Hamburg „Der Stress macht einen fertig“: Wenn die Eltern plötzlich zum Pflegefall werden
Wenn Eltern gepflegt werden müssen, kann sich das Leben schnell mal auf den Kopf stellen. Vor allem, wenn die Kinder in einer anderen Stadt wohnen, Heimplätze und ambulante Dienste aber rar sind. Es mangelt vor allem an Beratung, wie der Fall eines Hamburgers zeigt, der regelmäßig ins Emsland zu seinem dementen Vater pendelt.
Stirnrunzelnd beugt sich Opa Johann vor, blickt nur flüchtig über die vielen quadratischen Karten. Dann deckt er abermals die Banane um, die direkt vor ihm liegt. „Die hattest du doch eben schon”, mahnt seine Enkelin Theda kichernd. So wird ihr Opa sie bei der Anzahl der gefundenen Memory-Paare nicht einholen. „Ach ja,”, sagt Johann Gerhard Strömer nachdenklich und blickt kurz ins Leere. „Ich weiß ja so vieles nicht mehr.”
Vor etwa einem Jahr wurde bei dem heute 83-Jährigen Demenz diagnostiziert. Seine Frau Inge kümmerte sich in dem schmucken Haus im emsländischen Aschendorf zunächst um ihn. Doch vor einem halben Jahr erlag sie ihrem Krebsleiden. Gut 50 Jahre war der gebürtige Ostfriese mit ihr verheiratet. „Es gab keine bessere“, sagt Johann Strömer. Die Liebeserklärung eines Ostfriesen. Sein aktuelles Befinden kommentiert er nicht weniger knapp. „Et kann nich beter“ - besser geht es nicht.
Dass Strömer so empfindet, liegt vor allem an seinen Kindern. Für die änderte sich rund um die letzten Tage ihrer Mutter das ganze Leben. Sohn Stefan wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Hamburg, seine ältere Schwester in Düsseldorf. Damit sind beide rund drei Stunden von ihrem körperlich fitten, aber hilfsbedürftigen Vater weg. „Es hat sich mittlerweile alles etwas eingependelt”, sagt Stefan Strömer, der gerne seine Töchter mit zu ihrem Opa nimmt.
Er und seine Schwester sind jedes Wochenende da, verbringen Zeit mit Johann Strömer, kümmern sich. Unter der Woche ist für ein paar Stunden eine Betreuerin als Haushaltshilfe da, ein weiterer Pflegedienst kommt zur Medikamentenabgabe. Den Rest der Woche ist Johann Strömer allein, zum Kegeln geht er nicht mehr, die täglichen Fahrten entlang der Ems lässt sich der leidenschaftliche Radfahrer nicht nehmen.
Das Auto hat sein Sohn ihm mittlerweile weggenommen, nachdem der Vater plötzlich auf die Idee gekommen war, in der ostfriesischen Heimat Verwandte zu besuchen. „Klar macht es mich traurig, dass er allein ist”, sagt Stefan Strömer. Aber anders ist es gerade nicht machbar.
Mehr als die Hälfte aller pflegebedürftigen Deutschen werden allein von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Sogar ohne die Hilfe, die Stefan Strömer mittlerweile durch die ambulanten Dienste hat. Wenn sich diese Menschen aus der Pflege zurückziehen, so skizzierte es jüngst auch Pflegerats-Präsidentin Christine Vogler im Gespräch mit unserer Redaktion, stünde Deutschland vor einem „volkswirtschaftlichen Mega-Problem“.
Ans Aufgeben hat Stefan Strömer nie gedacht. Doch bis er seinen Vater im Emsland so verhältnismäßig gut versorgt wusste, vergingen Monate der Planung und Organisation. Vom bloßen Zuhören, was alles zu managen ist, kann einem da schon der Kopf schwirren. Etwa Haushaltshilfen für 125 Euro finden, Arzt-Diagnosen einholen, das Haus auf die nötige Barrierearmut abschätzen.
„Der Stress macht einen fertig”, sagt der 40-Jährige. Er und seine Frau seien beide voll berufstätig, die Kinder noch klein. Stefan Strömer schaffte es nicht mehr, auf sich selbst zu achten, ernährte sich schlecht, machte kaum noch Sport, wie er selbst sagt. Und dabei hatte er noch das Glück eines verständnisvollen Arbeitgebers, der in den dringendsten Phasen auf ihn verzichtete.
Was bei Stefan Strömer nur zeitweise zum Problem wurde, ist längst eine flächendeckende Herausforderung. Die Pflege der eigenen Angehörigen ist selbst meist ein Vollzeitjob – wer sich zu Hause um seine Pflegebedürftigen, Partner, Kinder oder Eltern kümmert und selbst noch im Arbeitsleben steht, schafft genau dieses nicht mehr. Auch weil es an Entlastungseinrichtungen mangelt. In Schleswig-Holstein etwa gibt es nur für etwa ein Prozent der Pflegebedürftigen einen Kurzzeitpflegeplatz.
