Osnabrück Alissa Smyrna: „Jeden Tag sterben Ukrainer, jeden Tag werden wir weniger“
Der neue Nahost-Krieg hat den Ukraine-Krieg aus den Schlagzeilen verdrängt. Im Livetalk haben unsere Experten erklärt, wie es um die Ukraine steht, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist und wann der Krieg enden könnte. Wir haben die wichtigsten Fragen zusammengefasst.
„Gerät die Ukraine im Schatten des Nahost-Krieges unter Druck?“, lautete das Thema unseres Expertentalks am vergangenen Donnerstag. Das Land geht in den zweiten Kriegswinter. Die Lage ist äußerst angespannt – auch an der Front. Klaus Hoffmann, Oberstaatsanwalt in Freiburg, Fryderyk Zoll, Professor für Europäisches und Polnisches Recht, Nico Lange, Militärexperte, und Alissa Smyrna, Mutter einer Tochter aus der Westukraine, haben gemeinsam mit Moderator Michael Clasen die Lage im Ukraine-Krieg besprochen.
Die Situation zu Beginn des Krieges beschreibt Zoll als sehr positiv. „Es gab am Anfang eine Bewegung, da haben sich Menschen sehr stark finanziell engagiert“, sagt der Professor. Mittlerweile sei die Stimmung anders. „Am Anfang haben wir praktisch nicht geschlafen und alles im Fernsehen verfolgt. Aber so kann man nicht lange leben. Mittlerweile sind wir zu einer gewissen Normalität zurückgekehrt“, so Zoll. Dennoch seien nach wie vor Hilfsgüter auf dem Weg in die Ukraine und auch die Bereitschaft zur Unterstützung sei nicht weniger geworden.
Politisch erhält die Ukraine laut Lange auch weiterhin die volle Solidarität der USA und Europa. Dennoch gebe es in Amerika natürlich die Frage, wieso Steuerzahler in den USA mehr für die Sicherheit von Deutschland und Europa bezahlen sollen, als es Steuerzahler hier tun. „Diese Frage ist natürlich legitim und wird auch nicht erst seit gestern gestellt“, sagt Lange. „Ich denke, wir kommen jetzt in eine Phase, wo es bei der Unterstützung der Ukraine sehr stark auf die Europäer ankommen wird.“
Unser Expertentalk zum Nachschauen:
Für Alissa Smyrna ist die Lage in der Ukraine nicht einfach. Sie ist Mutter einer Tochter, ihr Mann kämpft an der Front, verrät ihr allerdings nicht, wo genau er stationiert ist. Momentan gebe es bei ihr zu Hause zweimal pro Woche ein Begräbnis, zu dem immer weniger Leute kommen. „Die Ukrainer lassen sich immer weniger Zeit zum Trauern. Nach Beerdigungen geht jeder nach Hause und lebt sein Leben weiter, weil in zwei oder drei Tagen die nächste ansteht“, erzählt Smyrna.
In der Westukraine sei fast jeder Zweite betroffen, „weil unsere Liebsten an der Front sind, Ehemänner, Söhne und sogar Frauen“. Die Friedhöfe seien größer geworden und die Menschen haben gelernt, mit dem Schrecken zu leben. „Jeden Tag sterben Ukrainer, jeden Tag werden wir weniger“, sagt sie.
Für Hoffmann, der einer internationalen Expertengruppe in Kiew bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern hilft, gehören die Kriegsverbrechen zum Alltag. Butscha sei nur eines der wenigen herausragenden Ereignissen gewesen. „Es zeigt sich leider eine sehr starke Systematik der Russen in allen Gebieten und das prägt sich natürlich bei den Menschen ein“, so Hoffmann. Die Verbrechen würden dazu beitragen, dass die Ukraine so eng zusammensteht.
Wie viele Kriegsverbrechen in der Ukraine begangen wurden, lässt sich laut Hoffmann nur schwer beziffern. Offizielle Statistiken gehen derzeit von rund 110.000 Fällen aus. Dies umfasse beispielsweise Folter oder die Erschießungen von Zivilisten. „Im Frühjahr wurden immer wieder Fälle dokumentiert, wo Zivilisten über Wochen unter unwürdigen Umständen in ihren eigenen Kellern eingesperrt wurden“, erzählt Hoffmann.
„Es ist auf jeden Fall nicht so, wie das bei uns immer noch viele denken, dass Putin nur richtig loslegen muss und dann hat niemand mehr eine Chance“, sagt Lange. Russland habe bereits 50 Prozent der eroberten Gebiete wieder verloren. Trotz großer Bemühungen zum Beispiel in Avdiivka, einer Kleinstadt 15 Kilometer vor Donezk, erreicht die russische Armee keine Erfolge, stattdessen gebe es dort hohe Verluste. „Gleichzeitig hat Russland Mühe, die ukrainische Gegenoffensive zurückzuhalten“, so Lange. Die angeblich unendliche militärische Stärke Russlands kann Lange in diesem Krieg nicht beobachten.
Haben denn beide Seiten überhaupt genug Ressourcen, um den Krieg so lange weiterzuführen? Beim Personal hätten beide Seiten aktuell dieselben Probleme. Hier wie dort kämpfen einige Hunderttausend Soldaten. „Beide Seiten werden mobil machen müssen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung in der Ukraine und auch Putin hat große Probleme bei der Mobilmachung in Russland“, sagt Lange.
Ein größeres Problem ist laut Lange dagegen die Versorgung der Ukraine mit Artilleriemunition: „Es ist peinlich, wenn die führenden Industrienationen Europas nicht in der Lage sind, mehr Artilleriemunition zu produzieren als ein von Sanktionen belegtes Russland. Da mangelt es aus meiner Sicht noch immer an dem Willen, das Notwendige zu tun.
„Wir arbeiten genauso hart für die Front wie am Anfang“, sagt Smyrna. Jeder sammele oder spende für die Soldaten an der Front. Smyrna kümmert sich außerdem um ältere Menschen in der Ukraine, die keine Familie mehr vor Ort haben. „Viele Junge sind im Ausland und die Älteren werden zurückgelassen und vergessen. Diese Menschen haben es nicht leicht“, erzählt sie.
Die Hoffnung, dass der Krieg schnell zu Ende geht, habe niemand in der Ukraine. Alle seien realistisch, aber tun trotzdem alles, um ihrer Heimat zu helfen.
Laut Zoll sei diese Frage momentan schwierig zu beantworten: „Es gibt keine klare Theorie, zu welchem Zeitpunkt der Krieg als beendet gelten kann.“ Ohne stärkere Hilfe könne der Krieg noch lange toben und sich zu einer Art Dauerzustand entwickeln. Damit die Ukraine den Krieg gewinnen kann, müsse der Westen sich noch viel stärker engagieren. „Dieses Land kämpft für die Demokratie und die Freiheit. Wenn die Ukraine den Krieg verliert, verlieren wir alle viel mehr, als wir uns vorstellen können“, sagt Zoll.
Das Wichtigste aus militärischer Sicht ist für Lange vor allem die Erkenntnis, dass Russland schlagbar ist. Es sei militärisch möglich, die ukrainischen Grenzen von 1991 wiederherzustellen und auch Russland könne danach trotzdem weiter existieren, ohne andere Länder zu überfallen. „Alle wollen im Grund genommen ja nur von Russland in Ruhe gelassen werden“, sagt Lange. Der Westen müsse so schnell wie möglich dafür sorgen, dass die Ukraine gewinnen kann. Er selbst ist optimistisch, dass die Ukraine 2024 sehr wichtige Dinge für sich entscheiden wird.