Utrecht Geldautomat gesprengt: Warum Männer aus Utrecht das große Risiko suchen
Sie kommen, wenn Deutschland schläft. Mit schnellen Autos passieren sie die Grenze, beladen mit Sprengstoff und Benzin. Geldautomatensprenger auf der Jagd nach Reichtum. Ihre Heimat? Utrecht. Immer wieder Utrecht. Wie wurde die Stadt in den Niederlanden zur Hochburg der Automatensprenger?
Die Sonne versinkt langsam hinter den Wohnblocks in Overvecht, einem Stadtteil der niederländischen Großstadt Utrecht. Kinder spielen in einem Metallkäfig Fußball. Es scheppert jedes Mal, wenn der Ball auf die Umzäunung trifft. Der Aufschlag hallt wider von einer Häuserfront.
Auf einem Parkplatz vor den Blocks steht ein weißer Peugeot. Zwei Männer sitzen auf Fahrer- und Beifahrersitz. Das Licht ihrer Handys erhellt ihre Gesichter. Sie sind jung, tragen Trainingsanzüge. Das Autoradio spielt Musik. Ein wenig weiter die Straße entlang leuchtet eine Tankstelle in den Abend. Eine Gruppe junger Männer hängt hier ab.
Ein Sperrmüll-Berg versperrt den Weg. Schränke, Stühle, ein Bett – eine ganze Wohnung wird hier entsorgt. Das meiste Mobiliar scheint noch in einem guten Zustand. 30 Namen stehen auf den Klingelschildern des Hauses, 30 Wohnungen verteilt auf zehn Stockwerke.
Einer der Bewohner dürfte gerade nicht hier anzutreffen sein. Er sitzt zu diesem Zeitpunkt in Deutschland seit Wochen in Untersuchungshaft, weil er im niedersächsischen Landkreis Osnabrück einen Geldautomaten gesprengt hat. Gehört der Sperrmüll zu seiner Wohnung? Auf das Klingeln hin öffnet niemand.
Eine ältere Frau mit vollem Einkaufstrolley hastet ins Treppenhaus. Zu ihrem Nachbarn kann oder will sie nichts sagen. Nicht ungewöhnlich in Overvecht. Gespräche zum Thema Automatensprenger, Plofkraker auf Niederländisch, sind meist kurz und unergiebig. Fakt ist: Dutzende junge Männer aus Utrecht sitzen in deutschen Gefängnissen.
Wann immer hierzulande ein Geldautomat explodiert, sind die Chancen groß, dass die Täter von dort kommen. Aber trotz aller Ermittlungserfolge auf deutscher Seite reißt die Serie an Sprengungen nicht ab, mehr noch: Die Täter scheinen ein immer größeres Risiko in Kauf zu nehmen.
26. September, 5 Uhr morgens: Mit Vollgas fliehen mehrere junge Männer vor der Polizei. Sie sollen versucht haben, einen Geldautomaten in Thüringen zu sprengen. Die Flucht dauert nicht lange. Etwa 25 Kilometer vom Tatort entfernt stürzt der hochmotorisierte Audi in einen Fluss. Drei Männer können sich retten, ein vierter stirbt im Wrack. Seine Heimatstadt: Utrecht.
11. November, 3 Uhr nachts: Die Polizei jagt Verdächtigte nach einer Automatensprengung in Wiernsheim in Baden-Württemberg. An einem Autobahnparkplatz an der A6 springen zwei Männer aus dem Wagen und rennen davon. Der Fahrer dreht und fährt falsch herum auf die Autobahn. Sein aufgemotzter VW kollidiert mit einem Kleintransporter. Der Mann wird schwer verletzt. Der Beifahrer im Transporter stirbt später. Die Polizei ermittelt wegen Mordverdachts. Heimatstadt des Verdächtigen: Utrecht.
Die Spuren laufen häufig im Norden der Metropole zusammen, in Overvecht. Der Stadtteil liegt abseits vom touristischen Stadtzentrum. In Overvecht reiht sich Wohnblock an Wohnblock. Die Straßen heißen hier nicht mehr „Straat”, sondern „Dreef”.
