Ende der Beweidungsprojekte in Leer  Nabu-Woldenhof wird nicht schrumpfen

| | 16.12.2023 12:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Heckrinder lebten in Coldam und Nüttermoor im Herdenverband zusammen. Inzwischen sind einige Tiere geschlachtet worden. Die meisten wurden an andere Beweidungsprojekte oder Landwirte vermittelt. Foto: Karin Böhmer
Die Heckrinder lebten in Coldam und Nüttermoor im Herdenverband zusammen. Inzwischen sind einige Tiere geschlachtet worden. Die meisten wurden an andere Beweidungsprojekte oder Landwirte vermittelt. Foto: Karin Böhmer
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Die Heckrinder sind aus Coldam und Nüttermoor verschwunden. Nun folgen noch einige Pferde. Für den Woldenhof in Wiegboldsbur, der die Projekte betreut hat, sind damit auch gute Nachrichten verbunden.

Südbrookmerland/Leer - Ein großer Teil der Beweidungsprojekte des Nabu im Landkreis Leer ist abgewickelt. Die Heckrinderherden in Coldam und Nüttermoor sind aufgelöst. Die Koniks sollen weiter abverkauft werden. Verantwortlich für das Projekt, das vom Landkreis Leer nach Tierschutzverstößen im Frühjahr gegen den Protest des Nabu beendet wurde, ist die Nabu-Tochter Landschaftspflege und Naturerlebnis gGmbH Ostfriesland (Luno). Sie gehört zum Nabu-Woldenhof in Wiegboldsbur.

Wird dieser künftig weniger Aufgaben und Personal haben? Nabu-Sprecherin Kristin Schaper gibt Entwarnung: „Nein, der Woldenhof wird nicht kleiner, sondern spart zukünftig Geld, da solche Projekte kostenintensiv sind. Das Personal können wir auch in den weiterhin bestehenden Weideprojekten, bei den übrigen landwirtschaftlichen Tätigkeiten und bei der Umweltbildung einsetzen.“ Weidetiere werden weiterhin auf den Flächen des Nabu-Woldenhofs und im Beweidungsprojekt Uhlsmeer in Groß-Midlum/Hinte gehalten.

Mehrzahl der Tiere nun in anderen Beweidungsprojekten

Die Nabu-Sprecherin berichtete auf Nachfrage auch von der erfolgten Auflösung der Herden. Nach Angaben des Landkreises Leer wurden am Thedingaer Vorwerk die letzten Rinder am 28. November abgeholt. In Coldam gibt es schon seit dem 13. September keine Heckrinder mehr.

Der niedersächsische Nabu-Geschäftsführer Dr. Holger Buschmann war im Juli überzeugt davon, dass die Heckrinderherden nicht tierwohlgerecht binnen Monaten aufgelöst werden können. Foto: Karin Böhmer
Der niedersächsische Nabu-Geschäftsführer Dr. Holger Buschmann war im Juli überzeugt davon, dass die Heckrinderherden nicht tierwohlgerecht binnen Monaten aufgelöst werden können. Foto: Karin Böhmer

Im Beweidungsprojekt Thedingaer Vorwerk in Nüttermoor standen der Nabu-Sprecherin zufolge zuletzt noch 42 Heckrinder. Diese seien alle tiergerecht und in Absprache mit dem Veterinäramt Leer abtransportiert worden, womit der Nabu Niedersachsen nun keine Heckrinder mehr im Landkreis Leer stehen habe.

64 Tiere – und damit der größte Teil des Bestandes – seien an andere Beweidungsprojekte vermittelt worden, darunter laut Schaper auch an ein Nabu-Beweidungsprojekt in einem anderen Bundesland. Weitere Tiere wurden an Landwirte verkauft und wiederum weitere Tiere geschlachtet. Einige wenige Kälber befänden sich noch auf dem Woldenhof. An andere Naturschutzverbände seien keine Tiere abgegeben worden.

Nabu immer noch nicht einverstanden mit der Fristsetzung

Obwohl die Auflösung der Herden in fast der vom Landkreis Leer angeordneten Frist gelungen ist, sind die Behörde und der Nabu darüber weiterhin unterschiedlicher Auffassung: „Wir haben Recht behalten, denn eine tierwohlgerechte Auflösung der Rinderherden bis zum 30. September, wie vom Landkreis erst anvisiert und dann bis zum 31. Oktober angeordnet, ist tierwohlgerecht nicht möglich gewesen“, teilte der Nabu auf Nachfrage mit. Daher sei die Anordnung aus Sicht des Naturschutzbundes rechtswidrig. „Das Klageverfahren gegen den Landkreis dazu läuft. Auch das jetzige Verfrachten war sehr heikel und ging nur, weil das Veterinäramt die Verantwortung dafür übernommen hat“, so Schaper. Den letzten Kälbern, die in der Obhut des Woldenhofes sind, gehe es sehr gut.

