Osnabrück Antisemitismus, BDS, Cancel Culture: Kultur in der Vertrauenskrise
Nicht nur der PEN Berlin erlebt gerade heiße Debatten. Im ganzen Kulturbereich häufen sich Absagen und Distanzierungen. Der Vorwurf: Antisemitismus. Ein ganzer Betrieb steckt in der Vertrauenskrise.
Spaltet sich der PEN womöglich ein weiteres Mal? Im Mai 2022 zerbricht die Autorenvereinigung bei ihrer Jahrestagung in Gotha in zwei Teile. Damals zerstreiten sich die Autoren über den gerade gewählten Präsidenten Deniz Yücel und seine Forderung nach einer Flugverbotszone für die Ukraine. Nun ist wieder Feuer unter dem Dach. Wie verhält man sich nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu Antisemitismus und Gewalt? Welche Haltung ist gefragt? Und was deckt die Meinungsfreiheit ab? Das Wort Debatte reicht nicht aus, um die Sprengkraft jenes Grundsatzkonfliktes fasslich zu machen, der in diesem Jahr nicht allein den PEN, sondern den ganzen Kulturbetrieb lahmzulegen droht.
Die Tugend der Toleranz, die Biegsamkeit des Diskurses, die Kraft des Arguments – all das scheint stumpf und schal in einer aufgeheizten Atmosphäre, in der sich die Kontrahenten unverstanden, ja feindselig gegenüberstehen. Gerade der neu gegründete PEN Berlin wollte Maßstäbe einer neuen Debattenkultur setzen. Jetzt verlässt Alt-Verleger Ernst Piper den erlesenen Autorenclub unter Protest gegen Eva Menasse und ihre angeblich antisemitisch zu verstehende Bereitschaft, Positionen der israelfeindlichen Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) zu tolerieren. Menasse hingegen schmäht ihre Kritiker. Es ginge nur um „15 minutes of fame“. Keine feine Formulierung für die Sprecherin einer Autorenvereinigung.
Bezichtigen, distanzieren, absagen, zurücktreten: Es hat den Anschein, als stelle die in den letzten Jahren als vermeintliche Randerscheinung kritisierte Cancel Culture inzwischen das generalisierte Verhaltensrepertoire der Kulturszene. Die Vorfälle häufen sich. Hannovers Opernintendantin Laura Berman wird zur Zielscheibe antisemitischer Attacken. Der Philosoph Slavoij Zizek provoziert zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit seinen Ausführungen zu Israel und Hamas einen Eklat. Saarbrückens Museum lädt die der BDS-Nähe beschuldigte Künstlerin Candice Brice aus. Die Veranstalter sagen die Foto-Biennale in Mannheim und Ludwigshafen ab. Sie werten Social Media Posts eines Kurators als antisemitisch. Das Essener Museum Folkwang trennt sich aus dem gleichen Grund von Kurator Anaïs Duplan. In der Ausstellung „Wir ist Zukunft. Visionen neuer Gemeinschaften“ klafft nun eine peinliche Leerstelle.
Gemeinschaft ist das Stichwort. Sie scheint zerbrochen. Der Kulturbetrieb folgt damit einem generell zu beobachtenden Trend der Gesellschaft. Kultur integriert nicht länger. Im Gegenteil. Sie spiegelt den Brand des überall lodernden Streits nur um einige Grade heller und heißer zurück. Dabei soll die Kultur in freien und pluralen Gesellschaften ja gerade jener Bereich sein, der es ermöglicht, Konflikte frei vom Druck der Interessen darzustellen und offen zu diskutieren. Soweit die Beschreibung, die gerade hoffnungslos idealistisch klingt. Wenn es um Gewalt und Antisemitismus, BDS und Intoleranz geht, frisst sich das Misstrauen tief in jedes Gespräch. Das Gift des Verdachts lähmt jenen Sektor der Gesellschaft, der ihr Areal der Offenheit sein sollte.
Es zeigt sich nun, dass es in der Frage der Kultur zugleich um mehr als einen Sektor, um viel mehr als einen bloßen Betrieb geht. Sie ist das Bedeutungsprogramm einer Gesellschaft. Wer an diesem Programm teilhaben will, muss sich ihm öffnen können. Das geht aber nicht mehr, wenn Kulturmacher in den Verdacht kommen, Antisemitismus zu tolerieren, mit einem den freien Austausch behindernden Boykott zu sympathisieren oder gar Gewalt für ein hinnehmbares Mittel der Auseinandersetzung zu halten. Es ist der Vertrauensverlust, der die Kultur lähmt, die Unsicherheit darüber, ob grundlegende Werte der Menschlichkeit noch geteilt werden.
Wie idyllisch nehmen sich im Vergleich die Konflikte des Jahres 2022 aus. Ist es noch vorstellbar, dass seinerzeit über falsche kulturelle Aneignung gestritten wurde, Dreadlocks weißer Musiker und ein Jugendfilm über Winnetou für Debatten sorgen konnten. Inzwischen geht es um viel mehr. Im November 2023 erst trat Regula Venske von ihrem Posten als Generalsekretärin des PEN International zurück. Der Grund: unterschiedliche Auffassungen zum Nahost-Konflikt.