnell. Im Sommer waren wir noch zusammen im Ausgang“, sagt einer.

„Er wollte von mir noch sein gesamtes Leben aufnehmen lassen. Filmen. Wir haben angefangen. Er saß da und hat in die Kamera geredet. Wir kamen bis Japan.“

„Was machst du jetzt damit?“, fragt einer aus der Runde.

„Keine Ahnung. Ich will ihn nicht darauf ansprechen. Er weiß ja, dass er das nicht mehr fertig schaffen wird.“

„Ich habe in den fünf Jahren nie ganz gecheckt, dass es wirklich so ernst ist. Ich meine, es war immer so: Er ist dran, an dieser Therapie. Das kommt schon.“

„Er zeigt halt seinen Schmerz nie.“

„Ja, aber allgemein, er hat nie gesagt, es komme nicht gut. Wir waren noch trinken, er war fit, hat sogar mit einer Frau geflirtet.“

Sie schweigen. Das Feuer brennt weiter. In der Hütte läuft Musik. Durch die Tür sieht man zum Cheminée, in dem kein Feuer brennt. Daneben liegt Zack auf einem Liegestuhl, das Käppi ins Gesicht gezogen, neben ihm sitzt Luc, die Arme auf seine Knie gestützt, und schaut vor sich auf den Boden.

Dann sagt einer in die Stille: „Er hat das Beste daraus gemacht.“

„Ist vielleicht etwas kritisch, wenn ich das sage, aber . . . vor der Krankheit, also, da ging es ihm nicht gut, kaum Lebensfreude zu gewissen Zeiten. Und jetzt, what the fuck, der Siech hat verdammt gelebt die letzten fünf Jahre! Hätte ich nie gedacht.“

Mhm, sie nicken wieder.

„Habe nie so weit gedacht, dass ich hätte sagen können: Es hat so sollen sein. Aber es hat ihn zurück ins Leben geworfen.“

„Ja, voll, so hart das klingt: Es hatte auch etwas Positives. Dass er sich mit dem auseinandersetzen musste, meine ich.“

„Meeeega. Die ganzen Träume und Wünsche. Ich habe mich mal gefragt und auch ihn gefragt, ob das, was er in den fünf Jahren erlebt und durchgemacht habe, ob wir dafür ein ganzes Leben brauchen würden.“

„Ich habe oft gedacht: Mach wirklich das im Leben, worauf du Bock hast. Lebe nicht nur in diesen starren Schweizer Strukturen. Aber der Gedanke ist dann halt oft am nächsten Tag wieder weg.“

„Ich glaube, niemand von uns hätte das so gut bewältigt wie er. Ich glaube auch, dass er mit sich im Reinen ist. Wenn er jetzt total hadern würde und Angst hätte, dann würde mich das nochmals hart mitnehmen.“

„Hab ich ihm sogar gesagt! Er sagte mir: „Ich habe so Schmerzen, ich will langsam gehen.“ Da habe ich ihm gesagt: Hey, schau, ich bin froh, dass du das sagst. Mach dir keinen Druck, wenn du gehen willst, geh. Wir behalten dich gleich in Erinnerung. Das geht nicht weg.“

Eine halbe Stunde später, es ist fast 10 Uhr, muss einer der Freunde, der extra aus Südafrika angereist ist, gehen. Der Rückflug wurde vorverschoben. Zack und der Freund gehen nach draußen vor die Hütte. Zack sagt, was für ein guter Freund er gewesen sei. „Bin so dankbar, Bro, so dankbar.“ Dann sagen sie: „Ciao, Bro.“ – „Ciao.“

Zack läuft zurück, steht im Türrahmen. „Es ist einfach scheiße. Es gibt keine gute Art, Tschüss zu sagen. Ich suche immer einen Weg, damit es besser wird, aber es bleibt immer unbefriedigend.“

Zack hat das Gefühl, dass er alle im Stich lässt. Dabei keucht er am Tisch, als er sein Fleisch viertelt, dann achtelt, dann sechzehntelt, weil größere Stücke für ihn kaum mehr zu kauen sind. „How do you eat an elephant? Piece by piece.“ Er lacht trocken. „Ich weiß nicht, ob ich diese Woche noch schaffe“, sagt er zu mir. „Aber ich möchte das nächste Wochenende noch erreichen.“ „Wieso?“, frage ich. „Für meine Eltern, noch mal ein Wochenende für sie. Aber eigentlich mag ich nicht mehr.“

Punkt 10 Uhr versucht Mutter Amélie einen Beamer zum Laufen zu bringen. Die Gäste sitzen um einen großen Tisch vor der Leinwand, über eine Boombox lässt Zack Musik laufen.

„I don’t wanna live forever“, singt Taylor Swift.

„I don’t think I can play this!“, schreit die Mutter über die Musik und zeigt auf den Beamer.

„Cause I don’t wanna live in vain“, singt Taylor Swift weiter.

