Burgwedel  Milliardär Dirk Roßmann: „Brauche keine Villa oder jeden Tag Hummer“

Lars Laue, Dirk Fisser
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Von Lars Laue, Dirk Fisser
| 29.12.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
„Bin schon ein guter Typ“, sagt der erfolgreiche Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann über sich. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
„Bin schon ein guter Typ“, sagt der erfolgreiche Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann über sich. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Er gilt als Deutschlands Vorzeige-Unternehmer: Dirk Roßmann. Doch ist er wirklich immer freundlich oder kann er auch mal laut werden? Wie stark greift der 77-Jährige noch ins Unternehmen ein und wie lebt es sich als Milliardär? Mit goldenen Wasserhähnen?

Einen Termin bei Dirk Roßmann zu bekommen, ist gar nicht so leicht. Klappt es dann aber, nimmt der 77-Jährige sich Zeit, gibt ein Wasser in Plastikflaschen aus, wie wir es aus seinen Drogerie-Märkten kennen, und gerät regelrecht ins Plaudern – über seine Körpergröße, sein Vermögen, seinen Ehrgeiz, seine Bücher, sein Lieblingsessen, sein Haus auf dem Land, seine Söhne und eine ganz besondere Art, Konflikte zu lösen.

Lesen Sie hier das komplette Interview im Wortlaut:

Frage: Herr Roßmann, wir sind beide keine 1,70 Meter groß und begegnen uns daher im wahrsten Sinne auf Augenhöhe. Hat Sie Ihre Körpergröße jemals genervt oder Ihnen gar Kummer bereitet?

Antwort: Also genervt hat es mich nie. Kummer hat es mir schon bereit, als ich jung war. Mir sind mit 13, 14 Jahren die Haare ausgefallen, ich hatte immer einen kleinen Bauchansatz und war eben etwas kleiner. Als Heranwachsender plagen einen da Selbstzweifel. Ich hatte das Gefühl, für viele hübsche Mädchen nicht der Brüller zu sein und ich fand immer nur die toll, die nichts von mir wissen wollten. Das war in der Tat nicht einfach.

Frage: Hat sich das mit der Zeit gewandelt?

Antwort: Wenn Sie dann Karriere machen, lockerer und selbstbewusster werden und irgendwann fest verheiratet sind, dann geht das alles in eine ganz andere Richtung. Dann finden manche Frauen das richtig spannend.

Frage: Als Unternehmer jedenfalls sind Sie groß rausgekommen. Wie haben Sie es geschafft, solch ein Imperium aufzubauen?

Antwort: Das ist aber hübsch, dass Sie mich das fragen. Und ich erzähle ihnen kurz eine Geschichte – das mache ich gern, ich hoffe, sie können damit leben. Kennen Sie die Lebensmittelzeitung? Kürzlich war dort zu lesen, dass wir laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes auf der jährlichen Liste der weltbesten Arbeitgeber Platz 16 belegen und unter allen deutschen Unternehmen Platz drei hinter BMW und Adidas. Was will ich damit sagen? Wenn ein Arbeitgeber für seine Mitarbeiter ein gutes Umfeld schafft, eine Kultur entwickelt, wo menschliche Wärme und Achtsamkeit im Umgang und nicht Häme, Ironie und Arroganz im Vordergrund stehen, dann ist er auch erfolgreich. Ich bin vielleicht nicht der Schlauste, habe ein katastrophales Gedächtnis. Aber ich habe ein Gespür für Menschen und immer versucht, anderen Raum zu geben. Manchmal war ich auch naiv und habe mich auch mal in Menschen getäuscht. Aber wir haben im Laufe der Jahre wirklich ein tolles Miteinander geschaffen. Und dadurch, dass wir wirtschaftlich erfolgreich sind und ich alles andere als raffgierig bin, geben wir möglichst viel in Form von Prämien und Sonderzahlungen an unsere Mitarbeiter weiter, um sie am Erfolg direkt zu beteiligen.

