Tierschützer schlagen Alarm  Wie das Verbot von Rindertransporten umgangen wird

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 14.12.2023 10:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Weil Aurich als Drehscheibe für umstrittene Tiertransporte gilt, gibt es immer wieder Demonstrationen von Tierschützern – wie auf dem Foto von April 2022. Foto: Archiv/Ortgies
Weil Aurich als Drehscheibe für umstrittene Tiertransporte gilt, gibt es immer wieder Demonstrationen von Tierschützern – wie auf dem Foto von April 2022. Foto: Archiv/Ortgies
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In Ländern wie Marokko und Ägypten erwartet Zuchtrinder ein qualvoller Tod. Daher hat das Agrarministerium Exporte dorthin untersagt. Der Erlass läuft jedoch offensichtlich ins Leere.

Aurich - Die Tierquälerei soll ein Ende haben, doch funktioniert das? Aurich gilt als Drehscheibe für Transporte lebender Rinder in sogenannte Risikoländer außerhalb Europas. Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) will diese Praxis stoppen – nicht wegen der Transporte selbst, sondern weil nach Erkenntnissen des Ministeriums in Ländern wie Marokko oder Ägypten auch Zuchtrinder früher oder später ohne Betäubung geschlachtet werden.

Dies führe zu anhaltenden Schmerzen und Leiden. Im November forderte das Ministerium per Erlass die Veterinärämter auf, Transporte in 17 Nicht-EU-Staaten in Afrika und Asien zu untersagen. Prompt teilte der Landkreis Aurich mit, ein für Mitte Dezember geplanter Export von rund 300 Rindern nach Marokko werde nicht genehmigt.

Erlass läuft ins Leere

Dennoch läuft der Erlass offensichtlich ins Leere: Erstens können Rinder über Umwege, nämlich andere EU-Staaten, weiterhin in Risikoländer exportiert werden. Wenn beispielsweise von Aurich aus ein Transport nach Belgien geht und die Tiere dort mindestens 48 Stunden untergebracht werden, gilt der Transport als beendet. Alles Weitere haben die niedersächsischen Behörden nicht mehr in der Hand, wie das Agrarministerium auf Anfrage der Redaktion bestätigte. Dieses Schlupfloch könne nur durch eine Regelung auf EU-Ebene geschlossen werden. Es brauche „aus Brüssel eine Liste von Staaten, in die Tiertransporte aus der EU nicht zulässig sind“, so die Pressestelle.

Zweitens gibt es einen ersten Gerichtsbeschluss, der dem Erlass zuwiderläuft. Der Landkreis Emsland hatte den Transport von 105 trächtigen Rindern nach Marokko untersagt. Dagegen legte der betroffene Unternehmer per Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Osnabrück Widerspruch ein und bekam recht. Für ein Transportverbot reiche nicht der pauschale Hinweis auf Gefahren, hieß es zur Begründung. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig.

Zuchtverband antwortet nicht

Von dem Erlass des Ministeriums unmittelbar betroffen ist der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST). Der Zucht- und Absatzgenossenschaft mit Sitz in Leer gehören rund 1400 familiengeführte Betriebe an. Der VOST exportiert von seinem Vermarktungszentrum in Aurich-Schirum aus Rinder in Länder innerhalb und außerhalb der EU. Wie geht der VOST mit dem Erlass um? Lenkt er seine Transporte nun um? Trotz mehrfacher Nachfragen und Bitten um Rückruf sind die Verantwortlichen für die Redaktion nicht zu sprechen.

Die Kontrolle eines Viehtransporters bei Uelzen. Jeder Tiertransport ins Ausland muss vom zuständigen Veterinäramt genehmigt und überwacht werden. Foto: Archiv/Schulze/DPA
Die Kontrolle eines Viehtransporters bei Uelzen. Jeder Tiertransport ins Ausland muss vom zuständigen Veterinäramt genehmigt und überwacht werden. Foto: Archiv/Schulze/DPA

Dem Wiesmoorer Tierschützer und Ratsherrn Diedrich Kleen (Tierschutzpartei) liegen Informationen vor, wonach der VOST bei Landwirten nach wie vor Rinder ankauft, die für den Export beispielsweise in den Libanon bestimmt sind. Der Libanon steht auf der Liste der „verbotenen“ Länder. Ein legaler Export dorthin ist somit nur über Umwege möglich.

