Osnabrück  Was machen die bekanntesten Gegner der Corona-Maßnahmen heute?

Johannes Kleigrewe
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Von Johannes Kleigrewe
| 10.11.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Prägende Köpfe des Protestes gegen die Corona-Maßnahmen (v.l.): Michael Ballweg, Attila Hildmann und Sucharid Bhakdi. Foto: Bilder: imago-images/Future Image; imago-images/Christian Thiel; dpa/Christian Charisius; Collage: Johannes Kleigrewe
Prägende Köpfe des Protestes gegen die Corona-Maßnahmen (v.l.): Michael Ballweg, Attila Hildmann und Sucharid Bhakdi. Foto: Bilder: imago-images/Future Image; imago-images/Christian Thiel; dpa/Christian Charisius; Collage: Johannes Kleigrewe
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Während der Corona-Pandemie verbreiteten sie Falschinformationen und Verschwörungstheorien, Tausende folgten ihren Aufrufen zu Demonstrationen gegen die Schutzmaßnahmen. Dann wurde es still um sie. Was machen die Köpfe von „Querdenken“ und Co. heute?

Nicht nur um das Corona-Virus ist es in den vergangenen Monaten ruhiger geworden. In dem Maße, in dem das Virus aus den Nachrichten verdrängt wurde, gerieten auch die Maßnahmenkritiker, Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker, die im Zuge der Pandemie teils viele Anhänger gefunden hatten, aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Aber was machen die Köpfe hinter der „Querdenken“-Bewegung und anderen Gruppierungen heute?

Unmittelbar mit den „Querdenkern“ verbunden ist Michael Ballweg. Der ehemalige Unternehmer hatte in Stuttgart die Initiative „Querdenken 711“ ins Leben gerufen, die anschließend Ableger im ganzen Bundesgebiet gegründet und zeitweise viel Zulauf gefunden hatte. An den Protesten, die von den Gruppen organisiert wurden, nahmen laut Behördenangaben auch Reichsbürger, Rechtsextremisten und Anhänger von Verschwörungsideologien teil. Im Juni 2022 wurde Ballweg unter dem Vorwurf des Betrugs und der Geldwäsche festgenommen.

Nach neun Monaten wurde Ballweg im April 2023 aus der Untersuchungshaft entlassen. Im Oktober wurde dann vor dem Landgericht Stuttgart eine Anklage gegen den Querdenker-Gründer zugelassen – allerdings nur noch wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung. Für die übrigen Vorwürfe sah das Gericht keinen hinreichenden Tatverdacht. Gegen diese Entscheidung kündigte die Staatsanwaltschaft einen Einspruch beim Oberlandesgericht Stuttgart an. Wann es zu einem Verfahren kommt und welche Anklagepunkte dann geklärt werden, ist daher offen.

In der Zwischenzeit hat Ballweg seine Zeit genutzt und zusammen mit zwei Co-Autoren ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Richtigstellung!“ und soll bis zum Ende des Jahres erscheinen. Laut Klappentext ist das Buch „die Geschichte eines ,Unpolitischen‘, der noch nie auf einer Demonstration war, bis er die erste seines Lebens selbst anmeldete, eines mündigen Bürgers, der das fundamentale Grundrecht der Versammlungsfreiheit bis zum Verfassungsgericht einklagt und der Millionen ansteckt, ihre demokratischen Grundrechte ebenfalls einzufordern.“

Ebenfalls noch mit Ermittlungen konfrontiert ist der Mediziner Sucharit Bhakdi. Der Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie lehrte bis 2012 als Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und leitete dort zwei Jahrzehnte das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene. Während der Corona-Pandemie sprach er von Zwangsmaßnahmen, die „ein Verbrechen an der Menschheit“ seien. Zudem zweifelte er sowohl die Gefährlichkeit des Virus als auch die Wirksamkeit von Impfungen an.

