Osnabrück  Muslimvertreter im Interview: Wie gehen Sie in Moscheen gegen Antisemitismus vor?

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 03.12.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund eine halbe Million Muslime besuchen das Freitagsgebet der islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) nach eigenen Angaben in Deutschland.. Foto: dpa
Rund eine halbe Million Muslime besuchen das Freitagsgebet der islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) nach eigenen Angaben in Deutschland.. Foto: dpa
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Im Zuge des Krieges in Nahost rücken muslimische Gemeinschaften in Deutschland in den Fokus: Welche Rolle spielt hier Antisemitismus? Wie soll es weitergehen mit türkischen Predigern?

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) vertritt nach eigenen Angaben mehr als 400 Moscheegemeinden in Deutschland. Am Freitagsgebeten nehmen demnach insgesamt rund 500.000 Menschen teil. IGMG-Generalsekretär und damit einer der wichtigsten Vertreter der Organisation ist Ali Mete.

Frage: Herr Mete, Sie haben kritisiert, dass Sie sich distanzieren sollen, wenn Islamisten Anschläge begehen. Aber ist das nicht nachvollziehbar, wenn sich Attentäter auf den Islam berufen und manche Muslime hierzulande den Hamas-Terror feiern?

Antwort: Von uns wird nicht nur erwartet, dass wir uns nach jedem Terrorakt distanzieren, sondern auch von Regierungen, von Personen, von Standpunkten, die als muslimisch motiviert gelesen werden. Muslimen wird unterstellt, sie hätten eine Nähe zu solchen Taten oder würden sie insgeheim begrüßen. Das nährt Vorurteile. Wenn man davon ausgeht, Muslime dächten und handelten aufgrund ihres Glaubens alle gleich, spricht man ihnen ihre Individualität ab und nimmt sie in Sippenhaft. Dieses Denken ist gefährlich und sollte mit Blick auf die deutsche Geschichte längst überwunden sein. Unsere Standpunkte gegenüber Terror und Gewalt sind seit jeher eindeutig. Wir verurteilen jede Form von Hass und Gewalt, egal von wem sie ausgeht und wen sie trifft. Als islamische Religionsgemeinschaft sehen wir in unserer Religion Werte wie Frieden und Gerechtigkeit verankert. Das wird auch gepredigt.

Frage: Ihre Organisation hat türkische Wurzeln und mindestens teilweise wird in Ihren Moscheen Türkisch gesprochen, Imame kommen aus der Türkei. Ist das nicht ein Spagat?

Antwort: Es gibt dieses alte Bild, die IGMG sei eine türkische Gemeinschaft. Das hat sich allerdings gewandelt und ist heute regional unterschiedlich. Richtig ist, dass die IGMG von ehemaligen Gastarbeitern aus der Türkei in Deutschland gegründet wurde, genauer gesagt 1967 in Braunschweig. Die IGMG ist eine weltweit aktive Religionsgemeinschaft, deren Regionalverbände inzwischen in den Händen der zweiten, dritten und vierten Generation liegen. Das sind meist deutsche Staatsbürger, die hier sozialisiert, hier zur Schule gegangen und hier beheimatet sind. Von einer türkischen Organisation zu sprechen, scheint mir daher nicht mehr angemessen. Außerdem stehen unsere Moscheen, wie es sich für Gotteshäuser gehört, allen Menschen offen. Wir sind erheblich pluraler als angenommen wird.

Frage: Wie groß ist denn der Anteil der Moscheegemeinden, in denen noch türkische Imame beschäftigt werden?

Antwort: Nicht groß. In unseren mehr als 400 Moscheen in Deutschland sind nur rund 40 Imame aus der Türkei tätig. Der Großteil unserer Imame ist aus Deutschland, wo wir unser religiöses Personal seit vielen Jahren selbst ausbilden. Ich gehe davon aus, dass in einigen Jahren keine Imame mehr aus der Türkei kommen müssen, was ja auch nur eine Übergangslösung war, weil wir in Deutschland einen Imam-Engpass haben. Deshalb bilden wir schon seit Langem Imame aus, und zwar länger als in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird. Ich möchte aber auch hinzufügen, dass es für Religionsgemeinschaften nichts Außergewöhnliches ist, ihr Personal an verschiedenen Ort weltweit aus- oder fortbilden zu lassen, vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels. Das ist eine Frage der Qualität und der Alternativen.

