Hildesheim  Antisemitismus in Moscheen? Zu Besuch beim Freitagsgebet in Niedersachsen

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 16.12.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Welche Rolle spielt der Krieg in Nahost in deutschen Moscheen? Ein Besuch beim Freitagsgebet in Hildesheim. Foto: dpa
Welche Rolle spielt der Krieg in Nahost in deutschen Moscheen? Ein Besuch beim Freitagsgebet in Hildesheim. Foto: dpa
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Nur wenige Nicht-Muslime bekommen mit, was hinter den Türen deutscher Moscheen passiert. Vieles ist normale Glaubenspraxis. Doch nun hat der Krieg in Nahost etwas verändert. Wie wird heute gepredigt und welche Rolle spielen Israelfeindlichkeit und Antisemitismus?

Der junge Imam ruft die Worte von seiner Kanzel ins Publikum. Er schreit beinahe, dass es „unser Herz” bedrücke, „wenn wir an die getöteten Kinder, Frauen und Babys in Gaza denken”. Er spricht über Erdbebenopfer und den Flüchtlingsjungen Alan Kurdi. „Was muss noch passieren, damit wir aufwachen?”, ruft der Mann im strahlend weißen Gewand in die Menge.

Diese Sätze sind Teil einer längeren Predigt. Die getöteten Babys in Gaza kommen hier nur in der einen Zeile vor. Aber sie kommen vor. Getötete israelische Kinder dagegen nicht. Ebenso wenig der Überfall der Hamas auf Israel.

Der Hildesheimer Imam Sinan Öztürk hat sich diese Freitagspredigt, die er so emotional vorträgt, nicht selbst ausgedacht. Der Text, die sogenannte Hutba, kommt aus der Kölner Zentrale der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“, kurz IGMG. Die ist nicht so bekannt wie Ditib, vertritt aber nach eigenen Angaben immerhin rund eine halbe Million Muslime in Deutschland, die ihre Freitagsgebete besuchen. Über den Islamrat ist die IGMG auch in der Deutschen Islamkonferenz vertreten. In diesem Format tauschen sich Islamvertreter und Wissenschaftler mit dem Innenministerium aus.

Bestätigen die Sätze in dieser Freitagspredigt, was Sicherheitsbehörden und Politiker nicht allen, aber einigen Muslimen in Deutschland attestieren: eine problematische Haltung gegenüber Israel, gar Antisemitismus? Wo enden Mitgefühl mit zivilen Opfern in Gaza und legitime Kritik an Israel und wo beginnt Hetze?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kritisierte kürzlich, dass sich manche muslimischen Verbände in Deutschland zu zögerlich von den Taten der Hamas und Antisemitismus distanziert hätten. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir beklagte Naivität im Umgang mit Islamverbänden. Und Innenministerin Nancy Faeser forderte, Muslime müssten sich klarer gegen Antisemitismus aussprechen und das auch in Moscheen hinein kommunizieren.

Aufseiten der Muslime hört sich das Ganze anders an: Viele kritisieren, dass sie sich ständig distanzieren müssten von etwas, das sie nie unterstützt hätten. Islam sei doch nicht gleichbedeutend mit Islamismus oder Antisemitismus. Und warum müssten sich immer nur Muslime distanzieren?

So pauschal stimmt der letzte Vorwurf nicht. Auch Linke und Kulturvertreter, die mit Blick auf den Überfall der Hamas teils auffällig ruhig blieben, gerieten in die Kritik. Gleichzeitig ist es richtig, dass Muslime gerade in diesen Wochen teils massive Anfeindungen und Übergriffe erleben.

An diesem Freitag im November sitzen rund einhundert Gläubige auf dem Gebetsteppich in einer alten Druckerei in der Hildesheimer Nordstadt. Junge Männer, aber auch ältere, die gerade von der Arbeit kommen, in Jeans, Cord- und Jogginghosen. Viele behalten ihre Jacken an. Es ist kühl. Ein Jugendlicher scrollt in einer der hinteren Reihen durch Whatsapp, hört dann aber wieder zu. Die Worte des Imams werden in diesem Haus noch in drei weitere Gebetsräume übertragen. Auch für Frauen, die getrennt von den Männern sitzen. Sie wollten es so, sagt der Imam.

Immer wieder kommen im ersten Raum neue Besucher dazu. Ein älterer Mann mit Hörgerät betritt den Raum, ein Jüngerer steht sofort auf. Der Ältere klopft ihm auf die Schultern, bedeutet ihm lächelnd, sitzen zu bleiben.

Mehrere Hundert Besucher kämen hier jeden Freitag zum Gebet, sagt der Imam. Was bekommen sie zu hören und welche Rolle spielt Antisemitismus? Imam und Moscheevorstand sind auf diese Frage vorbereitet. Ihre Konzept lautet: maximale Politikferne. Bei einem Tee erklärte Imam Sinan Öztürk, in seiner Moschee sei kein Platz dafür: „Wir versuchen, uns von der Politik, von weltlichen Dingen fernzuhalten.“ Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er hier als Imam.

Öztürk vertritt damit die IGMG-Linie. Die Organisation wurde von der ersten Generation türkischer Gastarbeiter gegründet. Mittlerweile ist sie in den Händen der dritten Generation. Die fühlt sich in Deutschland zu Hause und vertritt offiziell eine apolitische Haltung, spricht sich gegen Antisemitismus aus und plädiert dafür, Politik aus der Moschee zu halten.

Klappt das?

Die Predigt in Hildesheim ist, geht man nach dem deutschen Text, keine Hasspredigt. Der Imam spricht auf Deutsch, Türkisch und Arabisch über Sterblichkeit, über ein gutes Leben als Muslim.

