Norder FDP-Vorsitzender tritt aus Partei aus  Streit zwischen Liberalen im Landkreis Aurich

| | 13.12.2023 12:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Bei der FDP im Landkreis Aurich scheint es um die Harmonie derzeit nicht gut bestellt zu sein. Foto: DPA
Bei der FDP im Landkreis Aurich scheint es um die Harmonie derzeit nicht gut bestellt zu sein. Foto: DPA
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Ein Parteiaustritt und zahlreiche Versionen über die Hintergründe. Eine Seite spricht von Zerwürfnissen, die andere wirft Schlammschlachten vor. Bei der FDP im Kreis scheinen die Fronten verhärtet.

Norden - Fakt ist, Jürgen Heckrodt, bisheriger Vorsitzender des FDP-Ortsverbandes Norden und Fraktionsvorsitzender der FDP-Fraktion im Norder Rat, ist aus der Partei ausgetreten. Seinen Posten als Ortsverbandsvorsitzende hat seit einem außerordentlichen Parteitag am 7. Dezember in Norden Anne Werra Venzke übernommen. Neuer Stellvertreter ist Hendrik Schipper. So weit, so klar. Über die Hintergründe, warum Jürgen Heckrodt ausgetreten ist, herrscht weniger Einigkeit. Heckrodt selbst machte im Gespräch mit unserer Zeitung die Kreisverbandssprecherin und Mitglied des FDP-Landesvorstands, Sarah Buss, dafür verantwortlich. Auch der FDP-Ortsverbandsvorsitzende von Norderney, Hans Vollmer, stützt diese Aussagen. Sarah Buss selbst spricht in einer (nicht mit Heckrodt abgestimmten) Pressemitteilung von „persönlichen Gründen“, die zum Austritt geführt hätten. Von ihrer Seite aus, gibt es keinen Streit bei den Liberalen. Hört man allen Beteiligten am Telefon genau zu, wird dieser aber nur allzu deutlich.

„Der Grund für den Austritt aus der FDP ist nicht parteipolitisch begründet. Der Grund ist: Es gibt keine gute Zusammenarbeit mit dem Kreisverband Aurich. Wir haben unterschiedliche Auffassungen. Wir arbeiten lösungsorientiert. Aus Aurich kommen keine Lösungen. Die Auricher wollten Norden auflösen, ohne überhaupt einmal mit uns zu sprechen. Ich habe nicht die Kraft für solche Kämpfe. Es gibt mehr als Sarah Buss.“ Das und noch viel mehr sagt Jürgen Heckrodt, auf die Gründe für seinen Rücktritt angesprochen.

Auricherin bedauert Austritt von Norder Parteikollegen

Im persönlichen Gespräch bedauert Sarah Buss den Entschluss von Heckrodt. Es gebe aber kein Zerwürfnis. Sie habe jederzeit das Gespräch gesucht – auch nach seinem Parteiaustritt. Dies habe Heckrodt aber abgelehnt. Gleichzeitig wirft Sarah Buss Heckrodt vor, öffentlich Lügen zu erzählen. Er habe weder dem Kreisverband noch seinem Ratskollegen Informationen zum Austritt gegeben, er sei per System-Email zurückgetreten. „Es ist nicht so, dass es irgendwelche Kommunikationsprobleme gibt. Ich habe sehr regelmäßig mit Jürgen Heckrodt telefoniert“, sagte Buss. Es sei glatt weg gelogen, wenn er behaupte, er habe keine Hilfe erhalten, so Buss. Vielmehr habe Heckrodt mehrfach versucht, Parteikollegen gegen die Partei aufzubringen. Er habe Leute angerufen, um zu fragen, ob sie mit ihm gemeinsam austreten wollen, sagte Buss.

Der Norderneyer FDP-Vorsitzende Hans Vollmer, der sich mit dem Ortsverband Norden im Allgemeinen und Jürgen Heckrodt im Speziellen schon aufgrund der thematischen Nähe verbunden fühlt, wie er sagte, wurde im Gespräch mit unserer Zeitung sehr deutlich: „Sarah Buss will es hinstellen, als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen. So ist es nicht. So geht man nicht mit den Ortsverbänden um. Sarah Buss will Karriere machen und nutzt uns als Steigbügelhalter. Das kann klappen, muss es aber nicht. Es geht in allen Entscheidungen des Kreisverbandes nicht um die Ortsverbände“, sagte Vollmer.

Kein Streit in der Partei klingt irgendwie anders.

Sarah Buss sitzt für die FDP im Auricher Stadtrat, im Auricher Kreistag und ist Mitglied im niedersächsischen FDP-Landesvorstand. Foto: Romuald Banik
Sarah Buss sitzt für die FDP im Auricher Stadtrat, im Auricher Kreistag und ist Mitglied im niedersächsischen FDP-Landesvorstand. Foto: Romuald Banik

Sarah Buss: Es gibt keinen Disput zwischen Aurich und Norden

Aus Sicht von Vollmer und Heckrodt geht es in dem Ganzen eigentlich um die ewige, alte Geschichte – die Uneinigkeit zwischen dem Altkreis Norden und dem Altkreis Aurich. „Das ist so ein alter Krieg zwischen Norden und Aurich“, sagte Heckrodt. Für Norden-Norddeich und Norderney spiele der Tourismus eine ganz andere Rolle als im Landkreis Aurich, so Vollmer. Dort spiele Landwirtschaft und Industrie mehr eine Rolle. „Da haben wir uns in der Vergangenheit auch nicht richtig gehört gefühlt. Die Machtverhältnisse in der FDP waren da verschoben“, sagte Vollmer. Heckrodt hat vor allem die Entscheidung des Kreisverbandes gegen das Norder Krankenhaus sehr getroffen, wie er sagte. Das sei entschieden worden, ohne mit den Nordern zu sprechen.

