Guldental  Johann Lafer: Das kochen wir jedes Jahr zu Weihnachten

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 15.12.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 19 Minuten
Fernsehkoch Johann Lafer verrät, was es bei ihm zu Weihnachten gibt. Foto: Mike Meyer
Fernsehkoch Johann Lafer verrät, was es bei ihm zu Weihnachten gibt. Foto: Mike Meyer
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Johann Lafer ist eine Kochlegende. Im Interview verrät er, was es bei ihm jedes Jahr zu Weihnachten gibt und warum Matjes bei ihm einen Fluchtreflex auslöst.

Wer denkt, bei Interviews mit Spitzenköchen gebe es erst mal etwas zu essen, täuscht sich. Nein, Johann Lafer ist in seiner Kochschule im Hunsrück-Örtchen Guldental viel zu fokussiert aufs Gespräch. Und erzählt, was er sich von seinem Gast zu essen wünschen würde, wie er in der Küche seiner Mutter die Liebe zum Kochen entdeckte und warum er heute weitgehend auf Fleisch verzichtet – mit Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Frage: Herr Lafer, ich bin ein mittelmäßig begabter Hobbykoch – wenn ich Sie zu mir nach Hause zum Essen einlade, was würden Sie sich wünschen?

Antwort: Das, von dem Sie meinen, dass Sie es am besten können und Ihnen persönlich auch am besten schmeckt, also Ihr Leibgericht. Ich erlebe es oft, dass Menschen, wenn sie professionelle Köche wie mich einladen, denken, sie müssten jetzt so richtig aufkochen. Kochen hat aber sehr viel mit Erfahrung, persönlichen Vorlieben und auch den Bezugsquellen zu tun. Wenn Sie also immer schon gerne nach dem Grünkohlrezept Ihrer Mutter gekocht und das selbst gerne gegessen haben, machen Sie mir damit die größte Freude, weil es authentisch ist. Heute wird häufig versucht, durch Experimente oder Luxusvariationen von Grundprodukten Effekthascherei zu betreiben. Das wünsche ich mir aber nicht.

Frage: Ich sollte also nichts kochen, was ich noch nie gekocht habe?

Antwort: Auf keinen Fall. Wenn Sie kochen und Gäste haben, sollten Sie sich Ihrer Sache einigermaßen sicher fühlen. Dann haben Sie auch Erfolg.

Frage: Eine meiner Spezialitäten ist ein portugiesischer Eintopf mit Chorizo, Tintenfisch, weißen Bohnen, Möhren, Kartoffeln und diversen Gewürzen.

Antwort: Das liebe ich. Ich bin oft in Portugal gewesen, auch bei Fischern, weil ich auf solchen Reisen immer versuche, die Küche und damit auch die Kulturgeschichte zu verstehen. Meist sind landestypische Gerichte ja entstanden durch Überlieferungen des Essens, Einwanderer oder weil es nichts anderes gab. Portugiesische Küche ist sicher oft etwas rustikaler, aber ich finde sie super.

Frage: Also mögen Sie auch Eintopf, oder ist so etwas für einen Spitzenkoch igittigitt?

Antwort: Auf jeden Fall, ich mag es, wenn viele Aromen und Geschmackskomponenten zusammenkommen. Ich denke immer noch gerne zurück an meine Kindheit, weil ich da sehr viel entdeckt habe, wenn einfach die Reste in unterschiedlichen Variationen aufbereitet wurden. Da ist immer vieles hineingekommen und es hat immer gut geschmeckt. Natürlich geht es manchmal auch um die Präzision der Klarheit. Wenn ich ein Steak mit Pfeffersoße esse, sollte das Fleisch einen gewissen Eigengeschmack haben und die Pfeffersoße sollte einen gewissen Ausdruck und eine besondere Raffinesse haben.

Frage: Was sagen Sie als Gast, wenn es nicht so doll geschmeckt hat?