Das hängt mit der Geschichte des Fleckens Erde zusammen. Bevor zehn- und mehrstöckige Wohnblocks hochgezogen wurden, war die Erde hier Farmland. Landwirte trieben ihr Vieh über die breiten „Dreven”. Lange ist das her. In den 1960er-Jahren wurde der neue Stadtteil Overvecht regelrecht aus dem Boden gestampft. Zehntausende Menschen fanden hier eine neue Heimat.
Es hat sich viel verändert. Overvecht ist ein Problemstadtteil. Die Armut ist groß , die Arbeitslosigkeit hoch. Mittlerweile hat mehr als jeder zweite Bewohner in Overvecht einen Migrationshintergrund, davon wiederum die meisten einen marokkanischen. Aus diesem Milieu stammen häufig die Automatensprenger.
Wie verwurzelt das Verbrechen in dem Stadtteil ist, wurde spätestens 2020 deutlich. Im „Californiëdreef” in Overvecht flog so etwas wie eine Automatensprenger-Schule in die Luft. In einem schmucklosen Gewerbebau war bis dahin wohl über längere Zeit geübt worden, wie sich Geldautomaten am besten knacken lassen. Die Maschinen waren in Deutschland bestellt worden.
Offenbar ging dabei eines Tages mit dem selbstgebastelten Sprengstoff etwas schief. Ein junger Mann starb. Er und andere, so fanden Ermittler später heraus, sollen Lehrvideos für den Automatensprengernachwuchs gedreht haben.
„Bis dahin war es in Overvecht recht still um das Thema”, erzählt Berdien van der Wilt. Sie ist Kommunalpolitikerin, hat lange in Overvecht gelebt und setzt sich für junge Menschen in dem Stadtteil ein. Sie ist eine der wenigen, die über das Thema reden will: „Es war ein bisschen so wie mit dem Auge des Orkans. Bis zu der Explosion.”
Seitdem war nicht mehr zu übersehen, dass sich in Utrecht ein kriminelles Netzwerk ausgebreitet hatte. „Es ist die unbequeme Wahrheit, dass die Stadt eine dunkle Seite hat, auf die wir nicht so gern schauen“, sagt Kommunalpolitikerin van der Wilt.
Die Behörden in den Niederlanden zählen zum Kreis der tatsächlichen und potenziellen Automatensprenger bis zu 400 Jugendliche und Erwachsene. Allein in Utrecht wohlgemerkt. „Es ist der Stadtteil mit der höchsten Abbrecherquote unter Schülern. Keine Qualifikation bedeutet keine oder eine schlecht bezahlte Arbeit und generell sehr große Herausforderungen im späteren Leben”, sagt van der Wilt.
Ortswechsel: Auf der Anklagebank im Landgericht Osnabrück sitzen drei junge Männer. Einer war Mieter der Wohnung in Overvecht mit dem Sperrmüll vor der Tür. Das Trio wird an diesem Tag einräumen, einen Geldautomaten in Gesmold, einem Stadtteil von Melle in Niedersachsen, gesprengt zu haben.
Wie sie an den Job kamen? Sie seien angesprochen worden, ob sie sich nicht Geld dazuverdienen wollen, sagen sie aus. Einer der Angeklagten verweist auf die teuren Turnschuhe, die einer der Anwerber getragen habe. So habe er auch herumlaufen wollen. Dazu die schnellen Autos, der Adrenalinrausch, die Anerkennung. All das scheint auf junge Männer in Overvecht anziehend zu wirken – anziehender jedenfalls als ein ehrlicher Job mit geringerem Verdienst.
In der letzten Reihe des Gerichtssaals sitzen drei junge Männer. Sie sind nach eigenen Angaben verwandt mit den Angeklagten, kommen aus Overvecht. In einer Verhandlungspause stehen sie vor der Saaltür auf dem Flur. Ob sie über Overvecht sprechen wollen? „Was soll man sagen”, sagt einer und zuckt mit den Schultern, „das versteht eh keiner. Darüber können wir nicht reden.”
Es ist offenbar Angst, die Menschen aus Overvecht schnell still werden lässt, wenn es um die Hintergründe der Automatensprengungen geht. Vor Gericht räumen die Angeklagten alles ein. Nur zu den Hintermännern schweigen sie. Wer verdient das große Geld mit den Aktionen?
