Berlin  Ein Jahr nach der Fußball-WM in Katar: Höhepunkt einer Entwicklung, aber nicht das Ende

Ronny Blaschke
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Von Ronny Blaschke
| 18.11.2023 08:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Bild, das um die Welt ging: Der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, hängt Fußballstar Lionel Messi nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft ein traditionelles Gewand um. Foto: Imago images/Jose Breton
Ein Bild, das um die Welt ging: Der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, hängt Fußballstar Lionel Messi nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft ein traditionelles Gewand um. Foto: Imago images/Jose Breton
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Am 20. November 2022 war es soweit: Mit einer großen Show wurde die Fußball-WM in Katar eröffnet, begleitet von viel Kritik. Ein Jahr später richtet Katar seine Sportstrategie neu aus. Das Emirat ist auf der politischen Bühne so präsent wie kein anderer Kleinstaat. Was hat sich seitdem verändert – und was nicht?

In Lusail gehen die Arbeiten voran. Baukräne ragen in den Himmel, Bürotürme wachsen. In der Vorstadt im Norden von Doha entstehen neue Geschäftsviertel. Katar erweitert seine Infrastruktur und treibt seine wirtschaftliche Transformation voran. Man könnte den Eindruck gewinnen, als würde die Fußball-Weltmeisterschaft in der Zukunft liegen.

Doch die WM ist Vergangenheit – am Montag jährt sich ihr Beginn zum ersten Mal. Ein Spektakel, dass den Bau von acht Stadien verlangte, aber auch die Errichtung von Straßen, Hotels, Metrolinien. Mehr als 200 Milliarden Dollar sollen diese Maßnahmen gekostet haben. Nie zuvor prägte die Sportindustrie die Entwicklung eines Land so sehr wie in Katar.

Das WM-Finale fand in Lusail statt, in jener Vorstadt, die auch ein Jahr später noch nicht fertig ist. So wird klar, dass die WM ein Höhepunkt dieser Entwicklung war, aber nicht ihr Ende. 2024 finden in Katar die Fußball-Asienmeisterschaft und die Schwimm-WM statt, 2027 folgen die Basketball-WM und 2030 die Asienspiele. Doha gilt als Anwärter für die Olympischen Spiele 2036, auch die Formel 1 ist regelmäßig zu Gast. Katar hat mehr als 500 große Wettbewerbe ausgetragen, doch was untergeht: Sportereignisse sind nicht das vordergründige Ziel, sondern nur ein Instrument für den Machterhalt der Monarchie.

Das katarische Herrscherhaus duldet weder Pressefreiheit noch eine kritische Zivilgesellschaft, es stellt Homosexualität unter Strafe. Vor allem in Westeuropa und Nordamerika kritisierten Medien und NGOs diese autoritäre Politik. Katar reagierte zögerlich auf den Druck, ließ schließlich Reformen zu und führte als erstes Land der Region einen Mindestlohn ein, der heute bei rund 270 Dollar liegt. Die mehr als zwei Millionen Arbeitsmigranten sollen nun schneller ihren Job wechseln und ausbleibende Löhne leichter einklagen können. In der Theorie.

Recherchen von NGOs wie Amnesty International legen nahe, dass die neuen Gesetze nicht angemessen umgesetzt werden. Bereits in den Wochen vor der WM wurden Hunderte Arbeiter kurzfristig ausgewiesen. Von denjenigen, die im Land sind, warten Tausende auf die Zahlung von Gehältern. Die fünf Beschwerdestellen verfügen nicht über genug Personal. Viele Arbeiter, die aus Südasien stammen, sind mit ihren Familien auf Jobs in Katar angewiesen. Aus Sorge vor der Ausweisung trauen sie sich oft nicht, gegen ihre Vorgesetzten vorzugehen.

Die Missstände sind noch immer gravierend, wie Amnesty International in einem Report darlegt. Zwar hat Katar in etlichen Herkunftsländern der Arbeitsmigranten Visa-Stellen eingerichtet, doch noch immer begeben sich Tausende von ihnen in die Abhängigkeit von Anwerbeagenturen. Sie zahlen bis zu 4000 Dollar für die Vermittlung eines Jobs. Viele der Arbeiter bleiben verschuldet.

