Osnabrück Das wichtigste Thema, das keines ist - warum nicht?
Unser Autor hat den Eindruck, dass ein Thema in Politik und Gesellschaft viel zu sehr vernachlässigt wird: die Probleme in der Pflege. Spricht da echt niemand drüber? Doch, wir!
Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die Berliner Politik lieber um Symbolthemen wie Genderfragen und Rauschgift-Freigaben kümmert als um ein Thema, das jeden Bundesbürger irgendwann einmal existenziell zu betreffen droht. Ich behaupte auch, dass es die meisten Menschen unmittelbarer angeht als der Haushalt, die Ukraine oder der Nahe Osten. Ich meine die Misere der Pflege und möchte Ihnen nur eine kleine Auswahl unserer Berichte aus der jüngsten Zeit vorstellen, um zu illustrieren, was ich meine.
Das erste Beispiel: Einen Heimplatz zu finden, wird immer schwieriger. Das hat auch Folgen für die Krankenhäuser. Pflegebedürftige Patienten blockieren bundesweit Betten, weil keine Einrichtung sie aufnimmt. Sie verweilen dort teilweise Monate, wie ein Fall zeigt, über den meine Kollegin Ankea Janßen berichtet hat.
Außerdem traf sie einen Altenheimbetreiber, der in seinen 48 Einrichtungen vieles gerne anders und besser machen würde als bisher - aber nicht darf. „Bürokratischer Irrsinn“ mache ihm das Leben schwer, klagt der Pflege-Unternehmer gegenüber unserer Reporterin.
Und wie würde es Ihnen gefallen, im Alter auf einem Bauernhof zu leben, Tiere zu gucken und ab und zu mit anzufassen? Auch darüber hat meine Kollegin berichtet. Ausmisten, Eier sammeln und gemeinsam kochen: So kann das Leben für alte und kranke Menschen auf Pflege-Bauernhöfen aussehen, wovon es inzwischen bundesweit die ersten gibt. Auch landwirtschaftliche Betriebe im Norden bekunden Interesse an dem Konzept. Klingt gut, oder nicht?
Die Realität ist derweil weniger romantisch. Zahlreiche Pflegeeinrichtungen in Deutschland stecken in Insolvenzverfahren. Unsere Schwerpunkt-Reporter Sören Becker und Tim Prahle berichten über die wirtschaftliche Misere vieler Häuser und erzählen Ihnen auch die Gründe.
Nicht einfacher wird es, weil etwa ein Drittel aller Pflegeheimbewohner finanzielle Hilfe vom Sozialamt erhält. Doch bis die Behörden das Geld an die Einrichtungen zahlen, kann es Monate dauern. Die Heime müssen es vorstrecken, dabei ist das Kapital ohnehin knapp.
Prahle hat sich auch mit einem Sohn getroffen, der als Angehöriger eine Herkulesaufgabe zu stemmen hat. Von einer anderen Stadt aus zu erleben und die Dinge zu regeln, wenn der Vater zum Pflegefall wird und niemand die Fäden in der Hand hält, führt bei ihm zu der Erkenntnis: „Der Stress macht einen fertig.“
Noch schrecklicher stelle ich es mir allerdings vor, wenn jemand gar keine Angehörigen hat. Der Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, Winfried Hardinghaus, erzählte denn auch unserem Moderator Michael Clasen in einem Video-Talk, dass sich viele Senioren selbst umbringen. Entsprechend warnte er vor einer weiteren Liberalisierung der Sterbehilfe. Dies könne den Druck erhöhen, keinem mehr zur Last fallen zu wollen.
Ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen, denn „Pflege“ zählt zu den Themen, die unsere Reporter derzeit schwerpunktmäßig bearbeiten. Und wenn ich lese und höre, was sie tagein, tagaus im Rest der Republik darüber erfahren, würde ich mir dringend wünschen, die ganze Gesellschaft würde bei diesem Thema genauer hinsehen und auf Lösungen dringen, statt dass sich fortlaufend Debatten über Themen entspinnen, die zumindest in meinen Augen nicht die geringste Rolle spielen, wenn ich sie mit der Frage vergleiche, wie ein Mensch sein Alter in Würde verbringen kann.
Fällt Ihnen ein, wie sich die Situation verbessern ließe? Bestimmt auch, wenn sich jeder in seinem Umfeld darauf besinnt, dass Menschlichkeit und Barmherzigkeit universelle Werte sind und nicht unter die Räder kommen sollten vor lauter Schein- und Abgrenzungsdebatten.