Osnabrück Macher von Amazon-Serie „Die Discounter“ über Feminismus und Spuckepfützen
Die Zwillinge Emil und Oskar Belton sowie Bruno Alexander gehören zu den aufstrebenden Comedy-Stars in Deutschland. Im Interview erzählen die Macher von „Die Discounter“, wie man Cringe-Humor und Feminismus kombiniert, wie schlimm sie die deutsche Comedyszene wirklich finden und was sie von Fernsehsendern fordern.
Seit dem 22. November sind die Türen von „Feinkost Kolinski“ wieder geöffnet: In diesem fiktiven Hamburger Supermarkt spielt die Serie „Die Discounter“, die mit ihren ersten beiden Staffeln viele, vor allem jüngere, Fans gefunden hat. Ähnlich wie bei „Stromberg“ oder „The Office“ geht es in der Mockumentary, also einer fiktionalen Dokumentation, um den Alltag der Mitarbeiter und ihre Konflikte, Liebschaften und Probleme. In der dritten Staffel ist der Supermarkt in das Problemviertel Billstedt umgezogen.
Hinter der Serie stehen Emil und Oskar Belton und Bruno Alexander als Regisseure. Gefördert werden sie dabei von Schauspieler Christian Ulmen und Carsten Kelber, die ihnen als Produzenten völlig freie Hand lassen. Zusammen mit Max Matthis und Leo Fuchs brachten sie zudem die Joyn-Serie „Intimate.“ heraus, für die sie den Förderpreis beim Deutschen Fernsehpreis bekamen. Das Quintett hat zudem die Produktionsfirma „Kleine Brüder“ gegründet.
Frage: Wo würdet ihr eher einkaufen – im Feinkost Kolinski Billstedt oder Eppendorf?
Antwort: Bruno: Kolinski Billstedt ist mir sympathischer. Aber wenn ich frische Ware, gutes Essen will, dann lieber im Kolinski Eppendorf.
Antwort: Emil: Ich hasse Kolinski Eppendorf.
Antwort: Bruno: Am liebsten aber Kolinski Altona, das ist eine gute Mitte.
Frage: „Die Discounter“ wurde schon bei Staffel eins als großer Wurf im oft kritisierten deutschen Comedybereich gefeiert. Findet ihr das Angebot an deutschen Comedy-Produktionen auch so schlimm?
Antwort: Emil: Es gibt Gutes, wie Jerks. Jan Georg Schütte macht tolle Sachen, das Begräbnis ist gut. Stromberg, manche Kinofilme waren noch witzig.
Antwort: Bruno: Man sagt immer so schnell, die Amis machen so viel bessere Sachen. Aber wir kriegen ja auch wirklich nur die sehr guten Sachen mit. In Amerika gibt es wahrscheinlich auch viel Müll, von dem wir gar nichts mitkriegen. In Deutschland ist die Film-Industrie nicht so groß, daher ist der Vergleich Deutschland-Amerika nicht so einfach.
Antwort: Oskar: Obwohl Skandinavien einen Erfolg nach dem anderen raushaut. Die haben nicht so viel und da kriege ich schon sehr viel Geiles mit.
Antwort: Bruno: Wir in unserem Alter finden vieles nicht so witzig, aber es gibt ja richtig viel Comedy, die Leute, die ein bisschen älter sind, witzig finden, also so richtig witzig. Die fühlen sich da angesprochen. Wir verstehen das nicht ganz so gut. Deswegen verstehen die Leute, die in unserem Alter sind, unsere Sachen vielleicht besser. Wenn man mehr Comedy in Deutschland möchte, die die jungen Leute anspricht, muss man mehr junge Leute einbeziehen. Das wollen wir als Kleine Brüder (Name der Produktionsfirma der drei, Anm. der Redaktion) auch machen, dass wir Leuten bei uns die Möglichkeit geben, was zu produzieren.
Frage: Seht ihr Fernsehsender und Streaminganbieter in der Pflicht, junge Menschen stärker zu fördern?
Antwort: Emil: Auf jeden Fall. Man sieht das ja auch in der Musikbranche, da gehen die ganzen Kids richtig ab. Die Musikbranche ist voll von Talenten, die schon lange Unterstützung von Labels bekommen. Das fehlt in der Filmbranche total. Wir sind gefühlt die einzigen in unserem Alter, die irgendwie mal Unterstützung bekommen haben.
Antwort: Bruno: Die Sender müssen den jungen Leuten einfach mehr vertrauen und sagen „Macht mal“. Aber es ist natürlich auch schwierig mit so viel Geld, so eine Serie kostete ja schon was.
Antwort: Oskar: Der Prozess eine Serie zu machen ist anders als bei einem Lied. Deswegen scheitern viele wahrscheinlich daran, dass es nicht die schnelle Kunst ist, sondern die lange Kunst. Du kriegst auch nicht direkt Feedback und hast nicht direkt lauter Klicks bei Spotify, sondern das läuft dann erstmal. Es gibt One-Hit-Wonders, aber bei uns gab es nach „Discounter“ andere Serien, die auch gut angekommen sind – zum Glück.
Frage: Lest Ihr Rezensionen zu euren Serien?
