Schröder in Wiesmoor Sie bauen den Lkw, der so nicht vom Band rollt
Fahrzeugtechnik Schröder in Wiesmoor baut das, was es nicht gibt – aber aus Sicht der Nutzer unbedingt geben muss: einen Kran auf dem Auflieger eines Baustoffhändlers beispielsweise.
Wiesmoor - Die Funken fliegen, während Manfred Janßen und Hartmut Linnemann einer schweren Metallkonstruktion mit dem Schweißgerät zusetzen. Überall in der geräumigen Halle wird an verschiedenen Montageplätzen gemessen, geschraubt oder geschweißt. Etwa 25 Mitarbeiter gehen in diesem Bereich ihren Aufgaben nach, überschlägt Ahmet Yalcin. Es sind Metallbauer, spezialisiert auf den Fahrzeugbau, Landmaschinenmechaniker oder Nutzfahrzeugelektriker. Yalcin kennt sie alle genau. „Ich hab hier gelernt“, erzählt er. Im Jahr 1984 begann er seine Lehre. Es folgten die Gesellen- und Meisterprüfung. Heute ist er – zusammen mit Dr. Sylke Wilken und Dr. Ralf Kollmann – geschäftsführender Gesellschafter, Schwerpunkt Produktion.
Jeder Lkw, der je nach Ausfertigung nach etwa acht bis zehn Wochen die Fertigungshalle des Wiesmoorer Unternehmens Schröder Fahrzeugtechnik GmbH verlässt, ist genau genommen ein Unikat. „Wir sind eine Manufaktur“, bringt es Kollmann auf den Punkt. „Das, was hier vom Hof fährt, gibt’s nicht im Katalog.“ Jedes der hier gefertigten 100 bis 150 Exemplare jährlich ist mehr oder weniger ein Einzelstück. das es so nicht serienmäßig gibt. Hergestellt wird einiges im Baukastensystem, anderes wird neu gedacht. Gebaut wird immer in Handarbeit. Die Kunden des Fahrzeugbauers sind allesamt andere Unternehmen. Wenn ein Baustoffhändler oder ein Dachdecker in der Region mit dem Lkw samt fest installiertem Kran irgendwo vorfährt, um seine Materialien abzuladen oder die Dächer der Kofferaufbauten von Getränkespeditionen hydraulisch nach oben gefahren werden können, ist das nichts, was von der Stange kommt. „Es sind Lösungen nach Maß.“
Unternehmen ist in Wiesmoor verwurzelt
Auf genau die hat sich die Lkw-Manufaktur an der Oldenburger Straße am Wiesmoorer Kanal bereits vor Jahrzehnten spezialisiert. Sie gewährleistet ihren Kunden damit eine effizientere Arbeit, die Ressourcen schont. Jedes einzelne Fahrzeug wird in Absprache mit dem Kunden und dessen Ansprüchen geplant, konstruiert und hergestellt, erläutert Kollmann. Das Unternehmen hat mit der Getränke- und Baulogistik zwei Schwerpunkte, ist aber breit aufgestellt und verfügt über langjährige Erfahrung. Im Jahr 1946 begann Friedrich Schröder zunächst in der Nähe von Cuxhaven damit, landwirtschaftliche Anhänger zu modifizieren. 1956 folgte der Umzug des Familienunternehmens nach Wiesmoor.
Seit 2016 ist das Unternehmen im Umbruch: Die Gründerfamilie zog sich zurück und langjährige Mitarbeiter übernahmen die Verantwortung. 2019 fand sich das heutige Geschäftsführer-Trio. Wie Yalcin verbindet auch Wilken eine Geschichte mit Schröder Fahrzeugtechnik: Ihr Vater arbeitete schon hier. Wilken und Kollmann kennen sich aus dem Studium der Mikrobiologie. Er sei lange als Berater in der Automobilbranche tätig gewesen. Eigentlich habe er nur eine alte Freundin unterstützen wollen, sagt Kollmann rückblickend. Heute leiten sie zusammen ein Unternehmen, das Kollmann zufolge rund zehn Millionen Euro Jahresumsatz schreibt. Wilkens Fokus liegt auf dem Vertrieb, Kollmanns auf der Organisation. Alles hier dreht sich um Ladungssicherung, Effizienz und Alltagstauglichkeit. Insgesamt etwa 70 Mitarbeiter hat Fahrzeugtechnik Schröder. Neben Konzeption, Konstruktion und Produktion gehören auch Lackieren sowie Service und Wartung der schweren Fahrzeuge zum Leistungsspektrum.
Bohlen & Doyen setzt auf „Made in Wiesmoor“
Schröder Fahrzeugtechnik ist ein Spezialist, der die Straßen der Region bespielt, ohne dass es der Normalbürger in der Regel überhaupt merkt. Ganz ähnlich wie das ebenfalls in Wiesmoor agierende Unternehmen Schoon Fahrzeugsysteme. Auch dort gibt es branchengenaue Lösungen, allerdings in etwas kleinerem Format wie Pritschen- oder Kastenwagen. Dort erhalten Großraumtaxen Rollstuhlrampen, Handwerker eine Werkstatt an Bord oder der Bauhof einen Pritschenwagen mit allerlei nützlichem Zubehör.
Wer das weiß, kann die in Wiesmoor individuell für den Einsatzzweck zugeschnittenen Fahrzeuge auch auf den Straßen entdecken. Ein Schröder-Schriftzug am unteren Heck eines Lkw gibt beispielsweise einen sichtbaren Hinweis. Auf den Fahrzeugen der Bohlen & Doyen Bau GmbH findet der sich vermehrt. Das Wiesmoorer Bauunternehmen hat rund 40 Lkw in seinem Fuhrpark, überschlägt Gerd Harms. Ohne Fahrzeugbauer geht in diesem hochspezialisierten Unternehmen offenbar nichts. Vom Hersteller, beispielsweise MAN oder Mercedes, beziehe man lediglich das Führerhaus und das Fuhrwerk, erklärt Harms. Der ist für den Fuhrpark verantwortlich und kennt seine Fahrzeuge genau, von denen kaum eines wie das andere ist: „Es gibt total unterschiedliche Varianten.“
Tee-Lkws für Japan
Eines haben allerdings fast alle Varianten gemein: einen Kran. „Wir haben ganz wenige Lkws, wo kein Kran drauf ist“, erklärt Harms. Das hat einen ganz praktischen Grund: Auf den Baustellen müssten ständig Material, Geräte oder Maschinen verladen werden. Aber Kran ist nicht gleich Kran. „Bei jedem Projekt steht die individuelle Planung dahinter.“ Je nach Einsatz brauche es einen Spezialkran. In den zurückliegenden Jahren seien diese Baustellenfahrzeuge für den Tiefbau oder Spezialtiefbau allesamt innerorts gebaut worden.
Andere fertige Exemplare, die in Wiesmoor die Produktionshallen von Schröder verlassen, legen deutlich weitere Wege zurück. Primär bestücke das Unternehmen den norddeutschen Raum, sagt Kollmann. Geliefert wird aber auch deutschlandweit – und auf Wunsch sogar nach Japan. Dorthin seien jetzt Laster aus Wiesmoor für den Transport grünen Tees verschifft worden, verrät Kollmann.