Zürich Die Dschungelmethode – verhätschelt eure Kinder nicht!
Die Runa im Amazonasgebiet von Ecuador stimmen nichts auf die Bedürfnisse ihrer Kinder ab. Keine Mahlzeit wird auf sie ausgerichtet, und die Eltern spielen nicht mit ihnen. Und trotzdem gedeihen sie – vielleicht sogar besser als in der westlichen Welt.
„Imata raun paiga?“ (Was macht sie da?), fragt Digna, die Großmutter meines Mannes. Digna meint mich. Was ich mache, ist ziemlich einfach: Ich wickle meinen vier Monate alten Sohn in ein Babytragtuch, sein Gesicht an meiner Brust. Aber Digna, die 12 Kinder in einem kleinen Dorf im ecuadorianischen Amazonasgebiet großgezogen hat, hält diese Geste für alles andere als normal. „Warum wickelt sie das Baby so ein?“, fragt sie mit echter Überraschung. „So ist das Baby gefangen! Wie soll es überhaupt herumschauen können?“
Mein Sohn fängt sofort an zu weinen, als ob er die Meinung seiner Urgroßmutter bestätigen wollte. Ich wippe mit ihm auf und ab, in der Hoffnung, damit seine Schreie zu lindern. Ich wende mich an Digna und sage: „Auf diese Weise wird er nicht überreizt und schläft besser.“ Digna, die inzwischen leider verstorben ist, ist eine weise, würdevolle Frau. Sie lächelt nur und nickt. Ich wippe weiter und laufe durch das mit Stroh bedeckte Haus, bis mein Sohn endlich schläft und ich aufatmen kann.
Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich fast den Verstand verloren. Elternschaft ist in den heutigen, postindustriellen Gesellschaften von der Vorstellung geprägt, dass frühkindliche Erfahrungen der Schlüssel zu einer erfolgreichen kognitiven und emotionalen Entwicklung sind. Die Idee ist keineswegs neu und scheint auf den ersten Blick recht simpel: Wer würde dem nicht zustimmen, dass Eltern einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder haben?
Die Vorstellung von moderner Elternschaft geht jedoch weit darüber hinaus: Sie besagt, dass alles, was Eltern tun – wie viel sie mit ihren Kindern reden, wie sie sie füttern, wie sie sie disziplinieren, sogar wie sie sie ins Bett bringen –, Auswirkungen auf das künftige Wohlbefinden der Kinder hat. Dieser Determinismus geht einher mit einer spezifischen Vorstellung von der Art der Betreuung, die Kinder erhalten sollten. In Leitlinien zum Umgang mit Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Eltern aufmerksam, proaktiv, positiv und einfühlsam sein sollen.
In dem Dokument wird sogar aufgeführt, wie sie sich dabei konkret zu verhalten haben: früher Körperkontakt zwischen dem Baby und der Mutter, regelmäßiger Augenkontakt, ständige körperliche Nähe, sofortiges Eingehen auf das Weinen des Säuglings und vieles mehr. Je älter das Kind wird, desto stärker ändern sich die Empfehlungen, doch der Grundgedanke bleibt stets derselbe: Auf die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse eines Kindes muss sofort und angemessen reagiert werden, wenn es sich optimal entwickeln und ein glückliches, erfolgreiches Leben führen soll.
Wie andere Eltern habe auch ich mich in den ersten Monaten nach der Geburt eher unreflektiert auf den Wahnsinn der Elternschaft eingelassen. Als mein Sohn vier Monate alt war, trafen mein Mann und ich in einer Zeit des Chaos, der elterlichen Angst, des Schlafmangels und der geistigen Umnachtung die Entscheidung, Europa zu verlassen. Wir packten unsere Kleider und ein paar wenige andere Dinge und stiegen in ein Flugzeug nach Ecuador. Unser Ziel: ein kleines Dorf der indigenen Gemeinschaft der Runa mit etwa 500 Einwohnern im Amazonasgebiet des Landes.