„Unruhe unter den Landwirten“

Manfred Tannen aus Bensersiel ist Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland (Ostfriesisches Landvolk) und selbst Milchviehhalter. Er sagte im Gespräch mit der Redaktion: „Man muss schon Sorge haben, dass der Export über andere EU-Staaten läuft. Dann kommen die zusätzlichen Transportzeiten innerhalb der EU obendrauf. Das kann keiner wollen.“

Der Erlass habe viele Betriebe in Ostfriesland kalt erwischt, hatte Tannen vergangene Woche bei einem Besuch der Agrarministerin in Aurich gesagt. „Die Zuchtrinder müssen in den Ställen stehen.“ Im Gespräch mit der Redaktion legte Tannen nach. Eine Übergangszeit „vielleicht von einem halben Jahr oder länger“ hätte den Betrieben ermöglicht, sich auf die neue Situation einzustellen. Einige Kollegen hätten nun Schwierigkeiten, weil sie das nicht einplanen konnten. „Da ist schon wirklich Unruhe unter den Landwirten.“ Sie müssten nun Tiere unterbringen, die eigentlich für den Export bestimmt seien.

„Keinen Einfluss auf die Schlachtung“

Tannen hält es nicht für sinnvoll, Zuchttiertransporte in Drittstaaten zu untersagen. „Die Märkte sind da. Wenn wir sie nicht bedienen, dann bedienen sie andere, die womöglich niedrigere Standards haben, auch bei den Transporten.“ Transporte aus Niedersachsen seien mittlerweile nachvollziehbar und „absolut transparent in der Versorgung der Tiere“. Dass die Rinder anschließend ohne Betäubung geschlachtet werden, konnte aber auch der Landvolk-Präsident nicht ausschließen. „Wir haben keinen Einfluss auf die Schlachtung.“

Es sei jedoch eine Mär, dass Zuchttiere am Zielort direkt der Schlachtung zugeführt würden, fügte Tannen hinzu. „Das macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn. Dann sollte man lieber gekühlte Hälften importieren und nicht Lebendvieh.“ Der Wiesmoorer Tierschützer Kleen sieht das anders: In den Zielländern finde keine Zucht statt, schreibt er in einer Pressemitteilung für den Verein „mensch fair tier“: „Die Tiere werden als Zuchtrinder deklariert, damit sie überhaupt für den Export infrage kommen, da es für Schlachtrinder keine Erlaubnis gibt.“

„Wir brauchen diesen Zuchtrinder-Export“

Viele Landwirte seien auf den Export von Zuchtrindern angewiesen, sagte Tannen. „Wir brauchen gerade in Ostfriesland diesen Zuchtrinder-Export als wirtschaftliches Standbein zur Weidehaltung.“ Es gebe durchaus Alternativen zu den 17 Staaten auf der Verbotsliste. Ostfriesische Zuchtrinder seien weltweit gefragt. „Unsere Rinder werden zum Beispiel auch nach Spanien exportiert.“

Der Nachteil: Wenn nun aufgrund des Erlasses mehr innerhalb der EU exportiert werde, belaste das die Preise. „Der Markt wird von Angebot und Nachfrage bestimmt.“ Heißt: Die Preise verfallen, weil mehr Exportrinder auf den Binnenmarkt kommen. „Wir sprechen von ungefähr 10.000 Rindern im Jahr, die aus Niedersachsen heraus in diese Drittstaaten gehen, die jetzt gesperrt sind“, sagte Tannen. Dies könne man nicht durch Exporte innerhalb der EU auffangen.

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