Frage: Sie sind also kein Chef, der seine Mitarbeiter anschreit oder rund macht?

Antwort: Moment, langsam, ich bin ein normaler Mensch, ich habe alle Fehler, die andere Menschen auch haben. Ich kann mich erinnern, dass ich in den 90er Jahren, als wir mal dicht vor der Pleite standen und ich einen Herzinfarkt hatte, auch nicht immer der ruhigste war. Ich kam damals in der Weihnachtszeit in eine Filiale. Der Laden war brechend voll, die Schlange an Kunden ging durch den ganzen Laden. Dann bin ich in den Aufenthaltsraum gegangen und da haben sechs Mitarbeiter nachmittags um vier Party gefeiert. Mit Sekt. Und da habe ich die Beherrschung verloren. Ich wurde laut, weil ich so verzweifelt war. Die Banken machten Druck, es sah nicht gut aus. Das war eine Zeit, in der ich einfach Angst hatte, dass ich die Firma verliere, weil wir so viele Bankschulden hatten. Aber sonst bin ich schon ein guter Typ. Das war damals halt eine sehr sensible Situation, in der ich da steckte.

Frage: Nun sind Sie ja in einer deutlich komfortablen Situation.

Antwort: Sie sagen es. Rossmann ist frei von jeglichen Bankschulden. Wir haben keinen einzigen Euro Schulden, auch nicht auf Immobilien. Da gibt es nicht viele Unternehmen, die in einer so komfortablen Situation sind – mit 12,15 Milliarden Euro Umsatz in 2022 und in 2023 haben wir diesen noch einmal deutlich gesteigert. Dass wir so viel für unsere Mitarbeiter tun, liegt nicht allein daran, dass ich so ein gutes Herz habe. Wir können es uns auch leisten und müssen nicht an irgendwelche Reserven gehen, um den Mitarbeitern Prämien auszuzahlen.

Frage: Sie wirken hier und bei öffentlichen Auftritten stets sehr entspannt und gelassen. Was aber macht Sie wütend?

Antwort: Bei mir finden Sie das gesamte emotionale Potenzial von Wut über Traurigkeit bis zum Weinen. Momentan habe ich das Gefühl, dass so ein Grauschleier über mir liegt. Eine tiefe Traurigkeit. Nicht, dass ich 77 bin und nur noch eine begrenzte Haltbarkeit habe. Das akzeptiere ich. Das ist das Leben. Ich habe ein gutes Leben gehabt. Aber dass die Menschen so wenig lernen, so wenig dazulernen, das macht mich fertig. Wenn ich an die Kriege in der Ukraine und jetzt auch im Nahen Osten denke und an den Klimawandel, dann macht mich das unendlich traurig und auch wütend. Man kann es eigentlich gar nicht ertragen, was momentan passiert.

Frage: Das Klima ist auch Thema in Ihren Büchern. Sie sind mittlerweile nicht nur ein Vorzeige-Unternehmer, sondern auch ein erfolgreicher Buchautor. Hatten Sie Sorge, dass Ihre Bücher floppen könnten?

Antwort: Ich habe auch schlechte Eigenschaften. Ich bin unglaublich ehrgeizig, aber nur, wenn ich ehrgeizig sein will. Vieles ist mir auch wirklich sowas von egal. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann verfolge ich das intensiv. Aber Ihre Frage war, ob ich Sorge vor einem Misserfolg hatte.

Frage: Und, hatten Sie?