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Auch zwischenmenschlich war die neue Verantwortlichkeit für seinen Vater schwierig für Stefan Strömer. „Es ist schwierig, plötzlich die Eltern zu bevormunden”, räumt er mit Blick auf das Auto ein, das er seinem Vater wegnehmen musste. Dabei gehörte das noch zu den einfachen Entschlüssen. „Der größte Stressfaktor sind die vielen Entscheidungen, die plötzlich alle auf einmal getroffen werden müssen”, sagt er. Eine Rückkehr ins Emsland kam beruflich nicht infrage.
Doch wo sollte er für seinen Vater einen bezahlbaren ambulanten Pflegedienst hernehmen, wenn es auch dort an Personal mangelt? Wo muss und kann er welche Hilfen beantragen? Was, wenn das Geld ausgeht? „Man ist erstmal ganz auf sich gestellt”, sagt der Familienvater. Der Kontakt mit der Pflegekasse bestand vor allem aus seitenlangen Schriftverkehr, bestehend aus Diagnose, Anträgen, Ablehnungen und Widersprüchen. Der private Familienurlaub fiel auch ins Wasser, Stefan Strömer musste und wollte ständig für den Pflegedienst und seinen Vater erreichbar sein.
Allein gelassen mit der Pflege: Es ist ein Empfinden, das Strömer sich mit vielen pflegenden Angehörigen teilt. „Wer mit dem Thema Pflege vorher nichts zu tun hatte, kennt viele Angebote einfach nicht”, sagt Susanna Saxl-Reisen. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimergesellschaft wünscht sich, dass schon die Hausärzte nach der Diagnose an Beratungsstellen verweisen. „Doch das ist bislang eine zähe Geschichte.“
So ist es auch immer wieder von organisierten Pflegenden Angehörigen zu hören. Der Hausärzteverband nimmt seine Mitglieder jedoch in Schutz: „Natürlich informieren die Hausärztinnen und Hausärzte dabei auch über weitere Beratungsangebote und arbeiten wo sinnvoll mit Pflegestützpunkten zusammen“, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion. Ebenso hätten sich Selbsthilfegruppen – speziell auch für pflegende Angehörige – als sinnvoll erwiesen. Doch dafür müssten Menschen wie Stefan Strömer auch Zeit haben.
Dass die Menschen in Deutschland Pflegeberatung bekommen, ist gesetzlich festgeschrieben. Doch der Spitzenverband Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) musste gerade erst feststellen, dass die Pflegekassen die Versicherten immer schlechter über Beratungsangebote informieren – obwohl sie auch dazu gesetzlich verpflichtet sind, es direkt nach einem Pflegeantrag tun müssen. Nicht einmal zwei Drittel der Befragten in der GKV-Studie hatten eine solche Information erhalten.
„In ländlichen Regionen sollte das Angebot insbesondere für Menschen mit Demenz und mit psychischen Erkrankungen(...) weiter ausgebaut werden“, teilt der GKV-Spitzenverband auf Anfrage mit. Auch die Pflegestützpunkte selbst gibt es nicht überall. Und da, wo welche sind, sollte es nicht bei einer einmaligen Beratung bleiben. „Pflegestützpunkte müssten die Angehörigen passgenau und kontinuierlich begleiten”, sagt sie. Denn selten ist bei den bürokratisch und menschlich komplizierten Pflegesituationen nach einem Gespräch alles geklärt.
Laut Stefan Strömer war die Alzheimergesellschaft das einzige Angebot, das ihm wirklich weitergeholfen hat. Auch er kannte die Pflegestützpunkte am Anfang gar nicht. „Man muss sehr viel recherchieren”, sagt er.
Dennoch seien es nicht allein die Institutionen, bei denen es Verbesserungsbedarf gibt. Sondern bei jedem einzelnen. „Man muss sich um seine Angelegenheiten kümmern, bevor der Pflegefall eintritt.“ Das war bei seinen Eltern nicht der Fall, bei seinen Schwiegereltern sieht er für den Ernstfall ähnlich schwierige Voraussetzungen. Sie alle wohnen in ihren Häusern, weit weg von den Kindern, die eben diese später nicht übernehmen wollen. Zu schauen, ob und wie man das Haus verkaufen kann, sei gerade die nächste riesige Herausforderung, meint er.
Strömer möchte für seine eigenen Kinder später besser vorbereitet sein, bestenfalls zum Schluss in einer ebenerdigen Erdgeschosswohnung leben. Denn irgendwann werden selbst seinem sportlichen Vater auch die drei Stufen zum Hauseingang zu viel sein. Und ein Platz im Pflegeheim kostet Geld, das bestenfalls dann der Hausverkauf einbringt.
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Spätestens nach Weihnachten wollen Stefan Strömer und seine Schwester ein passendes Heim gefunden haben, wahrscheinlich nahe Düsseldorf. Ob dort dann auch ein Platz frei ist, bleibt unklar. Aber bis dahin werden sie Johann Strömer weiter regelmäßig im Emsland besuchen, Ausflüge machen und mit ihm Memory spielen.