Osnabrück  Documenta im Streit um BDS: Droht der Weltkunstschau die Katastrophe?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 18.11.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Während der Schließung der documenta fifteen 2022 wird ein Danke-Plakat hochgehalten. Die Debatte um die Weltkunstschau, die von immer neuen Antisemitismus-Vorwürfen erschüttert wurde, hielt bis zum Schluss an. Foto: dpa
Während der Schließung der documenta fifteen 2022 wird ein Danke-Plakat hochgehalten. Die Debatte um die Weltkunstschau, die von immer neuen Antisemitismus-Vorwürfen erschüttert wurde, hielt bis zum Schluss an. Foto: dpa
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Der Streit in der Findungskommission der Documenta ist keine Nebensache. Der Rücktritt der Findungskommission zeigt, unter welchem Druck die Weltkunstschau steht. Das darf nicht im Desaster enden.

Bricht die Documenta jetzt auseinander? Zwei Mitglieder der Findungskommission, die den Leiter der nächsten Documenta auswählen soll, haben zunächst das Gremium verlassen. Darauf folgte der Rücktritt der gesamten Kommission. Was nach einer Meldung für Fachleute klingt, ist in Wirklichkeit eine Katastrophe. Der Streit um Antisemitismus und Israel-Boykott zerreißt die Weltkunstschau.

Dabei sollte es darum gehen, den Skandal um antisemitische Bildmotive, die das Leitungskollektiv auf der Documenta fifteen 2022 zeigte, endlich aufzuarbeiten. Wie konnte es sein, dass die Hetzbilder der Künstlergruppe Taring Padi in die Documenta Eingang fanden? Hatte da keiner richtig hingeschaut – oder gar Sympathie für Karikaturen mit Hakennase und SS-Rune?

Auch ich war schockiert über diese unsäglichen Bilder. Gerade auf der Documenta durfte das nicht sein. Sie ist zentrales künstlerisches Format der freiheitlichen Gesellschaft der Bundesrepublik.

Doch jetzt sehe ich, dass der Riss keineswegs gekittet ist. Zuerst tritt das eine Mitglied der Findungskommission, Ranjit Hoskoté, zurück, weil es sich wegen der Unterschrift unter eine Petition der Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) zu Unrecht angeklagt fühlt. Dabei gilt BDS als antisemitisch. Ein zweites Mitglied der Kommission, die Israelin Barbara Lichtenberg Ettinger, sieht sich wegen des Terrors der Hamas in Israel nicht mehr in der Lage, in der Kommission mitzuwirken.

Inzwischen haben auch die übrigen Mitglieder der Findungskommission ihre Arbeit beendet. Die Documenta will, wie es heißt, den Findungsprozess für die künstlerische Leitung der nächsten Documenta 2027 „neu aufsetzen“.

Kultur soll Menschen zusammenführen, auch im konstruktiven Streit. Für die Kunst gilt das besonders. Freier und friedlicher Austausch unterschiedlicher Standpunkte: Das ist das Ideal einer Diskussion über Kunst. Das ist auch mein Ideal.

Aber jetzt passiert das Gegenteil: An der Kunst scheiden sich die Geister, erschreckend unversöhnlich. Kunst klärt keine Konflikte, sie verschärft sie. Das ist neu.

Es scheint, als würde gerade das Vertrauen in Kultur verlorengehen. Das beklagen jüdische Künstler, der Pianist Igor Levit oder die Schriftstellerin Julia Fermentto-Tzaisler. Sie erkennt jene progressive Linke nicht mehr wieder, die immer für den Kulturbetrieb stand.

Ich sehe mit Erschrecken, wie der Streit um die BDS-Bewegung, wie der Antisemitismus das Grundvertrauen beschädigt. In der Kultur zeigt sich das sofort. Sie reagiert darauf besonders sensibel.

Das darf aber nicht sein. Schön ist das Leben, wenn es Bereiche des Zusammenlebens gibt, die von Konflikten entlasten, weil sie die Menschen zusammenführen. Die Kultur ist dieser Raum, die Kunst ohnehin. Jetzt ist Gemeinsamkeit gefragt, Empathie, das klare Nein zu Antisemitismus, zu jeder Form von Rassismus.

Ich wünsche mir Respekt. Jetzt. Die Documenta ist der Testfall. Möge er bestanden werden.

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