Neue Wege für Betriebe Landwirt will raus aus dem Hamsterrad
Daniel Kleemann aus Friedeburg hat einen langen Weg hinter sich. Er sagt dem Leistungsdruck der Branche den Kampf an und erfindet sich als Landwirt neu. Jetzt will er Landwirte ins Gespräch bringen.
Friedeburg/Aurich - Die Hängematte im Garten ist so etwas wie ein Symbol im Leben der Familie Kleemann. „Ich wollte schon seit vielen Jahren eine haben“, sagt Carina Kleemann. Dass die Hängematte gerade in diesem Jahr im Garten der Familie aufgehängt wurde, ist kein Zufall. Auch der Folientunnel für selbst gezogenes Obst und Gemüse – ein ebenfalls lange geplantes Projekt – steht jetzt dort und brachte schon die ersten Erträge. Beides Dinge, für die den beiden Landwirten aus Wiesedermeer in der Gemeinde Friedeburg bisher die Zeit fehlte. Eingezogen ist mit Folientunnel und Hängematte bei den Kleemanns auch eine neue Sichtweise auf die Landwirtschaft.
Was und warum
Darum geht es: Daniel Kleeman fühlte sich als Landwirt wie ein Getriebener. Dann zieht er die Notbremse und stellte seinen Betrieb um. Jetzt erzählt er, wie für ihn aus weniger mehr wurde.
Vor allem interessant für: Landwirte und alle, die mehr über die Situation der Landwirte erfahren möchten
Deshalb berichten wir: Am 3. und 4. November findet ein Seminar auf dem Hof der Kleemanns in Wiesedermeer in der Gemeinde Friedeburg statt. Es geht um Selbstbestimmung und wie die Tiere Daniel Kleemann halfen, der Landwirt zu werden, der er immer sein wollte.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Der Wendepunkt kam für Daniel Kleemann bei einem Seminar. Darin ging es um Tierpsychologie und den Umgang mit der Herde. „Mir wurde klar, dass ich nur noch von den Anforderungen von außen getrieben war und den Kontakt zu meinen Tieren und auch zu mir selbst verloren hatte“, sagt der Milchviehhalter und Züchter. Ein Hamsterrad. Im April dieses Jahres zog er die Notbremse. Warum war er Landwirt geworden? Was für ein Landwirt wollte er sein? Wollte er überhaupt noch Landwirt sein? Das waren Fragen, die er sich stellte.
Immer das Wachstum im Blick
Bis dahin ging es Daniel Kleemann wie vielen Landwirten. Kaum war 2009 der neue Boxenlaufstall für die 70 Milchkühe des Familienbetriebs gebaut, spukte schon die nächste Investition in seinem Kopf herum. Wie soll es mit der Fütterung weitergehen? Ein neuer Mischwagen wäre fällig. Wieder eine große Investition für einen kleinen Milchvieh- und Zuchtbetrieb. Jahrelang war der Gedanke da – wachse oder weiche. „Man lernt es schon in der Schule, dass man immer die nächsten Wachstumsschritte im Blick haben muss“, sagt der Landwirt. Aber was war daran so schlecht, einfach einen Stand zu halten?
„Ich kenne es aus der Familie, dass sich im Leben alles um die Landwirtschaft dreht“, sagt Kleemann. Hobbys hatte er nicht. Durch die zunehmende Bürokratie, die immer strengeren Vorschriften und den Zwang, sich ständig zu steigern, sei immer mehr Arbeitsbelastung dazugekommen. „Wenn ich höre, dass in anderen Branchen von einer Vier-Tage-Woche gesprochen wird ...“, sagt Kleemann, lässt den Satz unvollendet und schüttelt den Kopf. Als Landwirt sei man schließlich 24 Stunden am Tag für seinen Betrieb verantwortlich, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Also immer.
Irgendwann ist die Grenze erreicht
Dann ist da noch der Wolf in der Nachbarschaft, der immer wieder von den Wildtierkameras seines Schwiegervaters eingefangen wird. Aus Sorge bringt er die Tiere deshalb nachts in den Stall. Dann kam die Kälberverordnung, nach der der tierische Nachwuchs länger auf dem Hof bleibt, bis er zum Mastbetrieb transportiert werden darf. Das ist teuer und der Landwirt muss die Ställe für die dann schon kapitalen Kälber vorhalten. Wenn Grünland für Gras zu trocken wird und zu Acker umgewandelt werden soll, muss das genehmigt werden. Das dauert. „Ein Landwirt kann nicht mehr selbst bestimmten, wie er seinen Betrieb führt“, sagt Carina Kleemann. Hürden gibt es viele. Auch sie sind eine Belastung.