Frage: Identifizieren sich die IGMG-Gemeindemitglieder mit der Türkei?

Antwort: Ja, das tue ich auch. Ich habe Verwandtschaft in der Türkei. Meine Eltern verbringen einen Teil ihrer Zeit als Rentner dort, kehren dann aber auch wieder zurück, weil sie Enkelkinder hier haben. Heutzutage ist es normal, eine gleichzeitige Verbindung zu unterschiedlichen Ländern zu haben. Manche bezeichnen sie als ihre zweite Heimat, andere als Herkunftsland. Als eine von türkischen Gastarbeitern gegründete Gemeinschaft ist es normal, dass sich viele unserer Mitglieder mit der Türkei verbunden fühlen. Ich identifiziere mich genauso, vielleicht sogar noch mehr, mit Deutschland.

Frage: Der türkische Präsident Erdogan hat Israel als Terrorstaat bezeichnet. Wie soll das mit den Werten hierzulande in Einklang zu bringen sein?

Antwort: Unsere Verbundenheit mit der Türkei ist nicht politischer Natur, erst recht nicht personen- oder parteigebunden. Vielmehr ist es eine kulturelle Verbindung, eine sprachliche und nicht zuletzt eine persönliche, familiäre. Wir sind als Religionsgemeinschaft theologisch, personell, finanziell, in jeder Hinsicht unabhängig.

Frage: Mit Blick auf Nahost und Angriffe auf Juden in Deutschland: Inwieweit ist Antisemitismus bei der IGMG ein Problem?

Antwort: Wir sind der Überzeugung, dass Islamfeindlichkeit und Antisemitismus zwei Seiten derselben hässlichen Medaille sind. Wo es Angriffe auf Synagogen gibt, sind auch Moscheen gefährdet – und umgekehrt. Dennoch kommt Antisemitismus auch unter Musliminnen und Muslimen vor, ähnlich wie in allen Bereichen der Gesellschaft. Wir setzen uns gegen Antisemitismus sowie gegen alle Formen von Rassismus ein. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind keine Erfindung von Muslimen oder Juden, und auch kein Import, wie oft behauptet wird. Der allergrößte Teil ist hausgemacht und kommt von Rechten beziehungsweise Rechtsextremisten. Es ist bedauerlich, dass die historisch belegte, harmonische Koexistenz von Juden und Muslimen, etwa in Nordafrika, dem Mittleren Osten, Andalusien oder dem Osmanischen Reich, in Vergessenheit gerät.

Frage: Inwieweit gehen Sie in Ihren Moscheen gegen Antisemitismus vor?

Antwort: Es gibt Vorbehalte auf allen Seiten. Deshalb sensibilisieren wir gegen jede Art von Rassismus, fördern Begegnungen zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Menschen und versuchen, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen. Etwa in unseren Predigten, unserer Jugend- und Bildungsarbeit. Es kann keine Feindschaft gegen eine Religion und keinen Krieg im Namen einer Religion geben. Trotzdem wirken sich internationale Konflikte auch auf uns Religionsgemeinschaften hier in Deutschland aus. In solchen Zeiten ist es selbstverständlich, dass man sein Beileid ausspricht und solidarisch ist, wenn einem Hass entgegentritt oder Gotteshäuser angegriffen werden. Und zwar ohne mit zweierlei Maß zu messen und Anteilnahme von Religion oder Herkunft abhängig zu machen. In diesem Sinne habe ich jüdischen Vertretern geschrieben und mit ihnen gesprochen. Der Vorsitzende des Islamrats, dessen Mitglied wir sind, hat nach dem Brandanschlag auf eine jüdische Gemeinde in Berlin die Synagoge besucht. Das sind Selbstverständlichkeiten, aber vielleicht müssen wir das mehr in den Vordergrund stellen.

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