Unsere Entscheidung war weniger verrückt, als es klingen mag. Mein Mann ist in dieser Gegend aufgewachsen, und seine Familie lebt nach wie vor dort. Es ist auch der Ort, an dem ich seit mehr als zehn Jahren als Anthropologin forsche. Mit anderen Worten: Wir wollten unser Neugeborenes unserer Familie und unseren Freunden vorstellen.
In den ersten Wochen unseres Aufenthalts im Dorf meines Mannes beobachteten seine Familie und ihre Nachbarn in aller Ruhe, wie ich mich um meinen Sohn kümmerte. Ich ließ ihn nie aus den Augen, war immer für ihn da und reagierte prompt (und vorausschauend) auf alle seine Bedürfnisse. Wenn er gehalten oder gestillt werden wollte, unterbrach ich jede Aktivität, um mich um ihn zu kümmern. Wenn er in der Hängematte weinte, lief ich schnell zu ihm, um ihn zu beruhigen.
Unsere Nähe wurde bald zum Gegenstand von Gelächter und dann, im Laufe der Monate, von wachsender Besorgnis. Niemand sprach mich jemals explizit darauf an, aber es wurde deutlich, dass die Menschen um uns herum mein Verhalten als bizarr, wenn nicht sogar bisweilen als äußerst beunruhigend empfanden. Ich verstand sie nicht und machte mir anfangs auch keine allzu großen Gedanken. Mit der Zeit begannen die Leute jedoch zu rebellieren.
Einmal ließ ich mein Baby bei seinem Vater, um ein kurzes Bad im Fluss zu nehmen, und als ich zurückkam, war mein Sohn nicht mehr da. „Der Nachbar ist mit ihm spazieren gegangen“, erklärte mein Mann, während er entspannt in der Hängematte lag. Ich versuchte verzweifelt, nicht sofort zum Haus der Nachbarn zu eilen, und verbrachte die folgenden Stunden damit, hektisch in unserem Garten auf- und abzugehen, auf jedes Geräusch zu reagieren und mich umzudrehen – in der Hoffnung, dass die Nachbarn endlich mit meinem Sohn zurückkehrten. In ähnlichen Situationen suchte ich verzweifelt das ganze Dorf ab, um mein Baby zu finden. Meistens kehrte ich mit leeren Händen, deprimiert und erschöpft um. Am Ende kam mein Sohn immer gesund und munter zurück. Ihm ging es gut, mir nicht.
Ein weiteres Mal erschien eine enge Freundin von uns, um sich zu verabschieden. Sie wollte in die Hauptstadt der Provinz Pastaza zurückkehren, die ein paar Stunden mit dem Kanu vom Dorf entfernt liegt. Sie nahm meinen Sohn in die Arme. Dann sagte sie zu mir: „Gib ihn mir. Ich bringe ihn in mein Haus.“ Ich war verwirrt und kicherte nur. Sie lächelte ihrerseits und verließ das Haus mit meinem Sohn.
Ich sah den beiden nach und zögerte ein paar Minuten. Ich wollte nicht wie eine Verrückte wirken, aber sie würde mir doch nicht meinen fünf Monate alten Sohn wegnehmen wollen? Ich bat meinen Mann, unser Baby zu holen – nur für den Fall, dass sie es wirklich ernst meinte. Als wir sie fanden, saß sie bereits im Kanu und hielt meinen Sohn auf dem Schoß. «Du willst ihn zurück?», fragte sie mich schelmisch. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob sie ihn wirklich mitgenommen hätte oder ob sie mich nur veräppeln wollte.
Außerhalb der im Englischen als WEIRD definierten Gesellschaften (weiss, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch) werden Kinder stets von mehreren Personen betreut, nicht nur von ihren Müttern. Die Zweierbeziehung Mutter-Kind, auf die sich so viele psychologische Theorien stützen, spiegelt lediglich die westliche Standardauffassung von der Familie als Kerneinheit wider, in der die Eltern (und insbesondere die Mütter) für den größten Teil der Kinderbetreuung zuständig sind.