Antwort: Die Leute denken ja immer, dieser Koch, der arrogante Typ, wisse alles besser. Deshalb habe ich mir zwei Fragen fürs Restaurant einfallen lassen. Wenn’s mittelmäßig ist, frage ich den Kellner, ob er es gekocht hat. Und wenn’s ganz schlimm ist, sage ich: Fragen Sie mal den Chef in der Küche, ob er es jemals selbst gegessen hat.

Frage: Wie gut können Sie es ertragen, von einem Hobbykoch bekocht zu werden?

Antwort: Sehr gut. Ich liebe alles, was ich nicht selber machen muss. In der Sendung „Die Küchenschlacht“ sehe ich immer wieder Hobbyköche, die sensationell kochen können. Als wir vor 16 Jahren damit angefangen haben, gab es fast immer dieselben Variationen von Rinderfilet und Entenbrust. Wenn Sie heute sehen, was Hobbyköche in 35 Minuten abliefern, ist das sensationell. Mittlerweile fahre ich oft nach Hause und nehme ein Rezept mit, weil ich es total spannend finde.

Frage: Bei welchem Gericht würden Sie dankend ablehnen und sich auf flüssige Nahrung beschränken?

Antwort: In meiner Kindheit gab es einen Tante-Emma-Laden, an dem wir immer vorbeikamen, wenn wir von der Schule nach Hause gegangen sind. Der hatte mittags zwar zu, aber wir durften durch die Hintertür reingehen. Auf dem Tresen standen große Gläser mit Rollmöpsen, die mit Paprika oder Zwiebeln gefüllt waren. Irgendwie habe ich Gefallen daran gefunden, immer wieder so einen Rollmops zu essen, was für ein Kind in der Steiermark äußerst ungewöhnlich war. Irgendwann hatte ich dann einen zu viel gegessen. Später hatte ich dann eine Freundin im Sauerland, deren Eltern gerne Matjes nach Hausfrauenart auftischten – das würde heute bei mir schlagartig einen Fluchtreflex auslösen.

Frage: Noch mehr, was ich Ihnen nicht vorsetzen sollte?

Antwort: Alle Innereien. Früher habe ich die eigentlich ganz gerne gegessen, aber heute sind sie nicht mehr so mein Ding. Als Kind habe ich Kalbsleber und Hirn gegessen, weil ich es auch nicht anders kannte. Das müsste heute schon von einem Metzger kommen, den ich kenne und dem ich vertraue. Ich würde es auf keinen Fall irgendwo bei irgendjemandem kaufen, den ich nicht kenne. Außerdem esse ich seit geraumer Zeit überwiegend vegane Gerichte.

Frage: Sie sind auf dem Bauernhof Ihrer Eltern in der Steiermark aufgewachsen und haben das mal als „einfache Verhältnisse“ beschrieben. Was war so einfach an diesen Verhältnissen?

Antwort: Mein Vater ging zur Arbeit, damit wir uns bestimmte Dinge noch leisten konnten, und meine Mutter hat zu Hause mit der von den Großeltern übernommenen kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft mit ein paar Feldern, einem Kuh- und einem Schweinestall unser persönliches Wohlergehen gesichert. Im Frühling wurde angebaut, im Herbst geerntet und das Schwein geschlachtet und in der Tiefkühltruhe oder in der Räucherkammer konserviert. Es hat mir damals nicht wirklich Spaß gemacht, da mitzuhelfen. Aber im Nachhinein war es mein großes Glück, dass ich dadurch die Wertschätzung für das gelernt habe, was die Natur uns schenkt und wir am Leben erhalten müssen.

Frage: Wie hat sich die Kindheit sonst auf den späteren Koch Johann Lafer ausgewirkt?

