Hamburg Hausbesitzer sanieren nicht mehr: „Historischer Einbruch“ bei der Fassadendämmung
2022 hat Deutschland seine Klimaziele für den Gebäudebestand verfehlt. Künftig wird das wohl so bleiben, wenn nicht mehr Eigentümer ihre alten Häuser sanieren. Doch es wird derzeit kaum noch gedämmt, die Zahl der Förderanträge für energetische Maßnahmen ist dramatisch gesunken und laut einer Umfrage wollen viele gar nicht sanieren.
Einen „historischen Einbruch“ bei der Fassadendämmung verzeichnet der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM). In einer Mitteilung heißt es, dass sich die Nachfrage nach Wärmedämm-Verbundsystemen im dritten Quartal 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast ein Viertel (knapp 23 Prozent) verringert habe. Damit liege der Wert wiederholt deutlich über dem schon sehr negativen Trend im ersten und zweiten Quartal 2023.
In absoluten Zahlen bedeutet das: Im vergangenen Jahr wurden noch knapp 36 Millionen Quadratmeter Gebäudefläche mit Wärmedämmverbundsystemen gedämmt. In diesem Jahr werden nach Verbands-Berechnungen nur gut 29 Millionen Quadratmeter neu gedämmt worden sein. Mit Blick auf die anhaltend negative Entwicklung rechnet der Verband auch nicht mit einer Trendumkehr im nächsten Jahr.
Angesichts dieser Entwicklung drohten spürbare Auswirkungen auf das Erreichen der Klimaneutralität im Gebäudebestand in Deutschland, so der VDPM. Wärmedämmung sei eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche und kosteneffiziente Wärmewende im Gebäudebereich, sagt Christoph Dorn, Vorstandsvorsitzender des VDPM.
Die Ursachen für den Einbruch sieht Dorn in der Inflation, den hohen Zinsen, Kostensteigerungen beim Material durch hohe Energiepreise. „Die unsichere und unübersichtliche Fördersituation zählt ebenfalls dazu“, so Dorn.
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Es gibt noch weitere Anzeichen dafür, dass Deutschlands Hausbesitzer derzeit sanierungsmüde sind. Die Funke-Zeitungen berichten von einer YouGov-Umfrage, wonach zwei Drittel der deutschen Immobilienbesitzer (66 Prozent) ihre Häuser und Wohnungen in absehbarer Zeit nicht energetisch sanieren wollen. Bezogen auf alle Eigenheimbesitzer im Land sind das 16,1 Millionen Personen.
Zu den Gründen sagten 32 Prozent der Befragten, dass sie die energetische Ertüchtigung ihres Hauses rundheraus ablehnten. Weitere 34 Prozent gaben an, dass sie sich nicht in der Lage sähen, die finanziellen Kosten der Sanierung zu tragen. Nur 20 Prozent der Befragten wollen energetisch sanieren und sehen sich dazu auch finanziell in der Lage.
Für die repräsentative Umfrage wurden 1001 Eigenheimbesitzer im Auftrag der Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (GNIW) online zu ihren Sanierungsabsichten befragt.
Auch das Energiewendebarometer der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), das bereits im September veröffentlicht worden war, zeigte, dass wenig energetisch saniert wird. 41 Prozent der befragten Eigentümer gaben demnach an, sich die Investition nicht leisten zu können. Fast ebenso viele der Befragten äußerten Zweifel daran, ob die Sanierung auf lange Sicht wirtschaftlich sei. Fast jeder Dritte nannte eine mangelnde Verfügbarkeit von Handwerkern.
Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten stehen der Umfrage zufolge aber neun von zehn Haushalten weiter hinter dem Projekt Energiewende. Vorreiter bei einzelnen Maßnahmen seien allerdings einkommensstarke Haushalte.
Aus Zahlen des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), die unserer Redaktion vorliegen, geht außerdem hervor, dass 2023 sehr viel weniger Anträge für die Bundesförderung für effiziente Gebäude – Einzelmaßnahmen gestellt wurden als noch 2022. Von Januar bis Oktober sank die Zahl der Anträge von 701.000 auf nur noch 249.000 – das ist ein Rückgang von 64 Prozent.