Gesundheit Facharztmangel breitet sich weiter aus im Kreis Aurich
Immer mehr Praxen müssen schließen, weil es keine Nachfolger gibt. Das hat gravierende Folgen für die Patienten. Ein Beispiel aus Aurich.
Aurich - Der Fachärztemangel greift im Landkreis Aurich immer weiter um sich. Das wird deutlich am Beispiel von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. Vor gut zehn Jahren gab es noch zwölf HNO-Praxen im Kreis sowie in der Stadt Emden. Heute sind es nur noch fünf – Tendenz fallend. Zahlen, die Dr. Jan-G. Wenderhold nennt. Er betreibt mit seinen Kollegen Marc Strothmann und Dr. Hendrik Singelmann das HNO-Zentrum an der Wallinghausener Straße. In Wiesmoor höre jetzt ein Kollege auf, so Wenderhold, und in einer der beiden Emder Praxen reduziere ein Arzt auf 50 Prozent. Das hat Folgen für die Patienten.
Einen Termin bei einem Haus- oder gar Facharzt zu bekommen, ist heutzutage ein schwieriges Unterfangen. Wartezeiten von mehreren Monaten sind möglich, wenn es sich um Routineuntersuchungen handelt. Ärzte geraten dabei schnell in die Kritik. Der Verdacht: Sie geben Privatpatienten sofort Termine, während Kassenpatienten lange warten müssen.
Nachwuchsmangel bei medizinischen Fachangestellten
Ein Vorwurf, gegen den sich die drei Ärzte vom HNO-Zentrum Aurich wehren. In ihrer Praxis neben der Ubbo-Emmius-Klinik würden sie über 20.000 Kassenpatienten jährlich behandeln, so Wenderhold. Im Schnitt habe ein HNO-Arzt in Niedersachsen pro Quartal 1250 Kassenpatienten. In der Auricher Praxis liege man bei 1600. „Davon sehen wir einige ja auch mehr als einmal im Quartal.“ Der gesetzliche Auftrag laute, mindestens 25 Stunden pro Woche Kassenpatienten zu behandeln. „Ein Auftrag, den wir mehr als erfüllen.“
Das Problem sei, dass es weder bei Ärzten noch bei medizinischen Fachangestellten (MFA) genug Nachwuchs gebe. Praxen würden schließen, deren Patienten müssten aber auch weiter versorgt werden. Sie würden sich auf die wenigen verbliebenen Facharztpraxen verteilen. Ein Problem, das nicht nur Hals-Nasen-Ohren-Ärzte betreffe, sondern alle Fachärzte und Allgemeinmediziner, sagt Wenderhold.
Offene Sprechstunde auch für Kassenpatienten
Das HNO-Zentrum arbeitet mit einem Online-Kalender zur Terminvergabe. Dort entsteht schnell der Eindruck, Privatpatienten würden bevorzugt behandelt werden. Denn Termine für Kassenpatienten gibt es teilweise erst Mitte kommenden Jahres. Privatpatienten aber können schon innerhalb weniger Tage einen Termin bekommen.
Dabei aber handele es sich um Kombi-Termine, so Strothmann. Diese würden erst am Morgen des jeweiligen Tages freigegeben, damit überhaupt ein paar Patienten – egal ob Kasse oder privat – kurzfristig aufgenommen werden könnten. Diese „Offene Sprechstunde“ werde kombiniert mit Terminen für Privatpatienten, damit auch kein Leerlauf in der Praxis entstehe.
Patienten schreien Mitarbeiterinnen an
Denn das ist das nächste Phänomen: Je länger die Wartezeit auf einen Termin ist, desto mehr Ausfälle gebe es bei den Patienten. In der Spitze habe es an einem Tag 20 Patienten gegeben, die ohne Absage nicht erschienen seien. „Und so schnell können wir die Termine dann auch nicht neu vergeben.“
Notfälle würden natürlich nicht so lange warten müssen, sagt Singelmann. Dafür könnten die Hausärzte direkt auf den Terminkalender zugreifen und ihre Patienten vermitteln. Aber, ergänzt Wenderhold, das alles habe seine Grenzen. Es gebe zu wenige Ärzte. Und es gebe vor allem zu wenige MFA. „Die Kliniken bilden keine MFA aus, werben sie aber ab.“ Ohne diese Mitarbeiterinnen jedoch würden die Praxen nicht funktionieren. Der Druck auf die Mitarbeiterinnen nehme täglich zu. Sie müssten den Frust der Patienten ertragen, würden immer häufiger angeschrien – und könnten auch nichts an der Situation ändern.
Am Dienstag dieser Woche haben die drei Ärzte am Vormittag 90 Patienten behandelt. Am Nachmittag werden noch einmal so viele erwartet. Dazu kamen 15 Notfälle. „Mehr geht nicht“, sagt Wenderhold. „Wir müssen uns alle darauf einstellen, dass wir nicht mehr wie früher schnell zu Terminen kommen.“ Er befürchtet Schlimmes: „Spätestens 2035 wird die Versorgung der Bevölkerung in Deutschland nicht mehr gewährleistet sein.“
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