Hundertster Geburtstag Christa Hartmanns Geheimnis für ein langes Leben
Dass Christa Hartmann aus Spetzerfehn schon hundert Jahre alt ist, kann sie selbst kaum glauben. Sie verrät, wie das Leben auch in dem Alter lustig sein kann.
Spetzerfehn - Als nach dem Gespräch alle an der Tür Abschied nehmen und dabei über das dort hängende Foto der Enkel mit Anhang lachen, hält es auch Christa Hartmann nicht mehr auf dem Sofa. Das Gesicht einer der Männer ist von Klebestreifen verdeckt. Christa Hartmann biegt schwungvoll um die Ecke, steht kerzengerade vor ihrem Besuch und grinst verschmitzt. „Der ist uns abhandengekommen“, erklärt sie die von ihr abgewandelte Form des Bildes. Die Enkelin hat einen neuen Partner und Christa Hartmann wartet jetzt auf ein passendes Foto, damit sie den Kopf des vorherigen durch den neuen ersetzen kann.
Was und warum
Darum geht es: Fit und mit viel Humor feiert Christa Hartmann aus Spetzerfehn ihren hundertsten Geburtstag. Sie verrät, warum ihr die Jahrzehnte so wenig anhaben konnten.
Vor allem interessant für: alle, die neugierig auf besondere Lebensgeschichten sind und wissen möchten, wie man mit hundert Jahren noch fit sein kann
Deshalb berichten wir: Christa Hartmann feierte am Dienstag, 7. November, ihren Geburtstag und die Redaktion hat sie aus diesem Anlass besucht.
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Ein Spaß für die zierliche Frau. Dass sie schon hundert Jahre alt ist, ist nur schwer zu glauben. Wie alt sie sich denn selbst fühle, war sie vorher gefragt worden. Eine Antwort darauf konnte sie nicht geben: „Dass ich so alt geworden bin, hat mir auf jeden Fall nicht geschadet“, sagte sie nur. Das Altwerden liege der Familie im Blut. Schon die Eltern machten es vor, die Mutter wurde 87 und der Vater immerhin 91 Jahre alt. Offenbar sorgen bei Christa Hartmann also auch die Gene für ein langes Leben. Schwester Grete, die später eine Mönck wurde, starb ebenfalls erst vor zwei Jahren mit 93 Jahren. Mit ihr bildete Christa Hartmann ein unschlagbares Team. „Sie war so schlagfertig, es gab immer etwas zu lachen.“
Vor allem Frauen werden Hundert
Christa Hartmann gehört seit Dienstag zu einer wachsenden Zahl von Hundertjährigen in Deutschland. Zum Ende des Jahres 2022 gab es in der Bundesrepublik 24.848 Menschen im Alter von 100 Jahren und älter – das ist der höchste bisher erfasste Wert. Darunter waren viermal so viele Frauen wie Männer, ein Resultat des Zweiten Weltkriegs und der längeren Lebenserwartung von Frauen, sagt die Statistik. Die Zahl der Hundertjährigen könnte in Zukunft noch weiter steigen. Prognosen zufolge werden von denen, die in Deutschland um das Jahr 2000 geboren sind, mehr als die Hälfte das hundertste Lebensjahr erreichen.
Was Christa Hartmann nicht nur alt werden lässt, sondern auch so fit hält, dafür hat sie verschiedene Theorien. „Die acht Enkel und 13 Urenkel halten mich auf Trab“, sagt sie. Eine der schönsten Nebenwirkungen ihres hundertsten Geburtstags: Sie alle kommen zum Feiern nach Spetzerfehn. Die Wichte, wie Hartmann sie nennt, viel Sport, Radfahren und immer in Bewegung bleiben – das ist ihr Rezept für die fidelen hundert Lebensjahre. Noch immer trägt sie die Wäsche in den Keller und steht mit dem Rechen im Garten zum Laub harken. „Mit 70 Jahren konnte ich noch Kopfstand“, sagt Hartmann. Das war etwas, mit dem sie ihren Mann Lübbe gerne aus dem Konzept brachte, wenn er ihr zu ernst war. Die andere Waffe gegen die Stürme des Lebens: viel Humor.