Aber: Der Satz über getötete Babys, der Beobachter an das antisemitische Stereotyp vom „Kindermörder Israel” erinnert und der bei zahlreichen Anti-Israel-Demos zitiert wurde, steht nicht alleine.

Bei IGMG sind Freitagspredigten nicht geheim. Sie stehen im Netz. In der Woche vor dem Hamas-Überfall ging es darin noch um islamisch korrekte Ernährung. In der Woche nach dem Überfall der Hamas heißt es mit Blick auf den Nahen Osten: „Angriffe auf unschuldige Menschen und Zivilisten, eine kollektive Bestrafung sind inakzeptabel.”

Das kann man so oder so auslegen. Mindestens die Bezeichnung „kollektive Bestrafung” für den beginnenden Krieg gegen eine Terrororganisation dürfte allerdings schwerlich als unpolitisch verbucht werden.

Wiederum eine Woche später heißt es moderater, dass in Kriegen Moscheen, Kirchen, Synagogen, Krankenhäuser und Schulen geschützt werden müssten. „Wir lehnen Gewalt und Terror gegen die Zivilbevölkerung ab, egal ob Israelis oder Palästinenser. Auch lehnen wir es ab, dass Palästinenser kollektiv bestraft werden.” Was nicht vorkommt: der Angriff der Hamas. Betont wird das Leid der Palästinenser, mit denen sich viele Muslime in Deutschland identifizieren.

Bei IGMG heißt es auf Anfrage, in den Freitagspredigten würden auch aktuelle Ereignisse aufgegriffen. Dahinter stehe „keine politische, sondern eine religiöse Motivation“. Es gehe darum, gemäß dem Islam anderen zu helfen und beizustehen.

Aber was lösen Predigten aus, die so emotional nur eine Seite fokussieren? Und was ist mit Beistand für die überfallenen israelischen Familien? Ende Oktober steht im Predigttext: „Die seit zwei Wochen anhaltenden traurigen Meldungen zerreißen uns das Herz. Kinderleichen, die aus den Trümmern hervorgehen und die Wehklagen der Eltern, die in den Himmel steigen; sie zeigen, dass die Menschheit auch im 21. Jahrhundert keinen Fortschritt erzielt zu haben scheint.”

Ähnlich lesen sich zwei Texte aus dem November. Da heißt es etwa: „Über zwei Millionen Zivilisten, die auf engstem Raum leben, werden bombardiert; Krankenhäuser, Schulen, Moscheen und Kirchen werden allesamt dem Erdboden gleichgemacht. Obwohl nicht einmal der Tod eines einzigen Menschen akzeptabel ist, kamen im Gazastreifen bisher über 10.000 unschuldige Menschen aller Altersgruppen ums Leben.” Zwischen Hamas-Kämpfern und Zivilisten wird offenbar nicht differenziert.

In der Woche nach dem Besuch in Hildesheim heißt es in der Predigt: „Wir bitten Allah um Hilfe und Beistand für all unsere Geschwister, die Leid erleben, in Palästina und allen anderen Teilen der Welt. Mögen sie diese schwere Prüfung erfolgreich bestehen.”

Die Predigten lassen nur eine Interpretation des Krieges im Nahen Osten zu: Er ist keine Anti-Terror-Operation Israels, kein Versuch, israelische Geiseln zu befreien, sondern eine Kollektivstrafe für unschuldige palästinensische Zivilisten. Es ist eine Sichtweise auf den Konflikt, die den Blick stark verengt, die mit eindeutigen Täter-Opfer-Narrativen arbeitet und Emotionen schürt. Nicht nur in Hildesheim.

IGMG-Generalsekretär Ali Mete erklärte, er habe nach Anfrage unserer Redaktion „die für die Freitagspredigten zuständige Abteilung um eine kritische Auswertung der Predigten seit dem 7. Oktober gebeten“. IGMG liege nichts ferner, „als Ängste oder Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden oder Antisemitismus in irgendeiner Form zu schüren.“ Mete fügte hinzu: „Im Gegenteil, legen wir großen Wert darauf zu betonen, dass Antisemitismus und Islamfeindlichkeit aus unserer Sicht auf derselben Stufe stehen.“

Ob Prävention funktioniert, indem über Wochen Israel in Predigten als Aggressor dargestellt und Predigten mit Verweis auf getötete Babys emotional aufgeladen werden? Sicher – in den Predigten kommt das Wort Jude nicht vor. Aber differenzieren in dem Punkt auch alle Zuhörer?

Ein paar Kilometer von der Hildesheimer Ayasofya-Moschee entfernt werden gerade zwei Minarette vor einer Ditib-Moschee gebaut. Im Gegensatz zu IGMG können Außenstehende bei Ditib nur erahnen, was hinter den Kulissen passiert. Der neue Ditib-Chef in Köln hält sich bedeckt. In den Moscheen wird auf Türkisch gepredigt.

In Sicherheitskreisen heißt es mit Blick auf Muslime in Deutschland: „Es gärt und brodelt.” Der Krieg in Nahost wirke als massiver Trigger. Muslime in Deutschland identifizierten sich sehr mit den in Gaza leidenden und getöteten Menschen und sähen sich selbst als Opfer, auch einer deutschen Gesellschaft und Politik.

Bundesverfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang erklärte kürzlich mit Blick auf mögliche Radikalisierung: „Die Gefahr ist real und so hoch wie seit langem nicht mehr.”

Beobachtungen wie an diesem Freitag in Hildesheim jedenfalls, da sind sich Sicherheitsexperten einig, seien nur die Spitze des Eisberges.

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