Gedenken zur Pogromnacht Aufruf zur Solidarität mit Juden und Israel
Nach dem Angriff auf Israel steht das Gedenken an den 9. November unter anderen Vorzeichen. Mehr Solidarität mit Juden und Israel wünscht sich ein Auricher.
Aurich - Der Nahost-Konflikt und der stärker sichtbar gewordene Antisemitismus in Deutschland: Dieses Jahr stehen die Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht am 9. November unter anderen Vorzeichen. Wie jedes Jahr laden die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Ostfriesland und die Ökumene in Aurich zum Auricher Gedenken am 9. November, ab 18 Uhr auf dem Synagogenplatz am Hohen Wall ein. Doch der Vorsitzende der DIG Ostfriesland, Ulrich Kötting (Aurich), ist verwundert über das Ausbleiben größerer Solidaritätsbekundungen mit Israel.
„Der Aufschrei, der durch Deutschland hätte gehen müssen, hat diesmal längst nicht die Macht wie bei dem Überfall Russlands auf die Ukraine“, sagt Kötting im Gespräch. Die Geiselnahme der Israelis durch die Hamas sei „wirklich erschreckend“, so der Auricher. Der DIG-Ostfriesland-Vorsitzende kann sich nicht erklären, warum Deutschland kein deutliches Zeichen setze und sich vor den UN enthalten hat. Dabei ging es um eine Resolution der UN-Vollversammlung, die Israel zu einer Feuerpause auffordert, um den Menschen im Gaza-Streifen zu helfen. Der Terror der Hamas wurde darin nicht verurteilt. 14 Mitgliedsstaaten stimmten laut einem Bericht der Tagesschau dagegen. Deutschland und 44 weitere Staaten enthielten sich. „Man hält sich da raus, das ist etwas, das ich nicht verstehe“, sagt Kötting.
Kleines Zeichen zum Zusammenhalt
Auch innerhalb der Bevölkerung wünscht sich der Auricher mehr Solidaritätsbekundung mit Israel. Zum Beispiel ein kleiner Anstecker mit einer deutschen und einer israelischen Flagge sei leicht zu erwerben und zumindest ein kleines Zeichen. „Wir müssen jetzt Israel den Rücken stärken“, sagt Kötting. Zu Beginn des Ukrainekriegs bekundeten viele Menschen im Landkreis Aurich ihre Solidarität mit den Ukrainern. Es wurden Hilfstransporte organisiert, ukrainische Flaggen gehisst.
Gedenken in Aurich
Zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 findet an diesem Donnerstag in Aurich eine Gedenkveranstaltung am Synagogenplatz und eine Kranzniederlegung an der ehemaligen jüdischen Schule an der Kirchstraße in Aurich statt. Beginn ist um 18 Uhr auf dem Synagogenplatz am „Hohen Wall“. Dazu laden die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ostfriesland und die Auricher Ökumene ein.
Es sprechen Superintendent Tido Janssen als Vertreter der Auricher Ökumene und Ulrich Kötting als Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Ostfriesland. Heinrich Herlyn und der Projektchor Neunter November gestalten das Gedenken musikalisch.
Der Chor gibt im Anschluss ab 19 Uhr in der Lambertikirche Aurich das Konzert zum Andenken an Fritz Löhner. Er ist unter anderem Dichter des „Buchenwald-Liedes“ und wurde 1942 im Vernichtungslager Ausschwitz umgebracht.
Auch diesmal können die Auricher und Ostfriesen ein Zeichen setzen. Etwa indem sie eine der Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht besuchen. So ruft auch Susanne Bei der Wieden, Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche in einer Mitteilung zum Besuch der Gedenkveranstaltungen auf. „Je mehr Menschen an diesem 9. November die Gedenkveranstaltungen besuchen, desto stärker ist das Zeichen an Jüdinnen und Juden in Deutschland: Sie gehören zu unserem Land“, so Bei der Wieden. Die Kultur des Gedenkens habe sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert und sei nach wie vor notwendig, weil sich wieder Antisemitismus ausbreite, so die Kirchenpräsidentin in der Mitteilung. „Auch mögliche Kritik an politischen Entscheidungen in Israel wird für antisemitische und antijüdische Propaganda oder gar zur Legitimation von Gewalt missbraucht“, so Susanne Bei der Wieden. Das habe sich besonders seit dem 7. Oktober, also dem Tag des Angriffs der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel, gezeigt.
Die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) forderte am Mittwoch in einer Rede vor dem Landtag mehr Geld für die Gedenkstätten ein, um die Arbeit weiter zu fördern.