Antwort: Heute ist dieser pure Geschmack meiner Kindheit die Messlatte für alles. Wenn ich so ein gutes Sauerkraut essen will wie damals, muss ich schon lange suchen. Natürlich hängt das auch mit Emotionen zusammen. Ich habe gesehen, wie meine Mutter mit der Schubkarre die Krautköpfe schwer nach Hause gefahren hat. Es kam in einen Bottich, wo wir Kinder mit nackten Füßen drin rumliefen, und sie hat zwischendurch immer Salz, Wacholderbeeren und Lorbeerblätter reingestreut. Und dann gab’s am ersten oder zweiten Weihnachtstag Sauerkraut. Das war meine Geschmacksbildung – Geschmack ist ja nicht angeboren, sondern wird anerzogen.

Frage: Und was gab’s zum Sauerkraut?

Antwort: Ein Stück Geselchtes, geräuchertes Fleisch wie Kassler. Ich erinnere mich auch noch, wie kurz vor Weihnachten immer jemand kam und zwei Kisten spanische Orangen brachte. Und dann saß unsere Mutter da in ihrer Kittelschürze, hat eine Orange geschält und sie uns Kindern Spalte für Spalte gegeben. Bei der Vorstellung, wie wir da gesessen und eine Orangenspalte gegessen haben, läuft’s mir heute noch kalt den Rücken runter. Das war für uns der Wahnsinn. Dadurch entstehen Demut und Wertschätzung – das hat mich als Mensch nie verlassen. Essen ist mehr als nur ein Teller, der vor dir steht.

Frage: Hatten Sie als Kind ein Lieblingsgericht?

Antwort: Erst waren’s immer die Mehlspeisen, weil meine Mutter viel gebacken hat. Deshalb hatte ich in meiner Ausbildung auch besonders großes Interesse an Patisserie. Wenn bei uns in Österreich jemand zu Besuch kam, gab’s keine belegten Brötchen oder so etwas, sondern einen Mehlspeisenteller. Die waren immer mein Liebstes, aber auch eine Einbrennsuppe, die meine Mutter immer gemacht hat.

Frage: Welche Suppe?

Antwort: Eine Einbrennsuppe. Auf der Basis von Mehlschwitze und Geflügelklein. Sie hat das Huhn gekocht, die Innereien, den Hals. Alles, außer den Knochen, wurde ganz klein geschnitten, der Hühnerfond wurde mit einer Mehlschwitze gebunden, dann kam das Hühnerklein und frische Petersilie rein – es wurde dann so cremig weiß und hat mir immer super geschmeckt. So etwas wie Spaghetti Bolognese kannten wir gar nicht – es gab keine Spaghetti und überhaupt keine Nudeln.

Frage: Und was ging gar nicht?

Antwort: Da gab’s einige Sachen, die ich nicht essen konnte. In der Steiermark gibt es so einen Sterz, der wurde aus Polenta oder Buchweizenmehl gemacht. Da wurde ein Klumpen Mehl ins Wasser geschüttet und verquirlt, dann entstehen Grieben, so größere Bröckchen. Darüber kam dann meist noch Griebenschmalz. Das ging bei mir nie, nur dann, wenn meine Mutter sagte: Du musst aber groß und stark werden.

Frage: Welches Gericht Ihrer Kindheit und Jugend kochen Sie heute noch gern?

Antwort: Ganz viel, vor allem den Kaiserschmarrn meiner Mutter. Das war immer ein totales Festtagsessen. Auch die Vanillekipferl meiner Mutter müssen jedes Jahr zu Weihnachten gebacken werden. Und es gibt eine Spezialität aus der Steiermark – Spagatkrapfen, ein Teig mit Wein, Mehl und Zimt, der auf eine Zange geklemmt und in Fett ausgebacken wird. Aber zum Glück hat sich einiges auch weiterentwickelt. Das Schnitzel meiner Mutter gehörte immer zu meinen absoluten Leibgerichten, aber wenn ich den Weg dieses Schnitzels heute erzähle, würden sich einige wohl über den Zubereitungsprozess wundern.

Frage: Warum?

