Hamburg Druck im Alter erhöht Suizidrisiko - Osnabrücker Mediziner Winfried Hardinghaus warnt vor Sterbehilfe
Ältere Menschen und Pflegebedürftige können für Angehörige zur Belastung werden. Mit der Möglichkeit der Sterbehilfe sehen manche einen Ausweg. Der Vorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes warnt und appelliert: „Allen kann geholfen werden.“
Winfried Hardinghaus erinnert sich noch gut an den einen Patienten, der zu ihm in die Klinik kam. „Er wollte sich zu Hause mit Blutverdünnern umbringen”, erzählt der Vorsitzende des Deutschen Hospiz-und Palliativverbandes (DHPV) aus Osnabrück. „Er kam aber zu uns, weil er Schmerzen hatte. Wir konnten ihm die Schmerzen nehmen und er ging wieder noch Hause”, fasst Hardinghaus dieses dramatische Erlebnis im Expertentalk zusammen.
Horrende Pflegekosten, Einsamkeit, körperliche Beschwerden von Schmerzen bis Schlafproblemen oder gestresste Angehörige: Der psychische Druck, der auf älteren Menschen lastet, kann viele Ursachen haben. Nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe leiden mehr als sechs Prozent der 70- bis 79-Jährigen an einer Depression. Die Folgen können dramatisch sein. „Schätzungsweise 15 Prozent der Patienten mit schweren depressiven Störungen versterben durch Suizid”, heißt es vom Robert-Koch-Institut.
Vor allem bei Männern steigt das Suizid-Risiko im Alter. 2022 waren nach der Todesursachenstatistik bereits 44 Prozent der Menschen, die den Freitod wählten, älter als 65 Jahre. Zum Beispiel, weil man den Angehörigen nicht weiter zur Last fallen will. Hardinghaus kennt solche Fälle: Es gebe „Angehörige, die von ihren alten Verwandten erwarten, Schluss zu machen, um beispielsweise das Pflegeheim nicht mehr bezahlen zu müssen”, sagte er.
Möglich, dass sich die Problematik weiter verschärft: Das Bundesverfassungsgericht hat den Weg für den assistierten Suizid, also das selbstbestimmte Sterben mit der freiwilligen Hilfe durch Dritte, 2020 freigemacht. Parteilinien gibt es nicht, ohne Fraktionszwang ringen die Parlamentarier seither ergebnislos um ein neues Sterbehilfegesetz.
Zwei Gesetzentwürfe mit einschränkenden Regulierungen für die Suizidbeihilfe waren im Sommer gescheitert. Bei den Trägern von Pflegeeinrichtungen wird teilweise schon intern debattiert, wie künftig mit den Sterbewünschen umgegangen werden kann. Dort komme es bereits vor, dass die Bewohner sich explizit den assistierten Suizid wünschen, wie unserer Redaktion von mehreren Trägern erfuhr.
In den Niederlanden existiert das Recht schon seit mehr als 20 Jahren. Sogar die aktive Sterbehilfe ist erlaubt. So darf das tödliche Medikament etwa das nicht nur bereit gestellt, sondern auch direkt ärztlich verabreicht werden. Winfried Hardinghaus warnt jedoch mit Verweis auf das Nachbarland vor den gesellschaftlichen Folgen. „Dort müssen sich die Alten teilweise erklären, warum sie noch leben und den Angehörigen zur Last fallen”, sagt er. Ganz schlimm sei das.
Oft gehe es älteren Menschen gar nicht darum, dass sie sterben wollen, sondern „dass sie so nicht weiterleben wollen”, erklärt Hardinghaus. Aus seiner Sicht fehlen in Deutschland vor allem die Informationen, wo und wie viel Hilfe es gibt. Teilweise wüssten die Menschen nicht mal, dass ein Platz im Hospiz komplett von der Krankenkasse übernommen werde und nicht mit einem Pflegeheim vergleichbar sei.
Es stehe jedem frei, mit dem Leben Schluss zu machen, wenn er das will. Körperliches Leid sollte aber niemals ein Grund sein, sein Leben zu beenden. „Wir können jedem alle Schmerzen nehmen”, betont der Vorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes. So könne auch in der letzten Phase des Lebens Lebensqualität und die Würde erhalten bleiben.