Es sind nicht die drei Angeklagten. Sie sollten wenige Tausend Euro erhalten. In einem Automaten lagern allerdings manchmal mehr als 100.000 Euro. Die Gesamtbeute lag im vergangenen Jahr bei 30 Millionen Euro. Neben den Kosten für neue Sprengungen soll das Geld laut Ermittlern zum Teil auch in Immobiliengeschäfte in Marokko geflossen sein.
Er habe große Angst vor diesen Strippenziehern, heißt es in einer Stellungnahme eines der Angeklagten über die Auftraggeber. Nicht nur Angst um sich selbst, „sondern auch um Eltern und Geschwister”. Die Personen seien „sehr mächtig. Es wird gesagt, die seien zu allem bereit”. So oder so ähnlich hatten sich Angeklagte auch in anderen Verfahren geäußert.
Wer redet, stirbt oder riskiert zumindest seine Gesundheit oder die seiner Lieben: Insider sagen, diese Einschätzung sei keine Schutzbehauptung, sondern durchaus realistisch. Richtig ist aber auch, dass die Zahl der Profiteure enorm ist. Vom Geld, das Automatensprenger verdienen, profitieren teils auch ihre Familien. Ein neuer Fernseher hier, ein neues Möbelstück dort. In einzelnen Familien sind gleich mehrere Männer in dem Milieu tätig.
Und dieses Milieu bietet offenkundig auch Schutz. Im Sommer meldete die Polizei in Utrecht einen Ermittlungserfolg, oder besser gesagt: einen Glückstreffer. Beamte entdeckten zufälligerweise einen Mann auf einem Balkon, der in Deutschland mehrere Geldautomaten gesprengt haben soll. Seit zwei Jahren war er bereits zur Fahndung ausgeschrieben. Wirklich versteckt hatte er sich zumindest an diesem Tag im August nicht.
Die niederländische Polizei dichtete dazu auf Instagram: „Eerst stapels geld uit de muren, nu op weg naar de buren”, auf Deutsch etwa: Erst Bündel von Geld aus der Wand, dann auf dem Weg zu den Nachbarn. Darunter kommentierte ein Nutzer auf Deutsch: „Viel Spaß in Deutschland.”
Tatsächlich gilt die deutsche Justiz zumindest in den Niederlanden als härter. Mehrjährige Haftstrafen sind für Automatensprenger die Regel. Auch das gilt Szenekennern als ein Grund, aus dem die Risikobereitschaft der Täter auf ihrer Flucht immer weiter zunimmt: Je schneller sie die Niederlande erreichen, desto sicherer sind sie vor harten Strafen. Damit steigt aber auch das Risiko von Unfällen.
Wer es heil zurück in die Niederlande schafft, bleibt häufig im Geschäft. Die Kontakte sind geknüpft. Und die potentielle Beute in Deutschland unendlich: Hierzulande stehen mehr als 50.000 Geldautomaten. In den Niederlanden sind es höchstens 1000 und die sind auch noch besser gesichert.
Zwar gibt es keine prototypische Karriere eines Plofkrakers, aber Beobachter sagen: Es beginnt mit dem Verkauf von Schnupftabak oder Lachgas auf den Schulhöfen in den Niederlanden, führt über das Automatensprengen in Deutschland hinzu zum Dealen mit Kokain und anderen harten Drogen zurück in die Niederlande.
Der Plofkraker ist nur eine Stufe der kriminellen Karriereleiter in Utrecht. Wie die jungen Menschen daraus holen, wenn das Umfeld nicht hilft? Utrechts Bürgermeisterin Sharon Dijksma spricht von einem „giftigen Ökosystem”, in dem sich die jungen Männer bewegten.
Ein System mit vielen Verlockungen, Zwängen und enormen Risiken. Die niederländische Tageszeitung „Algemeen Dagblad” umschrieb den Lebensstil kürzlich so: „Live Fast, Die Young” – Lebe schnell, sterbe jung; jede Nacht aufs Neue gilt das für die jungen Männer aus Utrecht.