Antwort: Sie hat es eine Viertelstunde in Schweinefett ausgebacken, weil sie meinte, das Schnitzel müsse durch und weich sein. Das war damals so. Heute nimmt man ein Stück Kalbfleisch und Butterschmalz, und nach zwei Minuten ist das Schnitzel fertig.

Frage: Wann und warum haben Sie dann angefangen, selbst zu kochen?

Antwort: Es gab drei Dinge in meinem Leben, die für mich von großer Bedeutung waren. Weil ich auf einem abseits gelegenen Bauernhof groß geworden bin, hatte ich nur wenige Möglichkeiten, mit Gleichgesinnten etwas zu unternehmen. Ich habe dann als Ministrant in der Kirche angefangen, das hat mir die Chance eröffnet, mit anderen außerhalb der Schule eine Freundschaft aufzubauen. Es hat mir auch wirklich Spaß gemacht, obwohl die Messe zwei Stunden dauerte und ich sonntags bei der Verteilung der Hostie schon manchmal daran gedacht habe, was es wohl zum Mittagessen gibt. Ich hätte mir sogar vorstellen können, Priester zu werden, aber meine Eltern hätten sich mein Studium gar nicht leisten können.

Frage: Und was waren Ihre anderen Vorlieben?

Antwort: Das Zweite war durch meinen Onkel beeinflusst, der nach dem Krieg ausgewandert ist und in Hobart in Tasmanien ein ganz außergewöhnlicher Gärtner wurde. Noch heute liebe ich Pflanzen, den Garten, alles anzubauen. Gärtner wäre auch etwas für mich gewesen, einen grünen Daumen habe ich wohl. Das Dritte war, dass ich meiner Mutter wahnsinnig gerne in der Küche geholfen habe. Es hat mich einfach fasziniert, wie das geht. Wie andere Jungs ihrem Vater in der Autowerkstatt zuschauen, habe ich meiner Mutter in der Küche geholfen: „Hansi, du kannst dies machen und das machen“, hat sie immer gesagt.

Frage: War das nicht außergewöhnlich, dass ein Junge seiner Mutter in der Küche hilft?

Antwort: Für mich war das ganz normal. Und dann gab’s ein Schlüsselerlebnis, das letztlich dazu führte, dass ich Koch wurde: Wir hatten im Ort einen Schiffskoch, der sich im Laufe der Jahre ein ganz tolles Haus gebaut, obwohl er fast immer auf dem Schiff unterwegs war. Und wir auf dem Lande dachten: Guck mal, der sieht die ganze Welt und verdient auch noch viel Geld dabei. Ich hab mich dann entschieden, eine Ausbildung zum Koch zu machen.

Frage: Die Lehre im „Gösser Bräu“ in Graz wäre fast an einem Glas Bier gescheitert…

Antwort: „Gösser Bier“ galt für uns auf dem Land damals als Luxusmarke. Ich bin dann mit meinem Vater dahin, wir setzten uns an den Stammtisch und haben auf die Chefin gewartet. Und ich sagte zu meinem Vater: Ich hab jetzt so viel über Gösser Bier gehört, jetzt möchte ich auch einmal so ein kleines Krügel davon trinken. Wir saßen also da mit unserem Bier, da kommt Frau Wagner, die Lehrchefin, und sagt nicht etwa „Guten Tag“, sondern: Was soll denn aus dem Buben werden, wenn er jetzt schon Bier säuft?

Frage: Die Stelle haben Sie dennoch bekommen.

Antwort: Ja, und gleich in der dritten Woche meiner Ausbildung habe ich den nächsten Schlag bekommen. Auf der Karte gab’s gebackenen Emmentaler, und ich hab in der Aufschnittmaschine mit dem Finger eine Käsescheibe nachgeschoben, das kann man heute noch sehen (zeigt seinen vernarbten Finger). Da hat mich dann die Chefin selbst ins Krankenhaus gefahren, und ich musste mir nach gerade mal drei Wochen schon eine sechswöchige Auszeit nehmen (lacht). Im Nachhinein sehe ich das zwar mit Gelassenheit, aber damals war’s schon heftig.

