Istanbul  Katar im Nahostkrieg: Terroristen-Freund oder wichtiger Vermittler?

Thomas Seibert
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Von Thomas Seibert
| 27.10.2023 11:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, hofft auf einen baldigen Durchbruch in der Geisel-Frage. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, hofft auf einen baldigen Durchbruch in der Geisel-Frage. Foto: dpa/Kay Nietfeld
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Eine friedliche Lösung im Nahostkrieg gestaltet sich schwierig. Katar könnte zwischen Israel und der Hamas vermitteln – obwohl sie ein treuer Unterstützer der Terrorgruppe sind. Welche Rolle nimmt der Golfstaat zwischen den Fronten ein?

„Das Leben ist voller Widersprüche und Merkwürdigkeiten“, sagte der frühere israelische Geheimdienstler Yossi Kuperwasser einmal über die Haltung Israels zur Zusammenarbeit zwischen dem reichen Golf-Emirat Katar und der israel-feindlichen Palästinensergruppe Hamas. Katar hat die Hamas-Regierung in Gaza in den vergangenen Jahren mit Millionenzahlungen unterstützt – und zwar mit Wissen und Zustimmung Israels. Exil-Funktionäre von Hamas wohnen in Katar und unterhalten dort ihr Politisches Büro zur Führung der Organisation. Seit Ausbruch des neuen Gaza-Krieges wird deshalb Kritik an Katar laut. Doch die Rolle von Katar ist vielschichtiger, als westliche Politiker sie darstellen.

Das EU-Parlament verlangte vorige Woche, die Rolle von Katar, Russland und des Iran „bei der Finanzierung und Unterstützung des Terrorismus“ müsse untersucht werden. Beim kürzlichen Besuch von Emir Tamim bin Hamad al-Thani in Berlin titelte die „Bild“-Zeitung, der „Top-Sponsor des Terrors“ komme nach Deutschland. Die israel-nahe Denkfabrik FDD in Washington kritisierte internationale Bemühungen, mit Hilfe der Türkei und Katars eine Feuerpause in Gaza zu erreichen: Beide Länder seien Finanziers der Hamas.

Katar unterstützt seit langem die Muslim-Bruderschaft, eine internationale Bewegung des politischen Islam, zu der die Hamas gehört. Dabei geht es Katar zwar auch um die ideologische Nähe, vor allem aber darum, als kleines Land im Konzert der Regionalmächte im Nahen Osten mitspielen zu können. Andere arabische Staaten machen um die Hamas einen großen Boden. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten versuchten 2017, Katar mit einer Grenzblockade dazu zu zwingen, die Zusammenarbeit mit der Muslim-Bruderschaft aufzugeben, doch Katar weigerte sich. Die Blockade wurde 2021 aufgehoben.

Auch bei den westlichen Verbündeten Katars ist die enge Zusammenarbeit mit der Hamas umstritten. Laut der „Washington Post“ haben die USA und Katar vereinbart, über das Thema zu reden – aber erst, wenn die Gaza-Geiseln frei sind: Bis dahin werden die Kontakte der Kataris noch gebraucht.

Das Emirat werde auch in Zukunft mit der Hamas zusammenarbeiten, sagt Joe Macaron, Nahost-Experte bei der US-Denkfabrik Wilson Center. Allerdings gebe es einerseits die von Katar und Türkei unterstützte politische Führung der Palästinensergruppe und andererseits deren militärischer Arm, der dem Iran näher stehe, sagte Macaron unserer Zeitung.

Für die Hamas ist Katar eine wichtige Stütze. Der katarische Sender Al-Dschasira sei medial für die Hamas besonders bedeutend, sagt Macaron. Hamas-Chef Ismail Haniyeh, der Gaza vor vier Jahren verließ, lebt die meiste Zeit in Doha – in Saus und Braus, wie Kritiker sagen. Vor zwei Jahren soll er mit seiner Entourage eine Million Dollar für einen Aufenthalt in einem Luxushotel bezahlt haben; katarische Medien bezeichneten die Berichte als Propaganda von Gegnern Katars in der Region.

Geld für Waffen erhält die Hamas vor allem vom Iran, doch in anderen Bereichen kann Haniyehs Organisation seit Jahren auf die Finanzhilfe von Katar zählen. Bis 2021 schickte das Emirat Millionenbeträge in bar nach Gaza, um dort Beamtengehälter der Hamas-Regierung zu bezahlen, Treibstoff für Stromgeneratoren zu kaufen und armen Familien zu helfen. Manchmal fuhren katarische Gesandte mit Koffern voller Geld von Israel aus nach Gaza. Israel war einverstanden, weil es den Konflikt zwischen der Hamas in Gaza und der Palästinenser-Regierung im Westjordanland zu seinen Gunsten anheizen wollte. Mit dem Geld sollten die Lebensbedingungen der Zivilisten in Gaza verbessert werden, sagte Ex-Geheimdienstler Kuperwasser damals dem US-Sender NPR.

Von 2012 bis 2021 flossen nach Medienberichten rund 1,5 Milliarden Dollar aus Katar nach Gaza. Vor zwei Jahren einigten sich Israel und Katar auf ein Ende der Bargeld-Transporte. Heute wird die Finanzhilfe aus Katar über die UNO verteilt.

Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober haben katarische Diplomaten bei der Freilassung von vier Geiseln aus Gaza mitgewirkt. Ministerpräsident Mohammed bin Abdulrahman al-Thani sagte, es gebe weitere Fortschritte bei dem Thema, so dass hoffentlich bald ein „Durchbruch“ in der Geisel-Frage erreicht werden könne. Der israelische Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi kommentierte, die diplomatischen Bemühungen von Katar seien „entscheidend“.

Die USA und Israel halten sich deshalb mit Kritik an Katar zurück. Washington nannte das Emirat einen „langjährigen Partner“, der bei der Geisel-Freilassung helfe, und schickte Außenminister Antony Blinken nach Doha. Der israelische Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi kommentierte, die diplomatischen Bemühungen von Katar seien „entscheidend“.

Nahost-Experte Macaron erwartet, dass die Bedeutung Katars im Gaza-Konflikt weiter wachsen wird, sobald eine Waffenruhe erreicht werden kann. Derzeit überwiege der Einfluss des Iran auf die Hamas-Kämpfer, sagt Macaron. Doch wenn die Waffen schweigen, werden nach seiner Meinung die Stärken Katars in den Mittelpunkt rücken: seine finanzielle Stärke und seine Beziehungen zur politischen Führung der Hamas.

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