Perleberg Die Odyssee eines 94-jährigen Patienten aus Niedersachsen endet erst im Krankenhaus Perleberg
Ein 94-jähriger Patient aus Niedersachsen wird ins Krankenhaus eingewiesen. Aber weder die fünf Kilometer entfernte Klinik Dannenberg noch Seehausen oder Stendal in Sachsen-Anhalt nehmen ihn auf. Er kommt nach Perleberg in Brandenburg. Die Geschichte einer Odyssee.
Wenn Sie oder Ihre Angehörigen mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus müssen, vertrauen Sie auf eine schnelle ärztliche Hilfe. Auf eine Behandlung, auf ein Bett in der nächsten Klinik. Für einen 94-jährigen Patienten ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Er erlebte eine Odyssee, bis er endlich im Krankenhaus Perleberg versorgt wurde. Das ist kein Einzelfall.
Die Recherchen des „Prignitzers“ zu dem Fall gestalten sich langwierig. Datenschutzgründe sind eine Ursache dafür. Aber auch die zu dem Fall angefragten Kliniken erbitten sich Zeit, um den Fall zu prüfen. In den Telefonaten wird deutlich, kein Haus möchte negativ in der Zeitung stehen. Rund zwei Wochen sollte es dauern, bis Antworten von allen Angefragten vorliegen.
Der Fall hat sich am 26. Oktober ereignet. Es handelt sich um einen Patienten aus Jameln in Niedersachsen. Das Kreiskrankenhaus Perleberg bestätigt auf Anfrage des „Prignitzers“, dass sie den Patienten aufgenommen haben. „Unsere Notaufnahme hatte entschieden, der Mann muss behandelt werden“, sagt Pressesprecherin Jaqueline Braun. Beim Blick auf den Einweisungsschein werden die Kollegen stutzig.
„Demnach sollte der Mann in das Krankenhaus in die Elbe-Jeetzel-Klinik in Dannenberg eingewiesen werden“, sagt Braun. Das gehe aus dem ausgefüllten Schein des einweisenden Hausarztes hervor. Gegenüber der Klinik in Perleberg habe der Hausarzt das telefonisch bestätigt.
Unstrittig ist, dass der 94-Jährige an Corona erkrankt war. Laut den Perleberger Ärzten habe der Hausarzt richtig entschieden. Demnach war der Mann stark dehydriert und sein Allgemeinzustand wurde als „multimorbid“ eingestuft. Das bedeutet, er hatte mehrere Erkrankungen gleichzeitig.
Jede Fahrt mit einem Rettungsdienst wird protokolliert und erhält eine Protokollnummer. Diese liegt unserer Redaktion vor. Wir stellen sie der Jeetzel-Klinik zur Verfügung, um die Prüfung des Falls zu beschleunigen. Unsere schriftliche Anfrage vom 1. November bleibt unbeantwortet, weil die Pressesprecherin nicht mehr für das Haus tätig sei.
Am 6. November wandten wir uns an Nina Helen Neelsen, stellvertretende Krankenhausdirektorin. „Ich gehe der Anfrage selbstverständlich nach. Sobald ich fundierte Auskünfte unseres medizinischen Personals erhalten habe, melde ich mich umgehend“, teilte sie mit.
Es folgten mehrere Telefonate mit einem Ergebnis am 13. November. Die zuständigen Ärzte hätten versucht, den Fall zu rekonstruieren, aber der Patient sei gar nicht in die Notaufnahme der Klinik gebracht worden, so Neelsen. Der Rettungsdienst sei gleich nach Seehausen gefahren. Dannenberg hatte keine freien Kapazitäten, erklärt Neelsen.
Das Krankenhaus in Seehausen habe den Mann aber nicht aufnehmen können. „Alle verfügbaren Betten im Klinikum waren belegt – einschließlich der Intensivstation – sodass wir zu dem Zeitpunkt keine adäquate medizinische Versorgung des Patienten sicherstellen konnten“, sagt Pressesprecherin Diana Scholz. Durch die vom Hausarzt diagnostizierte Corona-Infektion konnte der Patient auch nicht vorübergehend im Wartebereich untergebracht werden, so Scholz weiter.
