Alternativen zum Auto vor der Tür Wie mehr Auricher auf Carsharing abfahren könnten
Der Auricher Carsharing-Verein stößt mit seinem Angebot an Grenzen − in jeder Hinsicht. Deshalb hat der Vorsitzende Heinrich Herlyn eine Idee entwickelt, um die Arbeit auf breitere Füße zu stellen.
Aurich - Heinrich Herlyn hat einen Wunsch: Der Auricher Umweltaktivist fände es gut, wenn mehr Menschen in seiner Stadt auf Carsharing abfahren würden. So richtig. So wie in den Metropolen. Dort boomt das Geschäft mit den Fahrzeugen, die sich viele Menschen teilen. Laut Statista Research Department ist die Zahl der Nutzer bundesweit innerhalb der vergangenen fünf Jahre von 500.000 auf 4,5 Millionen Menschen gestiegen. Besonders hohe Zuwachsraten verzeichneten die stationsunabhängigen Carsharing-Dienste, bei denen das genutzte Fahrzeug an einem beliebigen Ort abgestellt werden und dann von nachfolgenden Kunden gemietet werden kann, heißt es in der Auswertung. Das bedeutet, dass Verbraucher bei diesem Fortbewegungsmittel die größtmögliche Flexibilität schätzen und nutzen möchten.
Verein tritt auf der Stelle
Nicht nur in diesem Punkt ist Heinrich Herlyn im Nachteil. Der Auricher ist seit fast zehn Jahren Vorsitzender des Auricher Carsharing-Vereins, der bereits 1994 gegründet wurde. Das heißt, dass es in der Stadt schon recht früh ein nachhaltiges Mobilitätsmodell gab. Doch seit Jahren tritt der Verein, was das Wachstum der Mitglieder und den Zuspruch anbelangt, auf der Stelle. „Wir bewegen uns fast konstant bei 40 Mitgliedern. Pro Jahr kommen im Schnitt regelmäßig zehn neue Mitglieder hinzu, es treten aber auch zehn aus.“ In puncto Flexibilität könne der Verein nicht das bieten, was bei kommerziellen Anbietern vielfach zum Standard gehört. Das Unternehmen Cambio Carsharing etwa, das seit 2019 unter anderem in Leer mit acht Fahrzeugen vertreten ist, bietet laut Homepage für jede Fahrt das passende Auto (siehe Interview). Der Nutzer kann zwischen unterschiedlichen Tarifen wählen und das Fahrzeug an einer Station seiner Wahl abstellen. Auf der Homepage werden die meisten Fragen zur Nutzung beantwortet. Die Anmeldegebühr liegt bei 30 Euro. Das Zehnfache muss derjenige zahlen, der ein Fahrzeug beim Auricher Carsharing-Verein nutzen möchte. „Es werden einmalig 300 Euro fällig. Den Betrag betrachten wir als eine Art Sicherheit, falls mal Forderungen offen sein sollten“, sagt Heinrich Herlyn.
Der Auricher sagt, dass es für seinen Verein eine große Herausforderung sei, ehrenamtlich all das zu leisten, was mit der Abrechnung der Fahrten, der Betreuung der Fahrer und dem Buchungssystem verbunden ist. Die Vorstandsmitglieder, die damit betraut seien, investierten im Schnitt in der Woche zwischen zehn und 20 Stunden dafü. Viel Zeit also, die man aus Idealismus zur Verfügung stellt. Wegen dieser Probleme möchte Heinrich Herlyn erreichen, dass die Stadt Carsharing macht, indem sie den Verein übernimmt. Oder das fortsetzt, was der Verein angefangen hat. Bisher habe er nur mit einer der ehemaligen Auricher Klimaschutzmanagerinnen über diese Idee gesprochen, so Heinrich Herlyn. Weiter habe er die Sache noch nicht verfolgt, halte sie aber für einen gangbaren Weg.
Verein wollte besser sichtbar sein
Bisher hat die Stadt diese Form der Mobilität nicht unterstützt, obwohl es vor vier Jahren eine Anfrage vom Carsharing-Verein gegeben hat. Der wollte direkt am Rathaus einen Standplatz für eines seiner drei Autos zur Verfügung gestellt bekommen. Heinrich Herlyn sagt, Horst Feddermann habe damals abgewinkt und dem Verein ein städtisches Grundstück in der Nähe des Hospizes an der Julianenburger Straße überlassen. Der Nachteil aus Sicht des Vorsitzenden: „Dort sind wir nicht so gut sichtbar. Am Rathaus hätten wir marketingtechnisch eine bessere Position gehabt.“ Horst Feddermann sagte auf Anfrage der Redaktion, dass er Carsharing für eine sehr wichtige Angelegenheit halte. Für das kommende Jahr seien Gespräche mit einem kommerziellen Anbieter geplant.