Frage: Und in der Lehre fing’s auch nicht gleich mit den feinen Speisen an.

Antwort: Nee, ich hatte auch keinen Bock mehr, weil es so monoton war, aber meine Mutter sagte, du hast die Lehre angefangen und machst sie auch zu Ende. Ich habe jeden Tag Zwiebeln geschält, weil für Gulasch brauchten wir hundert Kilo Fleisch und hundert Kilo Zwiebeln. Und ich musste ständig das Kühlhaus putzen.

Frage: Klingt nicht so schön.

Antwort: Wir hatten eine frauengeprägte Küchenbrigade, die nichts anderes gemacht als die Lehrlinge für den ganzen Scheiß zu benutzen, den sie selber nicht machen wollten. Deswegen bestehe ich heute auch immer darauf, dass jemand auch etwas lernt und nicht ständig putzen muss, wenn er bei uns ein Praktikum oder eine Ausbildung macht. Andererseits bin ich heute dankbar dafür, dass ich diese wahren Voraussetzungen für eine gute Küche damals so intensiv durchmachen musste. Hygiene und Sauberkeit sind heute so tief in mir, dass ich nichts anfassen kann, ohne dass es eine gewisse Gepflegtheit hat. Bei der Hygiene fängt die Arbeit an.

Frage: Wann wurde es besser in Ihrer Ausbildung?

Antwort: Ich hatte das Glück, dass nach ungefähr anderthalb Jahren die Mehlspeisköchin Rosa aus der Patisserie merkte, wie unglücklich und unzufrieden ich war. Sie hat mich dann zur Seite genommen, und ich durfte in der Mehlspeisküche helfen – wobei sie schon so clever war, dass sie mir nicht die Rezepte gegeben, sondern nur die Schüsseln hingestellt hat, damit ich das zusammenrühren durfte. Aber für mich war das toll, ab da hat’s Spaß gemacht, weil neben der Monotonie eine gewisse Kreativität ins Spiel kam.

Frage: Wir sitzen hier in Ihrer Kochschule in Guldental – wie sieht eigentlich ein normaler „Schulbetrieb“ bei Ihnen aus?

Antwort: Die Gäste sind bei uns von neun bis 17 Uhr, wir machen ein Fünf- oder Sechs-Gänge-Menü, und manchmal sind die Teilnehmer komplett perplex und können es gar nicht glauben, wie viele Einzelheiten es braucht und wie teuer hochwertige Lebensmittel sind, um am Ende das Ergebnis zu erzielen.

Frage: Kann sich da jeder anmelden, oder sollte man zumindest semiprofessioneller Koch sein?

Antwort: Es kann sich jeder anmelden, aber wir haben eine extrem große Nachfrage, und ich hatte durch meine ganzen anderen Aktivitäten in letzter Zeit relativ wenig Möglichkeiten, diese Kurse immer so anzubieten, wie ich es gerne würde. Ich habe den Anspruch, von morgens bis abends persönlich da zu sein, ich begrüße die Leute morgens und gehe erst, wenn die Gäste weg sind. Die Leute zahlen ja auch für „Lafers Kochschule“, dann können sie das erwarten.

Frage: Was zahlt man für einen Kochkurs bei Ihnen?

Antwort: 590 Euro inklusive allem, das heißt ein Menü mit Weinen etc. Dafür mache ich das mit großem Engagement und mit allem, was dazugehört.

Frage: Kann ich am Ende des Tages besser kochen, wenn ich so einen Kurs bei Ihnen mache?