Die Kindheit bildete das Fundament
„Ich glaube, das Fundament für ihre positive Lebenseinstellung war die schöne Kindheit“, sagt Tochter Insa Sanders, das jüngste ihrer drei Kinder. Christa Hartmann nickt. Noch heute wohnt sie direkt neben dem ehemaligen Elternhaus nahe der Mühlen-Kreuzung in Spetzerfehn. Dort hatten ihre Eltern Albert und Talkea Behrends eine Landwirtschaft und einen Kolonialwarenladen. Vom Holzschuh über Teegeschirr und Nägel bis zum Nähgarn gab es dort alles. Für Christa Hartmann ein weites Feld, um sich auszuprobieren. „Ich konnte alles“, sagt sie stolz. „Sogar melken.“
Christa Hartmann wuchs als eines von fünf Geschwistern unter der Obhut von Oma Trinchen Ringering auf, auch mit ihr wurde viel gelacht. Allein die Erinnerungen daran sorgen an diesem Nachmittag für viel Spaß bei Ostfriesentee und Bienenstich. Auch die an ihrem Bruder Johann, dem beim Fußballspiel der neue Schuh vom Fuß rutschte und in den Kanal fiel. „Die Straßen waren nicht wie heute, sie glichen eher einer Sandkiste“, erklärt Hartmann das Missgeschick und erzählt weiter, wie sich der Bruder später im Dunkeln aus dem Haus schlich, nach dem Schuh fischte und ihn wirklich fand. Musik begleitete die Kindheit: „Mein Vater spielte auf dem Harmonium und wir haben viel gesungen“, erinnert sich die Hundertjährige. Später sang sie im Kirchenchor. Mit ihrer Schwester war sie in einer Gymnastikgruppe und auch beim Volkstanz. Immer aktiv. Alt fühle sie sich nur, wenn sie allein ist, gesteht sie.
Immer offen für Neues
Wie beim Kopfstand nimmt Christa Hartmann gerne einen anderen Blickwinkel ein, ist neugierig, noch heute. Mit 17 Jahren ging sie zum Arbeitsdienst in der Landwirtschaft in die Nähe von Cottbus. „Ich wollte mal raus und was anderes sehen als dieses Dorf“, sagt sie. Die Chance nutzte sie auch, als ihr Mann später das kleine Seefahrtspatent machte und wie sein Vater Lübbe Hartmann zur See fuhr. „Als unsere Jüngste neun Monate alt war, hab ich nach Rücksprache mit dem Arzt die drei Kinder eingepackt und bin in den Schulferien zum Hafen gefahren“, erinnert sich Christa Hartmann. Ferien auf dem Schüttgutfrachter „Adelheid Sibum“ gab es seitdem viele Jahre lang. Gewohnt wurde an Bord. Eine beliebte Urlaubsform in den 60er Jahren bei den Hartmanns. Es ging nach England, Norwegen, Finnland und in viele andere europäische Länder.
Erinnerungen wie die an glasklare Seen, an denen sie aus der Sauna direkt über einen Steg in den See sprang, sind aus dieser Zeit geblieben. Die schönen Erinnerungen und der Zusammenhalt in der Familie haben sie stark gemacht, sagt sie, auch in schweren Zeiten, in denen sie Verluste von geliebten Menschen überwinden musste. Den frühen Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront verschollen war, den Tod ihres Mannes 1997 und den ihrer Schwester vor zwei Jahren. Ihr Rezept in solchen Zeiten: „Ich lebe einfach“, sagt Christa Hartmann. Sie weiß, was ihr guttut. Zu ihrer Geburtstagsfeier hat sie sich einen Posaunenchor gewünscht, wie er schon in ihrer Kindheit vor dem Laden ihrer Eltern zu besonderen Anlässen gespielt hat. Mit schönen Momenten wie diesem hat sie die Jahrzehnte gemeistert, nach der Weimarer Republik den Nationalsozialismus und auch die Pandemie überstanden – und ist noch immer neugierig, was das Leben bereithält.
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