Der Ärztliche Direktor des Krankenhauses habe umgehend mit dem Leiter der Leitstelle des Rettungsdienstes eine Möglichkeit gesucht und gefunden, die medizinische Versorgung des Patienten in einem Krankenhaus der Umgebung sicherzustellen. „Von unterlassener Hilfeleistung kann aus unserer Sicht also keine Rede sein und wir weisen diesen Vorwurf entschieden zurück“, sagt Scholz.
Das gefundene Krankenhaus war die Klinik in Perleberg. Hier werde jeder Patient aufgenommen, der mit dem Rettungsdienst komme. „Unsere Kollegen handeln nach dieser Anweisung“, sagt Geschäftsführer Karsten Krüger. Er zeigt sich verwundert, dass keines der deutlich näher gelegenen Häuser den Mann behandeln konnte. „Das Rettungsdienstgesetz schreibt vor, dass das nächstgelegene, geeignete Krankenhaus angefahren werden muss“, erklärt er.
Dass Seehausen keine freien Kapazitäten hatte, verwundert Karsten Krüger ebenfalls. So etwas sei in Kliniken nach der Corona-Pandemie äußerst selten der Fall. „Im Durchschnitt haben die Kliniken sogar 15 Prozent weniger Patienten“, verweist Krüger auf offizielle Statistiken.
Im Landkreis Lüchow Dannenberg ist das DRK für den Rettungsdienst zuständig. Dessen Geschäftsführer Thomas Heldberg bestätigt, dass Dannenberg abgemeldet war und der Rettungswagen deshalb gleich nach Seehausen fuhr. „Die dortige Klinik hatte nach unseren Informationen Kapazitäten“, sagt Heldberg. Rettungsdienste greifen dafür auf ein spezielles System zu, in dem Kliniken ihre aktuellen Kapazitäten melden – vom Krankenhausbett, über Intensivstation und Herzkatheterlabor.
Warum bei der Ankunft in Seehausen kein Bett mehr frei war, könne er nicht erklären. Heldberg sagt aber, dass weite und lange Fahrten bis zu einer Aufnahme keine Ausnahme seien. Für den Rettungsdienst sei das teuer, aber diese Realität zeige schonungslos die größer werdenden Probleme im Gesundheitssystem.
Rein wirtschaftlich betrachtet sei der Fall des Patienten schwierig. „Durch die Corona-Infektion wird ein erhöhter Hygieneaufwand erforderlich. Sein Alter und die Erkrankungen sprechen auch für einen hohen Pflegeaufwand. Beides verursacht hohe Kosten“, so Krüger. Eine Operation, für die Kliniken von Krankenkassen eine gute Vergütung bekommen würden, war eher unwahrscheinlich.
„Ökonomisch betrachtet, spielt die Behandlung eines solchen Patienten nicht die Vergütung ein, um die Kosten decken zu können“, erklärt Krüger. Kliniken seien gezwungen, solche Fälle mit Einnahmen aus anderen Behandlungen zu verrechnen, sie zu subventionieren.
Noch etwas zeige dieses Beispiel. Einerseits bedeutet jede längere Fahrt ein höheres Risiko für den Patienten. Andererseits war der betroffene Rettungswagen zeitlich sehr lange im Einsatz. Er stand somit für mehrere Stunden nicht zur Verfügung. „Was aber, wenn in dieser Zeit Notfälle passieren. Ein Herzinfarkt oder ein Verkehrsunfall mit Schwerverletzten?“, fragt Krüger.
Es dürfe nicht zur Normalität werden, dass Patienten über solch lange Strecken ohne medizinischen Grund transportiert werden. Das sei unmenschlich.