Antwort: Sie haben zumindest einen Einblick bekommen in das moderne System des Kochens. Das Kochen hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, technisch, aber auch inhaltlich mit den ganzen Garverfahren. Sie bekommen also das mit, wofür wir viele Jahrzehnte gebraucht haben. Wenn Sie einmal gesehen haben, wie wir hier Rinderfilet für 16 Personen garen, und Sie machen es zu Hause nach dieser Anleitung, bin ich mir ganz sicher, dass Sie es viel besser hinbekommen als vorher. Ich habe ja die Verpflichtung, die Erwartungen zu erfüllen – überall, wo ich bin.

Frage: Bei Ihren Kochbüchern ist seit einigen Jahren ein neuer Aspekt hinzugekommen: „Essen gegen Arthrose“ hieß das erste aus dieser Reihe, „Essen gegen Schmerzen“ das letzte.

Antwort: Ich habe viele Jahre lang meinem Körper nichts geschenkt, im Schnitt 16 Stunden gearbeitet, bin viel gereist, war ständig unterwegs. Und dann kam es zu der Situation, dass ich in London aus dem Zug ausgestiegen bin und einfach nicht mehr gehen konnte, obwohl ich vorher nichts hatte. Ich konnte mit Mühe und Not noch zurück nach Hause fliegen, bin dann zum Arzt, und der sagte zu mir: Der Reifen ist abgefahren. Was heißen sollte: ganz starke Arthrose. Er wollte mir ein neues Kniegelenk einsetzen, was ich aber nicht haben wollte. Ich bin dann erst mal nach Österreich zu ganz bekannten Ärzten, die auch die berühmten Skifahrer behandeln. Die haben versucht, das alles im Knie einigermaßen zu glätten, aber nach zwei, drei Monaten habe ich gemerkt, dass es sich nicht spürbar verbessert hat.

Frage: Das hieß?

Antwort: Dann kam das Kniegelenk, das war ein Eingriff in meinen Körper, wie ich ihn mir in dieser Form nie hatte vorstellen können. Es war auch sehr mühsam, und als ich wieder einigermaßen fit war, ging es auf der anderen Seite los. Und dann hat mich meine Cousine auf Roland Liebscher-Bracht in Bad Homburg aufmerksam gemacht, der mit seiner Frau durch Übungen und Ernährungsumstellung erfolgreich Schmerzen bekämpft. Diese machte ein Blutbild und meinte anschließend, einer der nächsten Schritte müsse sein, anders zu essen, nämlich überwiegend vegan.

Frage: Wie war Ihre Reaktion?

Antwort: Ich sagte: Bist du wahnsinnig? Ich bin Koch im Fernsehen. Oder wie Horst Lichter mal sagte: Alles unter 400 Gramm ist Carpaccio. Und ich soll jetzt irgendwelche Hirsekörner mit Gemüsebrühe aufkochen? Wie soll das gehen? Die Leute denken doch, der Typ ist irre. Sie meinte nur: Ob ich irre bin, müsse ich selbst entscheiden. Aber aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung könne sie mir sagen, dass durch eine Umstellung meiner Ernährung eine Linderung der Schmerzen möglich ist.

Frage: Und?

Antwort: Ich habe mir überlegt, was die Alternativen sind – noch mal operieren oder so was. Für mich war das ein echter Zwiespalt, aber die Operation wollte ich nicht. Und ich muss sagen: Es ist mir die ersten anderthalb, zwei Jahre verdammt schwergefallen. Auch weil ich wahnsinnig viele Shitstürme bekam, weil die Leute das Buch gesehen haben und dann im Fernsehen mitkriegten, dass ich da etwas ganz anderes gekocht habe. Die dachten, ich wollte sie verarschen. Andererseits sind die Veganer ja auch so eine Community, fast wie eine Sekte und sehr von sich überzeugt. Als ich dann mal Lammkeulen auf dem Grill zubereitete, haben die auf mich verbal eingeprügelt, wie ich denn Lamm zubereiten könne, obwohl ich doch Veganer sei.

Frage: Sind Sie denn tatsächlich mittlerweile Veganer?