Antwort: Es war ein bisschen anders. Erst kam meine Biografie raus und dann passierte das Unglaubliche: Bestseller, Platz 1. Damit hätte ich nie gerechnet. Und dann hatte ich im Dezember 2019 diese Zeit, wo ich jeden Morgen um vier oder fünf Uhr wach wurde, aber irgendwie auch nicht so richtig, und dann über dieses Buch nachgedacht habe. Der Inhalt hat sich mir regelrecht aufgedrängt und musste geschrieben werden. So entstand „Der neunte Arm des Oktopus“. Nun konnte ich aber keine Bücher schreiben, weil ich das ja nicht gelernt habe. Aber ich habe wirklich ein gutes Gefühl für Sprache, weil ich eine Leseratte bin und eine Leidenschaft für gute Literatur habe. Ich weiß, wenn ein Text gut ist, und ich weiß, wenn er halb gut ist oder nicht gut ist. Und deshalb war mein Anspruch an mich selbst sehr hoch. Das hat mich 2020, als ich meinen ersten Roman geschrieben habe, regelrecht krank gemacht. Ich hatte eine schwere Magenschleimhautentzündung, habe über sechs Wochen nur gebrochen. Es war eine furchtbare Zeit. Und als ich fertig war mit dem Buch, war klar, ich schreibe nie wieder eines. Das will ich mir nicht noch einmal antun.

Frage: Sie haben also körperlich am Akt des Schreibens gelitten?

Antwort: Wie ein Hund habe ich gelitten – auch, weil mir beim Schreiben erst richtig bewusst wurde, in welch’ riesiger Klimakatastrophe wir schon stecken. Eigentlich bin ich ein Mensch, der gerne lacht und albern und faul ist. Aber in der Zeit war ich unerträglich für meine Frau, meine Familie, meine Freunde, weil ich nur noch ein Thema hatte und dermaßen auf diese eine Sache fokussiert war. Und doch habe ich als Autor weitergemacht, weil ich einen Co-Autor gefunden habe, mit dem mir das Schreiben wieder richtig Freude macht: Ralf Hoppe.

Frage: Wie leicht oder schwer fiel es Ihnen eigentlich, Verantwortung an Ihre beiden Söhne abzugeben?

Antwort: Total leicht, weil wir durch eine große Liebe und Zuneigung verbunden sind. Das hat auch etwas mit Offenheit und Empathie zu tun. Für Daniel, meinen älteren Sohn aus erster Ehe, war klar, dass er Spaß an den Themen Immobilienmanagement und Expansion hat. Der Jüngere aus zweiter Ehe, Raoul, der jetzt Sprecher der Geschäftsführung ist, hat mir schon mit zehn Jahren gesagt: „Papa, entweder werde ich die Nummer eins oder Du kannst es vergessen.“ Beide machen ihre Sache hervorragend. Und obwohl sie aus zwei Ehen stammen und so unterschiedlich sind, haben sie eine sehr enge Beziehung zueinander und sind mit ihren Familien fast jedes Wochenende zusammen.

Frage: Und welche Rolle spielt der Vater der beiden noch im Unternehmen? Wenn Ihr Sohn Raoul jetzt auf die Idee käme, dass mehr Ellenbogen und weniger Miteinander in der Belegschaft gut für den Erfolg wären, würden Sie dazwischengrätschen?

Antwort: Die Frage macht mir Spaß. Also: Grundsätzlich teilen wir die gleichen Werte und haben ein starkes Vertrauen zueinander. Ich hatte aber tatsächlich mal richtig Zoff mit Raoul, das haben auch die Mitarbeiter hier in der Unternehmenszentrale durchaus gespürt.

Frage: Worum ging es und wie sind Sie damit umgegangen? 

Antwort: Es ging jedenfalls nicht um Geld, sondern um eine Sache, bei der wir unterschiedlicher Meinung waren. Wir haben das letztlich elegant gelöst. Wir sind gewandert. Ich habe meinem Sohn gesagt: Raoul, eine Stunde redest nur Du und ich sage nicht ein Wort. Danach rede ich eine Stunde und Du sagst nicht ein einziges Wort. Wir hören uns jetzt erstmal zu. Elf Kilometer später war die Sache geregelt. Das hat wunderbar geklappt und nachher war alles wieder gut.

Frage: Könnte Raoul das Unternehmen denn überhaupt alleine in eine völlig andere Richtung steuern?