In den meisten Ländern aber sind die Beziehungen zu Großeltern, Geschwistern und Gleichaltrigen genauso wichtig wie jene zu den Eltern. Als frischgebackener Mutter fiel es mir jedoch schwer, das zu begreifen – vor allem, wenn die Leute meinen Sohn nicht nur als ihren eigenen beanspruchten, sondern mir auch deutlich zeigten, dass sich das, was sie für die Entwicklung eines Kindes für wichtig hielten, erheblich von meinen eigenen Überzeugungen unterschied.
Das wurde mir klar, als eines Tages Leticia – die Tante meines Mannes – zu Besuch kam. Leticia hatte mich immer wieder damit geneckt, wie fürsorglich und liebevoll ich mich um meinen Sohn kümmerte und wie erstaunt sie darüber war, wie viel Zeit und Aufmerksamkeit ich ihm widmete. Als wir in unserem Haus zusammensaßen, nahm sie meinen Sohn in den Arm und begann, mit ihm zu sprechen.
Zärtlich berührte sie seine Nase, plötzlich rief sie aus: „Oh, armes kleines Baby! Was wirst du tun, wenn deine Mutter stirbt?“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Du wirst ein Waisenkind sein! Allein und traurig!“, sagte sie und lachte dabei fröhlich. Dann drehte sie sich um, sodass ich nicht mehr im Blickfeld meines Sohnes war. „Schau! Es gibt keine Mama mehr! Sie ist weg, tot! Was wirst du tun, mein Schatz?“ Sie küsste ihn erneut und lachte nunmehr leise.
In einem Buch über die Sozialisation von Inuit-Kindern beschreibt die Anthropologin Jean Briggs, wie Inuit-Erwachsene ihren Kindern sehr schwierige Fragen stellen – Fragen, die für eine Europäerin oder einen Amerikaner unangemessen, ja sogar beleidigend klingen könnten. Sie erklärt, dass diese Fragen laut den Inuit kleinen Kindern im Sinne von Anregungen helfen, über Themen von extremer emotionaler Komplexität wie Tod, Eifersucht und Einsamkeit nachzudenken.
Wenn auch Leticias Hänseleien «zum Nachdenken anregen» sollten, dann war mein Sohn nicht der Einzige, den sie ins Grübeln brachten. Ihr Verhalten war nicht nur eine Ermahnung zu den Gefahren einer zu exklusiven Bindung: Es war auch eine Aufforderung an mich als Mutter, einen Schritt zurückzutreten und meinen Sohn anderen Menschen begegnen zu lassen, damit er nicht „allein und traurig“ sei. In einem Ort wie einem Runa-Dorf, wo Zusammenarbeit, Arbeit und gegenseitige Hilfe so wichtig für ein gutes Leben sind, schien Leticia mir zu sagen, dass mein Sohn mit anderen Menschen als seiner Mutter zusammen sein müsse.
Diese Episode ließ mich an Dignas Verwunderung über die Weise denken, wie ich mein Baby trug. Trotz der respektvollen Antwort, die Digna mir gab, als ich meinen Sohn in das Tragtuch wickelte, muss sie mich für verrückt gehalten haben. Was bedeutete das Konzept, dass Kinder sensorisch überstimuliert werden können, wohl in ihren Augen? Runa-Kinder werden in einem Tragtuch mit dem Gesicht nach außen herumgetragen, immer und überall, vom Morgengrauen bis in die Nacht, bei Regen und Sonne, im Garten und im Wald, bei stundenlangen Festen.
Als Digna meinen Sohn trug, achtete sie darauf, dass er sein Gesicht nach außen wenden konnte. „So kann er alles sehen“, sagte sie zu mir. Ich bin davon ausgegangen, dass mein Kind vor der Welt geschützt werden müsse, sein Gesicht sicher der Mutter zugewandt; sie war der Meinung, dass ein Kind den anderen Menschen, der Welt zugewandt sein müsse, weil es zu ihr gehört.
Wenn die Idee einer ausschließlichen Beziehung zwischen Mutter und Sohn der Runa-Familie meines Mannes fremd erschien, so war die Vorstellung, dass die Bedürfnisse eines Kindes von seinen Bezugspersonen immer und sofort erfüllt werden sollten, vielleicht sogar schlichtweg falsch. Dies ist ein weiterer zentraler Gedanke moderner Erziehungsphilosophien: Die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche von Kindern sollten nicht nur berücksichtigt, sondern auch prompt, konsequent und angemessen beantwortet werden.