Antwort: Ich esse zu 80 Prozent keine tierischen Produkte. Das Verhältnis bei meiner Essensaufnahme hat sich umgekehrt – das, was früher 80 Prozent ausgemacht hat, ist jetzt 20 Prozent und umgekehrt.

Frage: Und es hat tatsächlich gegen die Arthrose geholfen?

Antwort: Absolut. Ich bin der Beweis dafür, dass die Ernährung wahnsinnig viele Auswirkungen hat auf das, was im Körper passiert. Ich war früher oft müde, träge und antriebsschwach – heute fühle ich mich vitaler und auch präsenter. Dabei habe ich noch mehr zu tun als vorher. Mir geht es einfach besser, weil in meinem Körper nichts mehr ist, was mich runterzieht. Wenn man Schmerzen hat, dann hat man auch schlechte Laune. Und wenn man in seinem Leben sich so intensiv um das Wohl der Gäste und das Glücklichsein anderer Menschen gekümmert hat und auf einiges verzichten musste, da man dann gearbeitet hat, wenn die anderen frei hatten, dann können Sie vielleicht verstehen, dass ich heute einen Teil davon für mich zurückhaben möchte. Ich fahre jetzt zum Beispiel über Silvester mit meiner Frau und den erwachsenen Kindern nach Wien – Silvester und Weihnachten haben wir früher mit Ausnahme von Heiligabend Vollgas gegeben, das waren für uns die Tage mit dem meisten Umsatz und der meisten Arbeit.

Frage: Und wie sieht Weihnachten in diesem Jahr bei Ihnen aus?

Antwort: Unser Sohn kommt aus Den Haag, unsere Tochter aus München zu uns. Wir haben immer bestimmte Dinge, die wir gemeinsam kochen, und bestimmte Dinge, die wir gemeinsam machen. So gehen wir zusammen in die Christmette, sind sehr eng mit dem Pfarrer aus dem Ort befreundet, der aus Nigeria stammt und schon viele Jahre mit uns Weihnachten feiert.

Frage: Und was essen Sie immer?

Antwort: An Heiligabend gibt es Feldsalat mit Kartoffelpüree und einer warmen Soße, die meine Großmutter schon gemacht hat, dann gibt’s zum Hauptgang Rinderfilet mit ein paar Beilagen und eigentlich nur noch Käse. An den nächsten Tagen gibt’s einmal Gans und einen Schmorbraten, mit Rotwein geschmorte Rinderrippen und Gemüse dazu.

Frage: Das darf die vegane Community jetzt aber nicht hören.

Antwort: Natürlich esse ich nur ein kleines Stück, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber der Kartoffelknödel und das Rotkraut haben den größten Anteil. Unsere Kinder essen auch beide nur ganz wenig Fleisch, mit Riesenportionen könnte ich denen gar keine Freude machen.

Frage: Und welchen Wunsch haben Sie zu Weihnachten?

Antwort: Ich würde mir wünschen, dass Ernährungserziehung zu einem Teil unserer gesellschaftlichen Entwicklung wird. Dass mehr Eltern mit einem sehr guten Beispiel vorangehen und darauf achten, dass ihre Kinder abwechslungsreich essen.

Frage: Ich fürchte, damit werden Sie nur diejenigen erreichen, die es ohnehin schon tun.

Antwort: Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe mich ja mal sehr stark für die Tafel engagiert und es dann auch wieder gelassen, weil ich mich darüber geärgert habe, dass die Leute nur Fertiggerichte haben wollten, also wenig Frisches, keinen Wirsing und kein Rotkraut. Wenn diese Leute nicht in der Lage sind, selbst zu kochen, ist es für mich wirklich sehr ernüchternd und erschütternd. Denn ich weiß natürlich, dass falsches Essen oft auch mit der Psyche zu tun hat.

Johann Lafer hat uns nicht nur ein Interview gegeben, er hat uns auch ein Weihnachtsrezept für Ente à l‘orange mitgeben.

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