Nun, zum ersten Jahrestag der WM, werden wieder Forderungen an die Fifa laut, einen Entschädigungsfonds für Angehörige gestorbener Gastarbeiter einzurichten. Der Weltverband schweigt allerdings zu kontrovers diskutierten Themen wie diesen. Das gilt auch für die Erzählung von der angeblich „nachhaltigsten WM aller Zeiten“. Etliche Stadien sollten zurückgebaut oder sogar ganz abgetragen werden, um Bauelemente in anderen Ländern erneut nutzen zu können. Genaue Pläne dafür sind bis heute nicht öffentlich.

Nun, da die WM-Aufmerksamkeit abgeebbt ist, richtet Katar seine Strategie neu aus. Nach Fan-Protesten ließ Doha die Sponsoren-Partnerschaft beim FC Bayern auslaufen. Bei Paris Saint-Germain, seit 2011 im Besitz von Katar, scheint man mit weniger Nachdruck als früher auf den ersten Sieg in der Champions League hinzuarbeiten. Neymar ist in die Liga des Rivalen am Golf weitergezogen, nach Saudi-Arabien. Lionel Messi ging in die USA, Kylian Mbappé wird wohl zu Real Madrid wechseln.

Katar orientiert sich neu. Die staatliche Fluglinie Qatar Airways beginnt ein Engagement bei Inter Mailand. Ein Mitglied der Herrscherfamilie war an der Übernahme von Manchester United interessiert, stieg aber aus dem Bieterverfahren aus. In Europa schien die Skepsis gegenüber Katar zu wachsen, seitdem mutmaßliche Zahlungen von Bestechungsgeldern an einzelne EU-Parlamentarier öffentlich wurden. Doch die Aufregung legte sich schnell.

Zudem will das Emirat größer im US-Sport Fuß fassen, mit einer Beteiligung an einer Unternehmensgruppe, zu der unter anderem die Washington Wizards im Basketball und die Washington Capitals im Eishockey gehören. Insbesondere in der US-Hauptstadt, wo Politiker und Denkfabriken um Einfluss im Nahen Osten ringen, kann die Sportindustrie eine Kommunikation anbahnen. Der Verdacht der Korruption wird mitschwingen.

Die aggressive katarische Lobbyarbeit im Sport dürfte dazu beigetragen haben, dass sich westliche Regierungen mit katarischen Interessen vertraut gemacht haben. Beziehungen, die in Krisen helfen können: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist Katar als Gaslieferant auch in Europa gefragt. Lange wurde die Herrscherfamilie für ihre Beziehungen mit islamistischen Gruppen, die in etlichen Ländern als Terrororganisationen gelistet sind, scharf kritisiert. Doch inzwischen weiß der Westen diese Kontakte zu schätzen: bei Verhandlungen mit den Huthi-Rebellen im Jemen, mit den Taliban in Afghanistan und aktuell mit der Hamas im Gazastreifen.

Die Gunst westlicher Industrienationen ist wichtig für Doha, aber nicht entscheidend. Die größten Abnehmer für katarisches Gas liegen in Ostasien. Im Wettbewerb mit anderen Fluglinien am Golf will Katar sein Streckennetz erweitern. Partnerschaften mit Serien im Rennsport, Rugby und Triathlon, aber auch mit den „Sydney Swans“ im Australien Rules Football sollen dabei helfen.

Rund um die erste Fußball-WM in einem muslimisch geprägten Land hat Katar ein Netzwerk geknüpft, das Saudi-Arabien nun in größerer Dimension weiterentwickelt. Aber hat sich Katar in diesem Prozess auch geöffnet? In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt das Emirat Platz 105, im Demokratie-Index des Magazins „Economist“ Rang 114. Erst vor wenigen Wochen verurteilte ein katarisches Gericht acht ehemalige Angehörige der indischen Marine wegen Spionagevorwürfen zum Tode.

Katar war, ist und bleibt ein autoritärer Staat. An der Spitze steht Tamim bin Hamad Al Thani, der Lionel Messi vor gut einem Jahr bei der Übergabe des WM-Pokals ein traditionelles Gewand überstreifte. Der Emir war in den vergangenen Monaten ein willkommener Gast in den Regierungssitzen von Washington, London oder Berlin. Selten war ein Staat mit weniger als drei Millionen Einwohnern so präsent auf der Weltbühne wie Katar. Das hat mit Politik zu tun, vielleicht auch mit Fußball. Aber im Fall von Katar ist das ohnehin ein und dasselbe.

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