Die Leeraner waren in dieser Hinsicht agiler. Sie haben der Firma Cambio gleich drei prominente Plätze im Stadtgebiet zur Verfügung gestellt, und zwar einmal am Rathaus, beim Zollhaus und auf der Nesse bei der Firma Orgadata. Dieses Unternehmen war auch mit der Stadt Leer im Boot, als es um eine Anschubfinanzierung für die Firma Cambio ging. Für jedes Fahrzeug gibt es in der ersten Zeit eine Umsatzgarantie von 750 Euro pro Monat. Ist die Nachfrage geringer, zahlt die Stadt die Differenz. „Vereinbart war, dass neben privaten Nutzern auch städtische Mitarbeiter diese Fahrzeuge nutzen konnten, um den Fahrzeugpool der Stadt zu entlasten. Für zwei der drei Fahrzeuge hat die Stadt für drei Jahre monatlich eine Garantiesumme überwiesen, die letztlich mit den realen Fahrtumsätzen der Stadtverwaltung verrechnet wurde“, teilt Stadtsprecher Edgar Behrendt mit. Die Umsatzgarantie für die zwei Cambio-Fahrzeuge beim Rathaus hätten sich für drei Jahre einmal auf 14.994 Euro brutto und einmal auf 29.988 Euro belaufen. Diese Beträge seien aber den realen Fahrtumsätzen der Stadtverwaltung verrechnet worden.
Auto ist immer noch ein Statussymbol
Heinrich Herlyn selbst verzichtet seit Jahren auf ein Auto. Er fährt viel Rad oder nutzt ein Fahrzeug seines Vereins, den er manchmal mit einem Anflug von Ironie als Selbsthilfegruppe bezeichnet. In den vielen Gesprächen, die er schon über Mobilität und Verkehr geführt hat, sei immer zur Sprache gekommen, wie stark Menschen ein Auto vor der Tür als ein Stück Freiheit ansehen. Für viele ist es eben eine Leidenschaft, ein Hobby, ein Statussymbol sowie ihr Wohnzimmer in einem. Doch je knapper das Geld knapp wird und je höher die Treibstoffkosten steigen, desto mehr Menschen werden überlegen, welche Fahrten sich auf andere Verkehrsmittel verlagern lassen. Die Redaktion hat mit Fleming Erdwiens, Sprecher der Firma Cambio in Bremen, über künftige Vorhaben gesprochen:
Ist die Ansiedlung Ihrer Firma in Aurich oder im Landkreis Aurich in Planung?
Fleming Erdwiens: Nach dem erfolgreichen Aufbau unseres Carsharing-Angebots in Leer interessieren wir uns nun auch für andere Landkreise in Ostfriesland. Wir können uns ebenso vorstellen, in Aurich ein Carsharing-Angebot zu etablieren. Dafür benötigen wir Ankernutzende, wie beispielsweise öffentliche Institutionen oder Unternehmen, die Carsharing als Teil ihrer betrieblichen Mobilität nutzen möchten und idealerweise ihren bestehenden Fuhrpark reduzieren. Sobald wir solche Kooperationspartner finden, die verbindlich ein Carsharing-Angebot in Aurich nutzen, können wir mit konkreten Planungen beginnen.
Wie lässt sich Carsharing wirtschaftlich betreiben?
Erdwiens: Um Carsharing wirtschaftlich betreiben zu können, müssen im Schnitt 50 Personen sich ein Auto teilen. Die größte Hürde im ländlichen Raum ist die niedrige Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel, wodurch die Bevölkerung stärker auf eigene Pkw angewiesen ist. Dies führt häufig dazu, dass das Angebot nicht wirtschaftlich betrieben werden kann. In vielen kleineren Städten kann diese Unterdeckung durch Partnerschaften mit öffentlichen Institutionen oder Unternehmen ausgeglichen werden. Während ein Aufbau unseres Angebotes in der Stadt Aurich denkbar ist, wären für einen Ausbau des Angebots in den umliegenden Landkreisen bedeutend größere Anstrengungen erforderlich.
Wie stark wird das Angebot in Leer genutzt?
Erdwiens: Wir verzeichnen in Leer eine große Nachfrage bei der privaten Nutzung. Inzwischen nutzen über 400 Personen dort unser Angebot. Die Stadtverwaltung war von Anfang einer unserer wichtigsten und aktivsten Kunden. Mittlerweile entscheiden sich zusätzlich immer mehr kleinere Unternehmen für Carsharing. Nach knapp vier Jahren in Leer wird das Angebot sehr gut angenommen, sodass wir nun die nächsten Schritte zur Erweiterung planen. Wir suchen weitere Standorte für Carsharing-Stationen und gehen das Thema Elektrifizierung der Flotte an.