Aus für den Anrufbus Aurich plant Stadtbusse im 30-Minuten-Takt
Bus statt Auto: Wer Autofahrer zum Umsteigen bewegen will, muss etwas bieten. Die Stadt Aurich setzt auf Stadtbusse. Aber kann sie sich das leisten?
Aurich - Der Anrufbus ist tot, es lebe der Stadtbus: Ab Juni 2025 sollen Kleinbusse mit 20 Plätzen im Auricher Stadtgebiet nach einem festen Fahrplan im 30-Minuten-Takt verkehren. Sie könnten die Lücken schließen, die die großen Buslinien des Landkreises lassen. Damit würde das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in Aurich so attraktiv, dass sich womöglich auch Autofahrer zum Umsteigen verleiten lassen.
„Solle, könnte, würde“: Noch steht alles im Konjunktiv. Ob es wirklich so kommt, muss die Politik entscheiden. Die Stadtverwaltung hat vorgearbeitet. Sie hat mit dem Planungsbüro „Mobile Zeiten“ (Oldenburg) ein Konzept für den Stadtbus Aurich entwickelt, über das die Ratsfraktionen in den kommenden Monaten beraten werden. Das finale Konzept wird im April oder Mai kommenden Jahres beschlossen.
Eine Geschichte des Scheiterns
Der Anrufbus wird damit nach gut 20 Jahren endgültig Geschichte sein. Es ist eine Geschichte des Scheiterns. Die Stadt wollte vor allem Menschen aus entlegenen Ortsteilen, die nicht mobil sind, eine preisgünstige Alternative zum Auto bieten. Sie rechnete mit rund 60.000 Fahrgästen im Jahr. Die Rechnung ging nicht mal annähernd auf. Der Anrufbus wird kaum genutzt. Selbst Gratis-Angebote in den Pandemie-Jahren brachten keinen Schub. 2020 sank die Zahl der Fahrgäste auf unter 20.000.
Das Angebot des Anrufbusses sei „unübersichtlich und nutzerunfreundlich“, sagte Christoph Marquardt vom Büro „Mobile Zeiten“ am Dienstagabend den Mitgliedern des Verkehrsausschusses. „Wir müssen aus diesen Erfahrungen lernen.“ Es fehle ein erkennbares System. In den Außenbereichen gehe die Nachfrage gegen null. Von dort kämen nur vier Prozent der Fahrgäste. „Wollen wir diesen toten Gaul reiten?“, fragte Marquardt. Sein Rat: Man möge sich auf die Innenstadt und die angrenzenden Stadtteile konzentrieren. Und die Außenbezirke? „Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber das ist subventioniertes Taxifahren“, sagte der Diplom-Ingenieur. „Das kann sich keine Stadt leisten.“
„Machen Sie’s richtig oder gar nicht“
Für den neuen Stadtbus empfahl der Fachmann: „Machen Sie’s richtig oder gar nicht.“ Um Fahrgäste zu locken, müsse das Angebot attraktiv und nutzerfreundlich sein. „Sonst ist es witzlos, das zu machen.“ Die Stadt profitiere davon, dass der Landkreis Aurich derzeit den Regionalverkehr neu strukturiere, mit verbesserter Taktung und Umsteigemöglichkeiten. Die Regionalbuslinien entlang der Haupteinfallstraßen deckten auch innerhalb des Stadtgebietes einiges ab. Der Stadtbus sei eine Ergänzung. Damit könne man diejenigen Bereiche bedienen, die durch die Regionalbuslinien nicht erschlossen werden.
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Das Büro „Mobile Zeiten“ empfiehlt vier Stadtbuslinien, die montags bis freitags von 6 bis 18 Uhr und sonnabends von 8 bis 16 Uhr im 30-Minuten-Takt verkehren: eine in Richtung Extum/Haxtum, eine in Richtung Wallinghausen, eine in Richtung Popens/Egels und eine in Richtung Sandhorst. Man müsse nicht alles auf einmal machen, sagte Marquardt. Ratsam sei ein Vorgehen „in Schritten, langsam und solide“. Für den Anfang reichten zwei Linien. Wunder dürfe man nicht erwarten, sagte der Fachmann. Etwas Geduld sei erforderlich. Denn für Autofahrer blieben die Sitzheizung und die Playlist im eigenen Wagen verlockend.
„Geld verdient man damit nicht“
Und was wird das Ganze kosten? Das Planungsbüro nennt Zahlen, die jedoch nur ein grober Anhaltspunkt sind. Es handelt sich um Modellrechnungen. Zwei Linien, die montags bis freitags von 6 bis 18 Uhr und sonnabends von 8 bis 16 Uhr verkehren, kosten 500.000 Euro im Jahr, abzüglich der Einnahmen durch den Fahrkartenverkauf. Vier Linien kosten knapp eine Million Euro pro Jahr. Wenn man die Fahrzeiten weiter einschränkt, wird es entsprechend billiger, wenn man sie ausweitet, teurer.
Die Politik muss nun abwägen: Wie viel Busverkehr kann und will sich die Stadt in Zeiten leerer Kassen leisten? Marquardt stellte klar: „Geld verdient man damit nicht.“ Der öffentliche Personennahverkehr werde immer ein Zuschussgeschäft bleiben. Der Individualverkehr finanziere sich aber auch nicht von alleine. Bei Straßen, Radwegen und Parkplätzen frage auch niemand, wann sich diese Ausgaben amortisiert hätten.
CDU-Fraktionschef Arnold Gossel äußerte Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Stadtbusses. Aurich möge sich wie Wiesmoor, Großefehn oder Ihlow mit dem Angebot des Landkreises begnügen. In den Nachbargemeinden würde man womöglich mit einem Zusatzangebot Neid wecken. Marquardt entgegnete: Der Landkreis sei für den Regionalbusverkehr zuständig, die Stadt für den Stadtbusverkehr. Mit Aurich vergleichbare Städte wie Cloppenburg, Buchholz in der Nordheide und Goslar leisteten sich ein solches Angebot mit Stadtbuslinien im 30-Minuten-Takt. Will Aurich das auch? Die Politik muss entscheiden.