Antwort: Bruno: Ja, wir haben gestern eine Rezension vom Hamburger Abendblatt gelesen, die haben uns gelobt, aber auch kritisiert.
Antwort: Emil: Nein, das war alles gut. Eigentlich war es ein bisschen Clickbait, der wollte nur gucken – was ich völlig berechtigt fand – ob wir auch einstecken können. Mit unserer Serie teilen wir sehr viel aus und er hat dann auch mal ein bisschen ausgeteilt. Er hat aber auch viele positive Sachen gesagt.
Antwort: Oskar: Wir lernen auch gerne dazu und lesen gerne Kritik, die ernst gemeint ist und die nehmen wir uns auch zu Herzen.
Antwort: Bruno: Am Ende geht es einfach um die Leute, die sich die Serie angucken, die Charaktere feiern für das, was sie sind. Oft erwarten die Kritiker auch zu viel Tiefe, wo wir denken, wir wollten einfach nur ein bisschen Entertainment bieten und nicht gesellschaftskritisch sein.
Frage: Geht es bei „Die Discounter“ wirklich um reine Unterhaltung oder wollt ihr mehr?
Antwort: Bruno: Wir haben auf jeden Fall auch Messages in einigen Folgen. Für die meisten Folgen haben wir Unterthemen oder irgendwie eine Metapher, die wir noch miteinbringen wollen.
Antwort: Oskar: Aber sehr subtil und nicht so auf ein hohes Podest gestellt. Wir versuchen das immer charmant zu verpacken, dass es trotzdem noch lustig und cringe ist.
Antwort: Emil: In der ersten Folge der ersten Staffel haben wir was zu Burnout in Supermärkten und überarbeiteten MitarbeiterInnen, die völlig verzweifelt sind, gemacht. Das passiert schon ziemlich oft.
Antwort: Oskar: Viel zum Feminismus kommt alleine auch durch unsere starken Frauenfiguren, die das auch selber mitbringen. Das müssen wir manchmal gar nicht schreiben. Das spielen Flora und Lia in ihrer Impro so. Uns war es einfach immer wichtig, starke Frauenfiguren zu haben. Nicht nur die Männer sind witzig, sondern auch die Frauen haben einen Knall.
Antwort: Bruno: Mit starken Frauenfiguren meinen wir eben nicht, dass Frauen auch stark sind. Sondern unsere Frauenrollen sollen genauso verkacken wie die Männer, genauso witzig sein können.
Frage: Warum findet ihr den Cringe-Humor so faszinierend? Wenn in einer Folge darum gewettet wird, wer in eine Spuckepfütze fassen muss, kann man teils nur schwer zusehen.
Antwort: Bruno: Es ist bei uns gar nicht so, dass wir unbedingt irgendetwas erzählen wollen, was möglichst cringe ist. Das kommt einfach so. Wenn man durch den Alltag geht und ein Gespür dafür hat, was unangenehm ist, dann passieren durchgehend Sachen, die unangenehm sind. Und wenn man das dann ein bisschen ausweitet und nochmal falsch abbiegt, dann entstehen diese Situationen einfach so.
Antwort: Oskar: Vieles, was wir schreiben, haben wir tatsächlich auch selber erlebt. Wir haben früher im Skatepark gechillt und da gab es wirklich eine Spuckepfütze und der, der keinen Kickflip beim ersten Versuch geschafft hat, musste in die Spuckepfütze fassen. Wir nehmen das gar nicht so cringe wahr, für uns ist das eigentlich normal.
Frage: Gibt es Dinge, die euch selbst für eure Serie zu krass wären?
Antwort: Bruno: So weit kommt es nicht, dass wir sagen, dass etwas zu doll ist, weil wir gar nicht in diesem Schema denken. Wir haben für uns gelernt, dass wir uns nicht über Randgruppen lustig machen, nur, weil wir es witzig finden. Wir wollen uns eher über die Person lustig machen, die zum Beispiel nicht mit dem Thema einer Dysmelie (eine angeborene Fehlbildung von Körpergliedern, Anm. der Redaktion) klarkommt. In einer Folge begrüßt Thorsten eine Person, die eine Fehlbildung an der Hand hat. Da machen wir uns nicht über die Person mit der Dysmelie lustig, sondern über Thorsten, der dumm ist.
Antwort: Emil: Das merkt aber auch das Publikum. Im Kino hat keiner darüber gelacht, als der Schauspieler mit der Fehlbildung Thorsten die Hand gegeben hat. Findet man nicht witzig, ist auch nicht unser Publikum. Erst darüber, wie Thorsten darauf reagiert und rumstottert, wurde gelacht. Das finden die Leute lustig.
Antwort: Oskar: Es geht nicht darum, wer darüber lacht, dass türkische Frauen Dönerfleisch kaufen. Wer das tut ist einfach rassistisch und guckt wohl am liebsten Oliver Pocher.
Antwort: Bruno: Wir sagen aber auch nicht, bei dieser Szene soll man lachen, hier soll man weinen und hier soll man sich schämen. Wir machen diese Szenen und geben überhaupt nichts vor. Wir machen die Szene und die ZuschauerInnen können damit machen, was sie wollen.