Reaktivierung der Bahnstrecke Esens-Norden Keine Bahn zum Hafen – Tourismus auf dem Abstellgleis?
So geht Tourismus nicht, mahnt Holger Heymann. Der Kreis Wittmund braucht als Urlaubsregion dringend mehr Gleismeter. In Hannover sieht man das anders: Das ändern auch potenzielle Pendler nicht.
Wittmund - Das ist eine herbe Enttäuschung: Die Reaktivierung der Bahnstrecke von Esens weiter über Dornum bis nach Norden ist – anders als die Reaktivierung der Strecke Aurich-Emden – bei der Landesregierung in Hannover als nicht lohnenswert eingeordnet worden. Der parlamentarische Lenkungskreis zum neuen Streckenreaktivierungsprogramm hat die Strecken in der Reaktivierungsuntersuchung 2023 konkret als „nicht weiter zu verfolgen“ eingestuft. Es sind zwei von insgesamt elf möglichen Trassen, die einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele darstellen könnten. Das gemeinsam vom Verkehrsverbund Ems-Jade (VEJ) sowie den Landkreisen Wittmund und Aurich angestrebte Projekt mit einem geschätzten Kostenvolumen von 120 Millionen Euro flog schon in der zweiten Runde raus. „Das enttäuscht sehr“, stellt Holger Heymann (SPD) während einer Sitzung des Planungsausschusses des Landkreises im Wittmunder Kreishaus frustriert fest.
Ein aus Wittmunder Sicher entscheidender Fehler: „Touristische Verkehre wurden nicht berücksichtigt.“ Die Landespolitik begründet dies unter anderem mit zu wenigen Bewohnern in der beplanten Fläche. Also Menschen, die später die Bahn nutzen sollen. Zu kurz gedacht, sagt nicht nur Heymann. Der ist neben seinem Amt als Landrat für den Landkreis Wittmund auch Aufsichtsratsvorsitzender des Tourismusverbandes Nordsee. Was dabei offenbar in den Planungen des Landes übersehen wird, ist das große Ganze: Im Kreis Wittmund kämen auf nicht einmal 58.000 Einwohner etwa 2,5 Millionen Übernachtungen. „Die überwiegend auf den Individualverkehr angewiesen sind.“ Eben weil sie schlichtweg nicht bequem mit dem Zug anreisen können.
Eine Region auf dem Abstellgleis?
In Norddeich Mole ist längst möglich, was mit einer Erweiterung der Strecke von Esens über Bensersiel erreicht werden soll: der direkte Weg auf dem Gleis bis an den Fähranleger. Die Folge im Kreis Aurich: „Menschenmassen mit ihren Koffern.“ Die westlichen der ostfriesischen Inseln, Borkum, Juist und Norderney, sind bestens erreichbar. Eine Stärke der VEJ, die Touristen zu schätzen wissen. Im Osten ist das anders: Um zu den zum Kreis Wittmund gehörenden Inseln Langeoog mit Fähranleger Bensersiel und Spiekeroog (Neuharlingersiel) sowie das friesländische Wangerooge (Harlesiel) zu gelangen, müssten Gäste mehrfach umsteigen – oder eben das Auto nutzen. Das tun darum auch fast alle. Da bringt es nur wenig, dass das Nordseeheilbad Carolinensiel-Harlesiel sich ein umfassendes Mobilitätskonzept gibt, dass Autos möglichst aus dem Ort heraushalten soll. Wer bewusst autofrei anreisen möchte, hat hier kaum die Chance dazu. Mit Sorge beobachtet Heymann, wie Ostfriesland immer mehr Marktanteile am Inlandstourismus in Richtung Schleswig Holstein verliere.
„Es ist ein enormer Nachteil in der Anbindung“, meint auch Jürgen, genannt Tilli, Rachner. Er ist Geschäftsführer der Verkehrsregion Nahverkehr Ems-Jade und kennt ihre Stärken und Schwächen genau. Die Verkehrsregion ist der Verbund der Aufgabenträger in der Region Ems-Jade. Gesellschafter sind die Landkreise Aurich, Wittmund, Leer, Friesland, Emsland und die kreisfreien Städte Emden, Leer und Wilhelmshaven. Und mittendrin liegt die Schwäche des VEJ-Gebietes. Die angedachte, aber derzeit fehlende Streckenführung hat gleich zwei massive Nachteile. Eine ist die fehlende Anbindung nach Bensersiel. Langeoog ist – anders als Spiekeroog und Wangerooge – tideunabhängig. Die Abfahrtzeiten der Fähren können somit fest in einen Fahrplan integriert werden, um die reibungslose Anreise ohne Wartezeiten beispielsweise aus dem Ruhrgebiet bis auf die Insel möglich zu machen. Rachner ist sicher: „Ich brauche für die touristischen Gäste die Anbindung an den Fährhafen. Ich muss es den Menschen einfach machen.“
Noch ist der Zug nicht abgefahren
Die Verbindungslücke zwischen Esens und Norden aber führt zu einem zweiten eklatanten Bruch für ganz Ostfriesland: „Die Ost-West-Verbindung fehlt.“ Diese Strecke wäre für die Menschen der gesamten Halbinsel wichtig, stellt Rachner klar. Das sie fehlt, ist nicht nur für den Tourismus schlecht. Auch Einheimische wie beispielsweise Berufspendler haben schlechte Karten. Reisen in andere Teile Deutschlands? Mit der Bahn aus Ostfriesland heraus oft problematisch, lenkt er ein. Aber es soll sich ändern, irgendwann. Das wird sich nicht von allein regeln, meint Rachner. Das müsse aus der Region heraus kommen. „Da braucht man einen langen Atem. Aber man muss etwas tun.“
Ähnlich brachte es auch Holger Heymann im Planungsausschuss auf den Punkt: „Wir dürfen nicht zugucken. Wir müssen handeln.“ Es gebe nur zwei Möglichkeiten, sagt er den Mitgliedern: „Man kann zusehen und hoffen. Oder man macht eine Machbarkeitsstudie.“ Nach kurzem Zögern und erneuter Beratung innerhalb der CDU-Fraktion fiel die Entscheidung einstimmig für diesen Weg, der mittlerweile von einem Votum des Kreisausschusses bestätigt wurde. Die Machbarkeitsstudie soll VEJ-Schätzungen zufolge zwischen 60.000 und 80.000 Euro kosten; etwa die Hälfte für die Kreise Wittmund und Aurich. Dieser Schritt ist ein wichtiges Signal, meint Rachner: „Die Region will eine bessere Bahnanbindung – und sie engagiert sich dafür.“