Veranstaltungskultur in Aurich Bürokratie und Auflagen hemmen spontane Feiern
Die Auricher wollen das Fest der Kulturen der Welt wieder aufleben lassen. Dafür benötigen sie einen Träger. Warum ist der so schwer zu finden?
Aurich - So sieht interkommunaler Austausch aus: Anfang November hat sich Serhat Özdemir in sein Auto gesetzt und ist mit einem Kollegen nach Aurich gefahren. Der Leeraner arbeitet als Migrationsberater für die Türkisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft. Er ist Koordinator für das Fest der Kulturen der Welt. Diese Veranstaltung hat sich in Leer zu einer zugkräftigen Nummer entwickelt: viele Beteiligten, begeisterte Besucher und ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Maßgeblichen Anteil daran hat das Team um Serhat Özdemir. „Das kann ich gar nicht alleine bewältigen“, sagt der Migrationsberater und lobt die Initiative der vielen Organisationen. Alles laufe Hand in Hand, jeder leiste seinen Beitrag und alles füge sich harmonisch zusammen. Die Stadt Aurich wollte bei dem Gespräch Anfang November wissen, wie das genau funktioniert. Was ist das Rezept? In Aurich wird das Fest der Kulturen der Welt nämlich seit einigen Jahren nicht mehr ausgerichtet. Offiziell liege das daran, dass es keinen Träger mehr dafür gebe, seit das Deutsche Rote Kreuz die Organisation abgegeben habe, heißt es vonseiten der Stadt.
„Es war ein sehr angenehmes Gespräch“, sagt Serhat Özdemir auf Anfrage der Redaktion. Die wollte wissen, mit welchen Informationen er hat dienen können. Der Leeraner Koordinator hüllt sich in Schweigen und verweist an die Auricher. Die wiederum teilen mit, dass es derzeit „nichts zu kommunizieren gebe“. Nanu?! Wurde ein „sehr angenehmes Gespräch“ ohne Inhalt geführt? War es vielleicht deshalb so angenehm? Sandra Pfeiffer-Fecht ist bei der Stadt für Veranstaltungen zuständig. Sie hat unter anderem in diesem Jahr das Stadtfest mit auf die Beine gestellt und es durch neue Ideen belebt, etwa durch den DJ-Tower in der Burgstraße. Die Veranstaltungsmanagerin wollte inhaltlich nichts zu dem Gespräch mit Serhat Özdemir sagen, räumt aber auf Nachfrage ein, dass der Austausch mit dem Leeraner „sympathisch und inspirierend“ gewesen sei.
Langer Vorlauf zum Feiern
Und nun? Wenn im Sommer tatsächlich in Aurich wieder mit allen Kulturen gefeiert werden soll, müssen die Vorbereitungen dafür bald beginnen. So ist es bei allen Veranstaltungen, selbst bei einem Weihnachtsmarkt. Dafür beginne man bereits im Sommer mit der Organisation, sagte Udo Hippen vom Kaufmännischen Verein. Und dieser Vorlauf sei erforderlich, obwohl man Routine habe und viele Prozesse eingespielt seien. Worauf muss man sich erst einstellen, wenn ein komplett neues Konzept auf die Beine gestellt werden muss wie beim Fest der Kulturen der Welt?
„Ich würde mir wünschen, dass die Stadt bei dieser Veranstaltung so engagiert wie beim Weinfest ist“, sagt Reinhard Warmulla. Der Linken-Ratsherr ist ein großer Fürsprecher der folkloristischen Veranstaltung, bei der es im Kern darum geht, das Verständnis unterschiedlicher Ethnien und Kulturen füreinander zu wecken. Und das mit der simpelsten Methode, die man sich vorstellen kann, mit Essen und Trinken. Speisen und Getränke sind früher vielfach von den teilnehmenden Vereinen selbst hergestellt worden. Das ist mittlerweile ein heikler Punkt, der vom Amt für Lebensmittelüberwachung scharf kontrolliert wird. Reinhard Warmulla findet es bedauerlich, dass der kommerzielle Aspekt bei vielen Veranstaltungen so stark in den Vordergrund gerückt ist. Nach seinen Recherchen gebe es etliche Vereine und Verbände, die unterstützend tätig sein wollen, aber nicht die Verantwortung für das Fest tragen möchten.
Woran liegt das? Wie bei den Lebensmitteln und deren Zubereitung sind die Auflagen auch in verschiedenen anderen Bereichen, etwa bei der Sicherheit, enorm gestiegen. Mal eben spontan eine Veranstaltung aus dem Boden zu stampfen, ist so gut wie unmöglich. Zelte ab einer bestimmten Größe müssen ordnungsrechtlich abgenommen werden. Bestimmte Areale müssen abgesperrt und Parkverbotszonen errichtet werden − das sind nur ein paar Punkte, die abzuklären sind. Früher sei es nicht erforderlich gewesen, für eine Veranstaltung wie das Fest der Kulturen der Welt ein Sicherheitskonzept aufzulegen, sagt Bodo Bargmann. Der CDU-Ratsherr hat bis vor einiger Zeit eine Firma besessen, die solche Dienstleistungen angeboten hat. Angesichts der veränderten weltpolitischen Lage müsse man indessen unter Umständen darüber nachdenken, ob das künftig nicht doch erforderlich sein könnte.