Die Justiz beschäftigt sich allerdings nicht wegen seiner häufig widerlegten Äußerungen zu Corona mit dem Medizinier, sondern weil dieser bei einer Demonstration gegen die Coronapolitik zum Hass gegen Juden angestachelt haben soll. In einem Verfahren im Mai 2023 wurde Bhakdi vom Amtsgericht Plön freigesprochen. Gegen diese Entscheidung legte die Generalstaatsanwaltschaft allerdings Berufung ein, sodass es zu einem weiteren Verfahren kommt – dann vor dem Landgericht Kiel. Ein Gerichtssprecher erklärte im Sommer, dass das Verfahren gegen Bhakdi voraussichtlich erst im kommenden Jahr terminiert werde.

Besondere Aufmerksamkeit erregte in den vergangenen Jahren der Fall Attila Hildmann: Vom gefeierten veganen Koch und Unternehmer wandelte er sich zum polizeilich gesuchten Verschwörungstheoretiker. Er kritisierte nicht nur die Corona-Maßnahmen, sondern hetzte auch gegen Juden und wurde wegen Morddrohungen gegen den ehemaligen Grünen-Abgeordneten Volker Beck zu einer Entschädigung von 1000 Euro verurteilt.

Ende 2020 setzte sich Hildmann in die Türkei ab, nachdem er offenbar gewarnt wurde, dass ein Haftbefehl gegen ihn erlassen werden sollte. Mittlerweile wird er sogar seit geraumer Zeit mit einem internationalen Haftbefehl gesucht, doch die Türkei weigert sich, ihn auszuliefern, da er die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Medienberichten zufolge betreibt Hildmann weiterhin zahlreiche Social-Media-Kanäle, mit denen er in Deutschland antisemitische Hetze, Gewaltaufrufe oder falsche Informationen über die Corona-Impfung verbreitet.

Ebenfalls ins Ausland gegangen ist Bodo Schiffmann, allerdings hat er sich dort ein gänzlich neues Betätigungsfeld gesucht. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt hatte sich während der Pandemie zu einem der führenden Köpfe der Querdenker entwickelt. 2020 wurde seine Praxis durchsucht, da er verdächtigt wurde, falsche Atteste ausgestellt zu haben, um Menschen vom Tragen einer Maske zu befreien.

Im weiteren Verlauf der Pandemie reiste Schiffmann mit seiner Familie nach Tansania und baute sich ein neues berufliches Standbein auf. Er betreibt nun ein Hotel mit fünf Zimmern in der Nähe des Kilimandscharo. Auf der Website des Hotels gibt es nicht nur Informationen zu den Zimmern und dem eigenen Restaurant, sondern auch zu den von Schiffmann geschriebenen Büchern.

Bereits lange vor Corona hatte sich Ken Jebsen, bürgerlicher Name Kayvan Soufi-Siavash, in der Verschwörungsszene etabliert. Der ehemalige RBB-Journalist betrieb viele Jahre die Plattform KenFM, auf der er Verschwörungserzählungen verbreitete – etwa, dass die Anschläge vom 11. September inszeniert gewesen seien. Insofern überrascht es nur bedingt, dass Jebsen während der Pandemie ebenfalls eine Verschwörung witterte. So unterstellte er Bill Gates, durch Impfungen die Menschen sterilisieren zu wollen. Auf YouTube wurde sein Kanal daher Anfang 2021 gesperrt.

Aufgrund steigenden Drucks, auch auf das Portal KenFM – das auch 2021 abgeschaltet wurde – kündigte Jebsen an, ins Ausland gehen zu wollen, um dort in Ruhe zu arbeiten. Heute gibt es das Portal apolut, auf das man umgeleitet wird, wenn man KenFM ansteuert. Hier gibt es, neben neuen Beiträgen, auch ein umfangreiches Archiv mit KenFM-Beiträgen. Obwohl Jebsen angibt, nicht federführend an apolut beteiligt zu sein, zeichnete die Zeit im vergangenen Jahr nach, dass er sehr wohl noch eine wichtige Rolle spiele. Der Verschwörungstheoretiker hat indes sein Pseudonym abgelegt und tritt unter seinem bürgerlichen Namen auf. Wie aus Medienberichten hervorgeht, hält er auch öffentliche Vorträge, etwa im vergangenen August in Hessen.

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