Antwort: Nein. Wir haben hier folgende Kultur: Jeder hat ein Maximum an Möglichkeiten und Macht. Das gilt nicht nur für die Inhaber, sondern auch für die Mitarbeiter. Und bei wirklich großen und wichtigen Dingen entscheidet nicht einer allein. Stellen Sie sich mal vor, unser größter Konkurrent stünde zum Verkauf. Wir würden nicht kaufen. Wir haben in unserem Leben nämlich vor einer Sache großen Respekt.

Frage: Und zwar?

Antwort: Vor Schulden. Das ist unsere DNA. Schulden bedeutet, dass Ihr Haus nicht Ihnen gehört, sondern der Bank. Das Unternehmen hatte so viele Schulden in der kritischen Zeit in den 90er Jahren, dahin wollen wir nicht zurück. Und wir wollen auch nicht, dass wir fremdbestimmt werden. Die großen Themen werden gemeinsam diskutiert und entschieden. Und das gilt nicht nur in der Familie, wir haben hier auch Geschäftsführer, deren Meinung und deren Persönlichkeit wir sehr schätzen und ernst nehmen.

Frage: Sie sind mit Ihrer Drogeriemarktkette extrem reich geworden. Wie lebt es sich als Milliardär? Mit goldenen Wasserhähnen?

Antwort: Nein, nein. Meine Frau und ich haben unser Haus 1983 gebaut. Das hatte damals 800.000 DM gekostet. Das sind jetzt 390.000 Euro. Dafür bekommt man in Hamburg heute vielleicht eine kleine Einzimmerwohnung. Es ist ein schönes reetgedecktes Fachwerkhaus mit 290 Quadratmetern Wohnfläche und Nebengebäuden. Wir wohnen auf dem Land. Dort sind wir glücklich und wissen, dass wir unbeschwert sein können, dafür brauche ich keine Villa oder jeden Tag Hummer – um diese Klischees zu bedienen. Ich esse gern Penne all’arrabbiata.

Frage: Klingt verhältnismäßig bescheiden.

Antwort: Nein, wir leben nicht in kleinen Verhältnissen, überhaupt nicht. Wir haben einen tollen großen Garten, aber wir haben keinerlei Auslandsbesitz. Wir gehen gern in gute Hotels und geben dafür auch durchaus Geld aus. Der Vorteil am Vermögen ist, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Aber wir brauchen eben auch keinen großen Luxus. Wir lesen Bücher – uns gern auch gegenseitig vor. Und wir haben gute Freunde. Ich spiele Tennis, Skat und Schach. Ich habe ein gutes Leben.

Frage: Es klopft und die Tür zum Büro von Dirk Roßmann in der Firmenzentrale in Burgwedel geht auf. Es ist Sohn Raoul.

Antwort: Raoul, komm’ rein, bin gerade noch in einem Interview. Dass er nun bei uns ist, ist jetzt aber wirklich ein Sonderangebot. Er ist der gefragteste Mann in der Firma.

Frage: Und er spielt ebenso wie Sie Tennis. Schlägt Ihr Vater Sie im Tennis?

Antwort: Raoul Roßmann: Das ist jetzt ein Scherz, oder? Nein, natürlich nicht.

Antwort: Dirk Roßmann: Der Mann ist 38 und ein super Tennisspieler. Aber einmal habe ich gegen Dich gewonnen.

Antwort: Raoul Roßmann: An dem Tag war ich aber auch richtig krank, da hast Du mal einen Satz gewonnen. Danach ging es aber direkt 6:0, 6:0 weiter.

Frage: Letzte Frage an den Senior: Gehen Sie manchmal bei Rossmann einkaufen?

Antwort: Nie, ich gehe nicht einkaufen. Einen Kaffee oder ein Eis gönne ich mir aber gern mal. Heute Abend muss ich allerdings in ein Bekleidungsgeschäft, weil ich einen neuen Anzug brauche. Meint meine Frau jedenfalls. Ich finde, der alte geht schon noch, aber nun ja.

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