Berlin Vom Öko zum „Panzer-Toni“ - die wundersame Wandlung des Grünen Anton Hofreiter
Anton Hofreiter ruft gerade wieder besonders laut nach mehr Waffen für die Ukraine. Er befürchtet, es könnte auch schiefgehen.
Grünen-Politiker Anton Hofreiter ist von seinem Thema nicht abzubringen. Wie ein Kassandra-Rufer ist er unterwegs im Regierungsviertel. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, landet schon nach wenigen Sätzen bei seinem Thema, dem Krieg in der Ukraine. Er kann sich dann richtig aufregen. Darüber, dass die Bundesregierung, der seine Grünen immerhin auch angehören, nicht genug tue. Darüber, dass sie die Gefahr nicht sehe oder nicht genügend ernst nehme. Dass es schiefgehen könnte. Und dann würde Russland gewinnen und sich ermutigt fühlen, als nächstes Georgien anzugreifen. Oder ein anderes Land. Und dann wäre vielleicht schon Donald Trump Präsident der USA und die Europäer zu schwach und nicht vorbereitet, um Putin Einhalt zu gebieten. Hofreiter breitet sein düsteres Zukunftsszenario aus.
„Die Situation ist brandgefährlich“, sagt er. Und: „Putin hat Oberwasser.“ Er sagt das im ZDF-Morgenmagazin, bei Phoenix und bei „Markus Lanz“. Er sagt es auch, wenn er im Hintergrund mit Journalisten auf Weihnachtsempfängen steht und man eigentlich zum Small Talk übergehen könnte. „Panzer-Toni“ nennen ihn manche spottend im Regierungsviertel. Nicht schön findet er das, aber egal. Was treibt ihn an?
Toni Hofreiter hatte nach der Bundestagswahl 2021 eigentlich andere Pläne. Der promovierte Biologe aus Bayern landete über den Naturschutz, der ihm ein echtes Anliegen war und ist, bei den Grünen. Er ist Verkehrsexperte und war von acht Jahre Co-Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion. Als es bei der Ampel-Koalition um die Ministerposten ging, war Hofreiter eigentlich gesetzt. Landwirtschaft oder Verkehr, das wäre es gewesen. Doch in letzter Sekunde fiel Hofreiter der Flügel-Frauen-Arithmetik seiner Partei zum Opfer. Özdemir sollte Minister werden, ein weiterer Mann ging nicht. Hofreiter war damals stinksauer. Er wurde stattdessen Vorsitzender des Europa-Ausschusses im Bundestag.
Hofreiter empfängt zum Gespräch im Konferenzraum seines Büros, Paul-Löbe-Haus, gleich gegenüber dem Kanzleramt. Im Nachhinein bedaure er nichts. Als Parlamentarier habe er Freiheiten, die er als Minister nicht hätte. Vielleicht hat er für die Ukraine mehr erreicht als er es in jedem anderen Amt möglich gewesen wäre. Hofreiter klingt manchmal, als sei er eigentlich in der Opposition. Kanzler Olaf Scholz wirft er öffentlich schlechte Kommunikation vor oder verlangt, dass die Ukraine endlich Taurus-Marschflugkörper bekommt, um das Blatt noch zu wenden.
Gerade erst war er wieder in der Ukraine, er kennt dort inzwischen viele Leute, er hält sich auf dem Laufenden über die militärische Lage. Und kommt deshalb zu der Einschätzung, dass es nicht gut aussieht. Putin habe sein Land auf Kriegswirtschaft umgestellt, die Produktion von Munition laufe im großen Stil, während die Europäer nicht hinterherkommen. Ausgerechnet Hofreiter, ein Grüner, hält selbst das Sondervermögen für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro für einen Pappenstiel. Viel mehr sei nötig, um die Armee wieder verteidigungsfähig zu machen. Wenn Europa zusammenarbeiten würde, könnte es auch bei der Verteidigung viel stärker und effizienter sein. Dass all das nicht passiert im Angesicht der Bedrohung durch Russland - Hofreiter lässt das schier verzweifeln.
Hofreiter wird heute in einem Atemzug genannt mit der FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die bekanntlich manchen im Kanzleramt ziemlich auf die Nerven geht. Anfangs sorgte es noch für Verwunderung, als der Grüne mit der langen blonden Mähne, „ein klassischer Öko”, wie er selbst gern sagt, plötzlich über Reichweiten von Flugabwehr und Panzer-Modelle spricht, als hätte er nie etwas anderes getan.
War die Zeitenwende, die der russische Angriffskrieg Anfang 2022 auslöste, seine persönliche Kehrtwende? Hofreiter sieht das nicht so. Er sei nie ein Pazifist gewesen. Aber er habe sich als Abgeordneter, der er seit 2005 ist, immer sehr lange und gründlich mit Einsätzen der Bundeswehr beschäftigt, weil er das als große Verantwortung empfindet. 2005 stimmte er gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan, weil er “nicht an ein gutes Ende glaubte”. 2014 stimmte er auch dagegen, die Peschmerga-Kämpfer im Nordirak im Kampf gegen den IS mit Waffen zu beliefern. Die Entscheidung sei schwierig gewesen.
Auch nach der Besetzung der Krim durch Russland 2014 lehnte er Waffenlieferungen an die Ukraine noch ab. Das änderte sich erst am 24. Februar 2022, als Russland die gesamte Ukraine angriff. Dass eine Diktatur einen demokratischen Staat überfalle, um ihn zu unterjochen, sei seit dem Zweiten Weltkrieg eine nahezu einzigartige Konstellation, meint Hofreiter. Das sei eine klare Sache. Er ist überzeugt, dass ohne den öffentlichen Druck, den er und andere mit ihren ständig neuen Forderungen nach weiteren schweren Waffen für die Ukraine erzeugt hätten, viel weniger geliefert worden wäre. Und das meint er wohl, wenn er sagt, er könnte als Parlamentarier mehr bewirken als in einem Ministeramt. Hofreiter schlägt weiter Alarm.