Das führt zu einer Betreuung, bei der Kinder als gleichberechtigte Gesprächspartner behandelt werden. Sie werden für ihre Leistungen gelobt, ermutigt, ihre Wünsche und Gefühle auszudrücken, und durch pädagogisches Spielen und Sprechen angeregt – das alles oft mit einem erheblichen Aufwand an Zeit und Ressourcen.
Diese Praktiken fördern die sanfte Kultivierung dessen, was der Anthropologe Adrie Kusserow als „sanften Individualismus“ definiert hat, bei dem Selbstausdruck, psychologischer Individualismus und Kreativität zentrale Werte sind. Es ist kein Zufall, dass dies auch Qualitäten sind, die in einer neoliberalen Gesellschaft gefördert werden, in der Unternehmertum, Selbstverwirklichung und individuelle Einzigartigkeit als ausschlaggebend für Erfolg und Glück gelten. Dieser Erziehungsstil wird so dargestellt, als beruhe er auf unbestreitbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Tatsächlich passt er perfekt zur neoliberalen Ideologie und hat seinen Ursprung in der Kultur der oberen Mittelschicht in den USA.
Befürworter der intensiven Betreuung, die sich aus diesem Streben ergibt, beschreiben diese gerne als „natürlich“ und stützen sich dabei auf idealisierte und oft stereotype Darstellungen der Kindererziehung in „traditionellen“ nicht-westlichen Gesellschaften wie den Runa. Indem es die Bindungstheorie und selektive Informationen über die Kinderbetreuung in nicht-westlichen Gesellschaften zusammenbringt, geht das Konzept der natürlichen Erziehung von der Vorstellung aus, dass es eine ursprüngliche, „natürliche“ Art und Weise gibt, Menschen zu erziehen.
Die Fähigkeit von Eltern, auf emotionale Signale ihres Kindes angemessen zu reagieren, und „natürliche“ Erziehung sind zwar nicht genau dasselbe, aber man kann sie sich als zwei Punkte auf einem Kontinuum vorstellen: Beide Modelle gehen davon aus, dass es eine optimale Art der Kindererziehung gibt und es – wenn diese nicht gelebt wird – negative Folgen hat. Beide fördern einen intensiven und auf das Kind ausgerichteten Ansatz. Was die meisten solcher Darstellungen aber übersehen, ist, dass Kinder außerhalb der postindustriellen Wohlstandsgesellschaften, egal wie sehr sie geschätzt werden, nur sehr selten im Mittelpunkt des Lebens der Erwachsenen stehen.
Runa-Kinder zum Beispiel werden liebevoll umsorgt, stehen aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Nichts wird auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. Keine Mahlzeit wird auf ein Kleinkind ausgerichtet. Die Eltern spielen nicht mit ihren Kindern und führen nicht von klein auf Gespräche mit ihnen. Sie loben weder die Bemühungen ihrer Kinder, noch kümmern sie sich um die Äußerung ihrer intimsten Wünsche. Die Erwachsenen betrachten sie nicht als gleichberechtigte Partner.
Ein Video über die Kindererziehung der Runa der Ludwig-Maximilians-Universität München:
Die Welt dreht sich nicht um Kinder. Denn Kinder werden nicht in eine Kindersphäre verbannt oder als zu zerbrechlich angesehen, um schwierige Aufgaben zu übernehmen. Von klein auf beteiligen sich Runa-Kinder voll und ganz am Leben der Erwachsenen, hören komplexe Gespräche zwischen Erwachsenen über schwierige Themen, helfen im Haushalt und kümmern sich um ihre jüngeren Geschwister.