Nach Angaben von Landkreis-Sprecher Philipp Koenen gab es beim Abtransport der letzten 42 Rinder aus Thedingaer Vorwerk keine sensiblen Transporte. Es seien zwei Amtstierärztinnen vor Ort gewesen, die die Verladung der Rinder kontrolliert haben. „Alle 42 Tiere waren – auch mit Blick auf eine mögliche Trächtigkeit – transportfähig“, so Koenen. Auch in Coldam habe es keine sensiblen Transporte gegeben.

Pferde wurden zum Teil nach Brandenburg gebracht

Was die Koniks angeht, stehen laut Schaper noch 25 Pferde im Thedingaer Vorwerk, die zunächst eingefangen, kastriert und dann nach und nach an neue Halter vermittelt werden. „Die Kastration wird in Absprache mit dem zuständigen Tierarzt unter den bestmöglichen und tierwohlgerechtesten Bedingungen durchgeführt. Auch für die Koniks suchen wir weiterhin ein tierwohlkonformes neues Zuhause“, so der Nabu.

Ein Foto der Koniks in Nüttermoor, das im Juli entstanden ist. Foto: Karin Böhmer
Ein Foto der Koniks in Nüttermoor, das im Juli entstanden ist. Foto: Karin Böhmer

In Coldam hingegen befinden sich keine Pferde mehr. Nach Angaben des Landkreises vom 8. Dezember konnte die Luno von den zwölf Tieren, die in Coldam zuletzt noch waren, acht nach Brandenburg bringen und eines in den Landkreis Aurich. „Als Zwischenlösung werden drei Pferde derzeit auf der Fläche im Hessepark gehalten; diese Fläche ist von der Anordnung des Landkreises zur Auflösung der Rinder- und Pferdeherden nicht betroffen“, so Koenen. Auch für diese Tiere gebe es laut Luno Interessenten.

Pachtvertrag läuft vorerst weiter

Die Luno hat die Flächen Thedingaer Vorwerk und Coldam von der Stadt Leer gepachtet. Die Beweidungsprojekte waren Teil von Kompensationsmaßnahmen der Stadt. Laut der Nabu-Sprecherin läuft der Pachtvertrag momentan weiter. „Es wird Gespräche mit der Stadt Leer geben, wie es weitergehen soll und kann.“ Laut Edgar Behrendt, Sprecher der Stadt Leer, steht eine vertragliche Kündigung seitens der Stadt derzeit nicht im Raum.

Der Nabu teilte im Oktober mit, dass Dr. Hansjörg Heeren, der bis Anfang des Jahres als Tierarzt die Beweidungsprojekte betreute und dann zu einem harschen Kritiker wurde, mehrfach Interesse an den Weideflächen bekundet habe. „Die circa 80 Hektar Weideland sind finanziell attraktiv, wenn dort eine andere Form der Landwirtschaft betrieben wird als die natur- und tierschutzgerechte extensive Beweidungsform der Luno“, so der Nabu.

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Auf Interessenten angesprochen, teilte die Stadt Leer mit: „An Spekulationen werden wir uns nicht beteiligen. Wir haben einen gültigen Vertrag mit dem Nabu. Zur Nutzung: Grundsätzlich sind auf den Flächen in Coldam und in Nüttermoor (Thedingaer Vorwerk) aus fachlicher Sicht sowohl eine erneute Beweidung als auch andere Formen der Extensivierung möglich.“

Juristisch noch nicht abgeschlossen

Nach dem Tod von fünf Tieren von den Flächen im Frühjahr hatte es einen öffentlichen Aufschrei gegeben. Der Nabu und der Landkreis Leer als Aufsichtsbehörde überzogen sich gegenseitig mit Vorwürfen – bis hin zur Strafanzeige, Dienstaufsichtsbeschwerden und Ordnungswidrigkeitenverfahren. Der Nabu teilte dazu mit, dass ein Ordnungswidrigkeitsverfahren vonseiten des Landkreises eingestellt wurde, „alle übrigen Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafanzeigen und Klageverfahren sind noch offen beziehungsweise in der Bearbeitung“.

Nach Angaben von Koenen hat das Veterinäramt Ordnungswidrigkeiten gegen den Nabu eingeleitet, weil die Frist für eine gesetzlich vorgeschriebene Untersuchung auf Tierseuchen nicht eingehalten wurde. Außerdem geht es um Defizite bei der Kennzeichnung von Rindern und damit zusammenhängende Meldeverstöße. Durch die untere Wasserbehörde sei wegen des unsachgemäßen Betriebes einer ortsfesten Jauche-, Gülle- und Silagesickersaftanlage auf den Standorten Thedingaer Vorwerk und Coldam ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet worden. „Diese Verfahren haben sich durch die Auflösung der Herden nicht erledigt“, so der Kreis-Sprecher.