Jerusalem  Probst von Jerusalem: „Als Pfarrer fühle ich mich hilflos“

Benjamin Lassiwe
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Von Benjamin Lassiwe
| 29.10.2023 12:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Foto: Benjamin Lassiwe
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In Deutschland kennt man ihn noch als ehemaligen Kirchentagspfarrer und früheren Direktor der Berliner Stadtmission. Seit 2020 allerdings ist der Theologe Joachim Lenz evangelischer Propst in Jerusalem und vertritt die deutschen Protestanten im Heiligen Land. Zum Reformationstag hat Benjamin Lassiwe mit ihm über die aktuelle Situation gesprochen.

Propst Lenz, wie fühlt es sich an, gerade in Jerusalem zu sein?

Es ist hier unnatürlich still. In 80 Kilometer Entfernung zum Gazastreifen zu sein, bedeutet, dass hier von dem Krieg nur indirekt etwas zu spüren ist. Es gab ein paar Male Luftalarm. Es ist aber gar nicht zu vergleichen mit dem, was zum Beispiel in Tel Aviv oder in anderen Städten näher am Gazastreifen passiert. Hier ist es ruhig: Die Menschen trauen sich anscheinend nicht aus ihren Wohnungen. Es gibt eine große Polizeipräsenz, auch einzelne Ausschreitungen in Ostjerusalem.

Wie geht es den Mitgliedern Ihrer Gemeinde?

Viele Deutsche haben das Land verlassen und sind nach Deutschland zurückgeflogen. Hiergeblieben sind Deutsche, die mit einem Israeli oder einem Palästinenser verheiratet sind. Sie erleben, wie Söhne oder Enkelinnen jetzt zum Militär eingezogen werden, weil es zum Beispiel doppelte, deutsch-israelische Staatsbürgerschaften gibt. Als Kirche bieten wir Friedensgebete an. Wir versuchen, Kontakt zu halten zu den anderen Christen hier in Jerusalem. Wir besuchen uns gegenseitig, beten gemeinsam um Frieden und versuchen, die Hoffnung hochzuhalten. Denn das ist das, was wir als Christen tun können, auch wenn es hier politisch gerade ganz, ganz düster aussieht und die Menschen sterben. Es ist Krieg.

Was sagt die EKD, was sagen Sie als Propst zu dem Konflikt?

Ich halte die Angriffe der Hamas für Terror und meine auch, dass Israel sich verteidigen darf. Ich wünsche mir aber ein möglichst schnelles Ende des Krieges und ich kann sehr ehrlich sagen, dass wir in unserer Gemeinde um die Toten auf beiden Seiten trauern und weinen. Jesus ist als Friedensfürst in unsere Welt, in dieses Land gekommen. Wir beten täglich um Frieden für die Menschen hier.

Viele Christen im Heiligen Land sind Palästinenser. Wie nehmen Sie diese Menschen derzeit wahr?

Was wir von den palästinensischen Geschwistern mitbekommen, ist, dass sie fassungslos sind, wie viele Menschen jetzt im Gazastreifen sterben. Bei vielen Israelis erleben wir hingegen Fassungslosigkeit ob der Terrorangriffe der Hamas. Gespräche zwischen beiden Seiten gibt es nicht. Als Kirche stehen wir da irgendwie dazwischen, hören beide Seiten an und verstehen sie irgendwie auch. Aber als Pfarrer fühle ich mich gerade hilflos.

Die Kirchen hatten in Israel und in der Westbank verschiedene Projekte, bei denen Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenkamen. Gibt es diese Kontakte noch?

Zur Zeit ist ein Gespräch sogar zwischen den Menschen, die viele Jahre lang gemeinsam und vertrauensvoll zusammengearbeitet haben, nur noch schwer möglich. Selbst da ist zurzeit eine große Sprachlosigkeit. Auf der einen Seite haben wir die Israelis, die fassungslos sind, was für ein Massaker angerichtet wurde, auf der anderen Seite erleben wir palästinensische Menschen, die das offenbar gar nicht wahrhaben können, die das Wort Terror in Verbindung mit der Hamas gar nicht in den Mund nehmen können. Da ist kaum zu sehen, wie die auch in Zukunft miteinander reden sollten. Ich fürchte, da ist ganz viel von dem zerschlagen, was über Jahrzehnte gemeinsam aufgebaut wurde. Wir werden nicht mehr dahin zurück können, wo wir vorher waren.

Wie deutlich verurteilen die anderen Kirchen in Jerusalem den Terror der Hamas?

Meinem Eindruck nach haben viele in den Kirchen, bis hin zu den Kirchenoberhäuptern, die Sorge, dass sie ihre eigenen Gemeinden und ihre eigenen Leute in Gefahr bringen, wenn sie die Hamas als Terrororganisation bezeichnen und das, was da passiert ist, öffentlich verdammen. Es gibt aber Ausnahmen: Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pizzaballa, ist sehr deutlich geworden: Er hat in aller Klarheit die Terrorattacken der Hamas verdammt. Und er beklagt auf der anderen Seite das Sterben der Unschuldigen im Gazastreifen. So etwas ist hier extrem schwierig: Beide Seiten beanspruchen ihr Narrativ und ihre Deutungshoheit und wollen die andere kaum zulassen.

Warum bleiben Sie noch in Jerusalem?

Als die Terrorattacken waren und der Krieg losging, war ich gerade in Deutschland. Ich bin dann wieder nach Jerusalem geflogen. Ich glaube, dass wir als evangelische Kirche allen, die hier sind oder hier bleiben müssen, gerade in dieser Situation eine Anlaufstelle bieten müssen. Wir sind als Deutsche ja schon dadurch privilegiert, dass wir im Notfall immer noch irgendwie zurück nach Deutschland können. Die anderen, unsere Nachbarn, unsere Partner, die werden hier bleiben müssen. An ihrer Seite zu stehen, ist aus meiner Sicht ein wichtiges Signal. Ich bin deswegen als einziger Deutscher in der Altstadt von Jerusalem.

Wie sieht der Reformationstag dieses Jahr in Jerusalem aus?

Die evangelische Erlöserkirche hier in Jerusalem hat am Reformationstag ihren 125. Geburtstag. Das wollten wir ganz fröhlich feiern. Wir Deutschen haben hier im Heiligen Land eine gute Geschichte: Wir haben Schulen gebaut, vielen Menschen geholfen und sind mit vielen Menschen in gutem Gespräch. Doch das zu feiern, geht nun nicht. Wir können nicht feiern, während 80 Kilometer weiter Menschen sterben. Wir werden aber gemeinsam einen Gottesdienst feiern und wir werden sehr intensiv für Frieden beten. Wir beten für Christen, Juden und Muslime, für Palästinenser und für Israelis und für alle anderen Menschen im Heiligen Land. Und das ist am Ende ja auch das, wofür unsere Kirche einst gebaut wurde.

Wir danken für das Gespräch.

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