„I can do it“, sagt Charlie und eilt seiner Mutter zu Hilfe.

Zack wechselt die Musik, Eddie Vedders klönende Stimme ertönt. „Depro! Next song“, schreit einer der Freunde.

Endlich erscheinen auf der Leinwand Fotos. Zack als Kind mit Charlie, beide in Skikleider eingepackt, Zack auf einem Boot auf dem Zürichsee, Zack inmitten von Freunden, alle mit Bierbechern in der Hand, „Haben nur Rivella getrunken“, schreit ein Freund, „Jaa, jaaa!“, ruft die Mutter. Dann Zack beim Schach, aber im Hintergrund sieht man Infusionsapparate. Die Augenbrauen sind da noch buschig und dick, wie aufgeklebt. „Dangerous eyebrows“, schreit ein Freund. „No comments about the eyebrows“, ruft Zack. Im Video von der Diplomübergabe am Gymnasium sieht man Zack zum ersten Mal mit Käppi. Fotos von seiner Japanreise und dann Zack im Spitalbett. Er lächelt erschöpft, aber er streckt die Daumen hoch.

Die letzten Bilder sind von den Familienferien in Sizilien, die Mutter zwischen den beiden Söhnen, alle lachen, Charlie und Zack auf der Scala dei Turchi, das war ein guter Tag, einer von nur zweien auf dieser letzten Ferienreise. Davon gibt es Bilder. Die schlechten Tage überleben nur in Zacks Kopf.

Wenig später klopft ihm ein Onkel wie ein tapsiger Bär auf die Schultern, umarmt ihn und sagt: „Mach’s gut.“ Die Abschiede bleiben unbeholfen an diesem Fest. Die Großmutter, dement, sagt Zack zum Abschied: „Siehst schwach aus, du musst mehr trinken, mehr Wasser trinken!“

Wir vereinbaren, dass wir uns nochmals treffen und dass er mir schreibt, wenn sich die Situation verschlechtert. Es ist Samstagnacht.

Im Postauto nach Hause frage ich mich, ob ich Zack noch einmal sehen werde. Und wie es danach weitergeht, ob mich die Erinnerungen an ihn quälen werden. Vielleicht hatte ich genau davor Angst gehabt, als ich zu Beginn zögerte, mich auf Zack einzulassen. Aber der Schmerz bleibt aus. Stattdessen fühle ich Dankbarkeit für fast ein Jahr Lebensschule. Ich glaube nicht, dass man Zacks Beispiel folgen muss oder überhaupt folgen kann. Aber wenn jemand mit so vielen Schmerzen und Behinderungen wie Zack so sehr am Leben hing und in so vielen Momenten so viel Glück fand, liegt darin so etwas wie Hoffnung.

Am Dienstagmorgen, dem 1. November, telefonieren wir. Zack sagt, er sei im Spital. Am Sonntagabend sei er zu Hause fast erstickt an Erbrochenem. „Ich will nicht zu Hause verrecken.“ Luc habe ihn noch besucht. Zack bleibt bis zum Schluss ohne Hoffnung auf ein Leben danach. Aber dann sagt er zu Luc, dem gläubigen Mediziner, zum Abschied: „Bis bald.“ Und Luc sagt das auch.

Seit dem Abschiedsfest hat er Dutzende Nachrichten erhalten. Beantworten wird er sie nicht mehr.

Am Nachmittag will er sterben, mit dem Medikament. Wir verabschieden uns. „Bis bald“, sage ich. Zack sagt: „Bis bald.“

Fünf Stunden später erhalte ich eine SMS. Aber es ist nicht die Mutter, die mir Zacks Tod bestätigt. Stattdessen schreibt mir . . . Zack.

„Es wird doch nicht heute sein . . . “

„Wenn ich noch mag und genug Energie habe, könntest du gerne noch auf einen Besuch kommen.“

Die SMS überfordert mich. Vor wenigen Stunden haben wir endgültig Abschied genommen. Aber ich muss auch schmunzeln. Typisch Zack. Ein letztes Aufbäumen, wieso gehen, wenn noch etwas Saft in der Maschine steckt? Aufbrauchen, alles, bis auf den letzten Tropfen.

Ich schreibe ihm zurück, ich hätte nach unserem Telefonat die Stadt verlassen, um den Moment etwas zu verarbeiten. Ich würde ihn aber gerne am nächsten Tag besuchen kommen, wenn er dann noch da sei.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber ich bin auch froh, dass ich schon weggefahren war, als er mir nochmals schrieb. Man kann nicht am gleichen Tag zweimal Abschied nehmen.

Drei Tage später erhalte ich eine SMS von Amélie:

„Gestern ist Zack von uns gegangen. Wir vermissen ihn so sehr. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder leben werden, wie Zack gelebt hat. Im Moment it is something we have to get through, und es tut so weh. Amélie“

Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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