Schwerin  Wortreiches Schweigen über latenten Antisemitismus

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 05.11.2023 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Synagoge Foto: Jens Büttner
Synagoge Foto: Jens Büttner
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Die Solidarität mit Israel ist deutsche Staatsräson. Doch nicht nur in den östlichen Bundesländern, aber dort besonders, ist der öffentliche Diskurs darüber bemerkenswert offiziös. Die Kluft zwischen latentem Antisemitismus und Staatsräson scheint größer als wir uns eingestehen.

André Herzberg war mit seiner Band “Pankow” als renitenter DDR-Rockmusiker eines meiner Idole. „Langeweile“ vom Album „Aufruhr in den Augen“ einer meiner Lieblingssongs. Dass Herzberg aus einer jüdischen Familie stammt, war mir wie den meisten Fans wohl kaum bewusst - bis Herzberg nach dem Mauerfall sein persönliches Judentum für sich entdeckte und damit seither auch öffentlich umgeht - als Musiker und Romanautor. 

An Herzbergs Biografie lässt sich gut nachvollziehen, wie verklemmt und verlogen und zynisch der verordnete Antifaschismus der DDR war. Vom staatssozialistischen „Antizionismus“ der fünfziger und sechziger Jahre, dem selbst kommunistisch gesonnene Juden zum Opfer fielen, die als „Judenknechte“, als vom US-Imperialismus gelenkte Verschwörer des „Weltjudentums“ verfolgt, verurteilt, zur Ausreise gedrängt wurden. Bis zum rein materialistisch geleiteten ideologischen Umschwung in den achtziger Jahren, als sich die DDR-Führung von der Annäherung Israel und an den westdeutschen Zentralrat der Juden nicht nur internationale Anerkennung, sondern auch harte Devisen erhoffte. Dafür ließ sie sogar die Neue Synagoge in Berlin wiederaufbauen.

Seit den grässlichen Attacken der islamistischen Hamas auf Israel und dessen Vergeltungskrieg gegen die Hamas-Miliz im Gazastreifen wabert durch Deutschland eine seltsame Melange aus staatstragenden Bekenntnissen, verknirschten Relativierungs-, Rechtfertigungs- und Einordnungsversuchen sowie lautem Schweigen - insbesondere im sogenannten Bildungsbürgertum, bis hin zu Künstlern und Intellektuellen. Von entgleisten Pop-Philosophen wie Precht mal ganz abgesehen.

Dieses Schweigen kommt nicht von ungefähr. Die jüdische Diaspora in Deutschland, insbesondere in dessen östlichen Bundesländern, war bislang etwas Exotisches, wie der Landesbeauftragte für jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern es offen benennt.

Vielen Menschen fehle das Basiswissen über die Grundsätze der verschiedenen Religionen, beklagt etwa Dr. Ulf Heinsohn, wissenschaftlicher Leiter des Rostocker Max-Samuel-Hauses. „Du Jude“ ist auf Schulhöfen eine gängige Beleidigung und wenn es um Israel geht, wird es schnell ganz eng: Antisemitismus ist an Schulen ein großes Problem. Und das auch in Lehrerzimmern. Wenn etwa die Schweriner Landesregierung nun sehr zügig ein ganzes Paket an didaktischen Unterrichtsmaterialien zum Nahost-Konflikt zur Verfügung stellte, um im Unterricht mit dem Informationsbedarf der Schüler umgehen zu können, war das zwar einerseits eine beherzte Aktion.

Andererseits löst das weder das Wissensdefizit noch den alle Gesellschaftsschichten durchdringenden Antisemitismus. Woher sollte diese Kenntnis auch kommen - wenn über Jahrzehnte hinweg eher pauschale Sympathie mit „den“ Palästinensern und Ressentiments gegen die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik gepflegt wurde.

Ganz hart formuliert: Wir müssen aufhören, die jüdischen Gemeinden, die sich (zumindest in Mecklenburg-Vorpommern) überwiegend aus postsowjetischen Emigranten zusammensetzen, eher als Folklore-Gemeinschaften anlässlich jüdischer Feiertage wahrzunehmen. Vielmehr als Keimzellen eines selbstverständlichen jüdischen Lebens im Land. Und als Quelle eines friedlichen Religionsverständnisses. Davon ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft aber wohl noch ein weites Stück entfernt. Immerhin finden an zahlreichen Schulen Schüler inzwischen Formen und Wege, jüdische Wurzeln zum Vorschein zu bringen und jüdischen Alltag erlebbar zu machen. Das macht Hoffnung, dass sich jetzt etwas ändern kann.

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