Die Teilnahme an der Welt der Erwachsenen bedeutet, dass Kinder manchmal frustriert sein können, dass ihnen verweigert wird, was sie wollen, oder dass sie sich abhängig von anderen fühlen. Gleichzeitig lernen sie, auf die Interaktionen um sie herum zu achten, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln und Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Am wichtigsten ist, dass sie in dieser Erwachsenenwelt ständig daran erinnert werden, dass andere Menschen – ihre Eltern, ihre Familienmitglieder, ihre Nachbarn, ihre Geschwister und Gleichaltrige – ebenfalls Wünsche und Absichten haben.
Die Runa legen großen Wert auf soziales Verantwortungsbewusstsein und Großzügigkeit – Eigenschaften, die für ein gutes Leben in einer eng verbundenen Gemeinschaft als unerlässlich gelten. Dies setzt die Fähigkeit voraus, die Wünsche anderer Menschen zu erkennen und darauf einzugehen. Die Praktiken der Runa-Kindererziehung spiegeln diese Prioritäten wider. Gerade dadurch, dass sie nicht sofort auf den Willen ihrer Kinder eingehen, fördern die Runa in ihren Kindern ein Bewusstsein für die Bedürfnisse anderer Menschen und für ihren eigenen Platz in einem dichten Netz von Beziehungen.
Jeder Erziehungsakt ist eine Ethnotheorie der Erziehung: eine Reihe von Praktiken, die darauf abzielen, einen guten Menschen in einer bestimmten Gesellschaft zu formen. Deshalb gibt es kein Patentrezept für die Kinderbetreuung. Das ist jedoch nicht die Geschichte, die uns erzählt wird. Stattdessen wird eine Ideologie der intensiven Erziehung als die einzige und beste Option propagiert.
Besonders besorgniserregend ist, dass diese Ideologie, unter dem Deckmantel der Wissenschaft, in Form von Interventionen während der frühkindlichen Entwicklung zunehmend in den globalen Süden exportiert wird. Organisationen wie die WHO, die Weltbank und Unicef fördern Programme, die einkommensschwachen Familien im globalen Süden beibringen sollen, wie sie sich um ihre Kinder kümmern und deren kognitive und emotionale Entwicklung durch die Übernahme „angemessener“ Verhaltensweisen optimieren können.
Sie gehen davon aus, dass optimale Kinderbetreuung eine universelle, objektive und neutrale Tatsache sei, die sich in eine Fülle von Praktiken umsetzen lässt. Dieses Modell der Kindererziehung ist jedoch alles andere als unpolitisch und kulturlos. Vielmehr hat es seinen Ursprung in einer Kultur und einem sozioökonomischen Kontext, in dem alles (einschließlich der Fähigkeiten der Kinder) gemessen und im Hinblick auf den künftigen Lebenserfolg optimiert werden kann.
Anzunehmen, dass ein kulturelles Modell der Kinderbetreuung auf alle Kinder anwendbar sei, wie es die WHO und andere tun, ist gefährlich. Nicht nur, dass solche Programme auf wenig wissenschaftlicher Grundlage beruhen, sie stellen auch jede Art der Betreuung, die von der Norm abweicht, als korrekturbedürftig dar.
Nach der gängigen Lehrmeinung würde die Kindererziehung der Runa – mit ihrem lockeren Stillen, dem Mangel an ausgiebigen Eltern-Kind-Spielen und an langen Gesprächen zwischen Erwachsenen und Kindern – als „mangelhaft“ gelten. Doch auch die Runa hielten meine Praktiken für unzureichend, um ein Kind im Kontext ihres Gemeinschaftslebens zu erziehen.
Ihre Beobachtungen, ihre Verwunderung und ihr stiller Trotz gegenüber meinem Verhalten erinnern uns daran, dass wir nicht über eine Entwicklung von Kindern reden, die auf wissenschaftlichen Beweisen beruht. Es geht vielmehr um ein moralisches Projekt – welche Menschen wir aus unseren Kindern machen wollen, in welcher Gesellschaft wir leben und welcher Wirtschaft wir dienen wollen. Es gibt mehr als einen Weg, um als Menschen in dieser Welt zu gedeihen. Das haben mir meine Runa-Freunde und meine Familie auf subtile, aber unerbittliche Weise gezeigt.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.