Aus Sicht von Sarah Buss gibt es diesen Disput zwischen Aurich und Norden nicht in der Partei. Vielmehr hätte diesen vor allem Jürgen Heckrodt geschürt. Sie selbst habe dem Ortsverband Norden alle Hilfe angeboten, die es geben könne. „Das ging so weit, dass ich Jürgen Heckrodt angeboten habe, Anträge für ihn zu formulieren und Parteitreffen für ihn zu organisieren“, sagte Buss. Die Entscheidung, dass sich die FDP für die Schließung des Norder Krankenhauses ausspricht, habe die Partei auf einem Parteitag ohne Gegenstimme getroffen, erinnerte Buss. Es habe also auch keine Gegenstimme von Heckrodt gegeben.

Norderneyer FDP-Vorsitzender: Wir brauchen den Kreis nicht

Vollmer machte im Gespräch deutlich: „Die Basis in der Partei ist der Ortsverband. Auf den baut sich alles auf. Das darf man nicht vernachlässigen, wenn man Karriere machen will.“ Er bedauere zutiefst den Austritt von Jürgen Heckrodt. Er könne diesen aber nachvollziehen. Ob auch für ihn ein solcher Schritt denkbar ist, ließ Vollmer offen. „Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht und ich will niemandem drohen, aber ich denke mir schon für die Zukunft, in einer so kleinen Partei muss man schon zusehen, wie man mit seinen Ortsverbänden umgeht. Man kann sich auch nicht alles gefallen lassen.“ Deshalb müsse man auch zusehen, dass man das als Organisation auf die Reihe kriegt, so Vollmer. Die FDP auf Norderney sei wesentlich näher am Ortsverband Norden und an deren Entscheidungen als am Kreis. „Wir brauchen den Kreis nicht. Wir sind sehr daran interessiert, dass wir unsere Autarkie behalten“, so Vollmer. Und, wenn es Beschlüsse gebe, die dahin führen, die Norderneyer Autarkie zu beeinflussen, würde auch er Konsequenzen ziehen.

Vollmer will auch in Zukunft mit Jürgen Heckrodt zusammenarbeiten, der sein Mandat im Norder Rat weiter ausführen will. Nur eben nicht mehr als Mitglied der FDP. Geht es nach Heckrodt will er trotzdem mit seinem ehemaligen Fraktionskollegen Jens Haan zusammenarbeiten. Laut Sarah Buss habe Heckrodt das mit Haan aber noch gar nicht besprochen. Im Norder Rat saßen die beiden Fraktionskollegen am Dienstagabend aber wie eh und je zusammen.

Anne Werra Venzke wurde am 7. Dezember zur neuen Vorsitzenden des FDP Ortsverbandes Norden gewählt. Foto: FDP
Anne Werra Venzke wurde am 7. Dezember zur neuen Vorsitzenden des FDP Ortsverbandes Norden gewählt. Foto: FDP

Buss: Norden spielt bei meiner Zukunftsplanung keine Rolle

Aus Sicht von Vollmer hat das „schwierige Verhältnis“ zum Kreisverband quasi mit Sarah Buss angefangen. „Vorher war gar kein Verhältnis“, sagte Vollmer. Als Ortsverband seien sie durch und durch Kommunalpolitiker. Dieser Kommunalität seien er und auch Jürgen Heckrodt in erster Linie verpflichtet. Natürlich sei auch die Bundespolitik, die Landesebene und Europa wichtig, aber eben nicht das Maßgebende für einen Ortsverband. Was das angeht, lasse die Vernetzung innerhalb des Kreises Einiges vermissen, so Vollmer. Er und auch Heckrodt hätten da andere Erwartungen. „Wir haben die Erwartung, dass unsere Leute im Kreistag sitzen, uns teilhaben lassen an den Entscheidungen. Wir sind nicht so stark daran interessiert, was im Landesausschuss der FDP passiert, ob wir jemanden dort platzieren können oder im Bund.“ Schließlich sei die FDP keine Volkspartei.

Sarah Buss will versuchen, in Zukunft vor allem auch mit der Norderneyer FDP wieder mehr ins Gespräch zu kommen. Dieser Ortsverband habe aber wegen seiner Insellage auch einen Sonderstatus. Auf potenzielle Karriereabsichten, die von den Vollmer und Heckrodt in den Raum geworfen wurden, sagte Buss: „Selbst wenn ich nach Macht streben würde, würde ein Jürgen Heckrodt dem nicht im Weg stehen.“ Jürgen Heckrodt spiele dabei nicht so eine große Rolle. Aber, wo soll ich denn noch hin? Ob und wo es für mich weitergeht, weiß ich nicht. Ich habe für den Bundestag kandidiert und das war knapp. Der Landtagswahlkampf wird irgendwann kommen. An welcher Stelle ich da mitmische, weiß ich heute noch nicht. Derzeit habe sie auch als Mutter von Zwillingen auch noch andere Aufgaben.

Klar machte sie aber trotzdem: „Jürgen Heckrodt ist für mich ein wahnsinnig engagierter Kommunalpolitiker, den ich ungern verliere – bei allen Diskrepanzen.“ Die Parteiarbeit habe er, vorsichtig formuliert, aber nicht vorangebracht.

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