Mit wachsenden Anforderungen wächst auch die Arbeitszeit. „Meine Arbeitstage begannen morgens immer ein wenig früher und gingen abends immer ein wenig länger“, sagt Kleemann. Ein schleichender Prozess. Irgendwann sei er an den Punkt gekommen, da habe er einfach nicht mehr gewusst, ob er noch auf dem richtigen Weg war. „Die Schnauze voll haben“, nennt er es später in einer WhatsApp-Nachricht. Andere Zeitungen hatten es einen Burnout genannt. Er selbst denkt, dass es einfach eine natürliche Grenze gibt, bis zu der sich Menschen belasten können. Die war bei ihm erreicht.
Was für ein Landwirt will ich sein?
Er legte seinen Beruf in die Waagschale. Einen Tag in der Woche arbeitete er in einem Landschaftspflegebetrieb. Er wollte wissen, ob es andere berufliche Wege für ihn gibt. „Aber letztendlich bringt jeder Beruf seine Herausforderungen mit sich“, sagt Kleemann. Immerhin ist er sich jetzt sicher, dass er in der Landwirtschaft richtig ist. Er begann, Dinge so zu verändern, dass sich seine Arbeit für ihn wieder gut anfühlt. Statt eines neuen Mischwagens für das Futter hat der Betrieb eine Silokatze zum Schneiden und Füttern von Grassilage angeschafft. „Das ist Landwirtschaft wie vor 20 Jahren“, sagt Kleemann und schmunzelt. Für seinen Betrieb war es die richtige Entscheidung, auch wenn sich mit einer modernen Mischanlage die Milchleistung seiner Kühe noch steigern ließe.
Stattdessen hat er reduziert. 45 Milchkühe hat der Betrieb heute noch – das ist wenig. Die durchschnittliche Menge liegt laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland aktuell bei 75 Tieren, Tendenz steigend. Im Jahr 2010 wären die Kleemanns noch im Schnitt gewesen. Wenn Daniel Kleemann jetzt durch den Stall geht, hat das Handy Pause. Dann ist er ganz bei den Tieren. „Die merken es, wenn man genervt oder abgelenkt ist“, sagt Kleemann. In dem Seminar, das für ihn den Wendepunkt brachte, hat er auch gelernt, dass in einer Herde jedes Tier seinen Platz hat. Mit der neuen Sichtweise auf seine Tiere kam eine neue Sicht auf sich selbst – und das Bild von dem Landwirt, der er gerne sein wollte. Seine Erfahrungen möchte er jetzt teilen. „Wir müssen offen darüber reden, was mit uns passiert“, sagt Kleemann.
Menschen ins Gespräch bringen
Deshalb gibt es am Freitag und Sonnabend, 3. und 4. November, ein Seminar auf seinem Hof. Dabei sein wird auch Meike Böhm, die Verhaltensforscherin und Tierkommunikatorin, deren Seminar ihm die Augen öffnete. Es geht darum, als Landwirt wieder ein selbst bestimmtes Leben zu führen, auch darum, das Potenzial seiner Herde richtig zu nutzen. Das Seminar soll der Anfang sein, aber Kleemann möchte noch viel mehr. „Es ist wichtig, dass Menschen verstehen, in welcher Lage die Landwirte sind und unter welchen Bedingungen wir arbeiten“, sagt er. Er wünscht sich mehr Austausch mit Politik und Umweltschützern, Verständnis füreinander. „Wir sprechen fast nur übereinander und immer seltener miteinander.“ Das würde er gerne ändern.
Schließlich wünscht sich Daniel Kleemann mehr Zeit in der Hängematte. Manchmal schafft er es schon. Selten zusammen mit seiner Frau. „Das ist ein Prozess“, sagt Kleemann. „Sich dafür Zeit zu nehmen, muss man erst lernen. Über seine Probleme zu reden, auch.“ Maren Ziegler vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland (LHV) hat ebenfalls festgestellt, dass immer mehr Landwirte bereit sind, offen über ihre Situation zu sprechen. Gesprächskreise oder ähnliche Plattformen für Landwirte gebe es aber bisher nicht. Wohl aber landwirtschaftliche Sorgentelefone für Notfälle unter https://www.sorgentelefon-landwirtschaft.de oder die Kampagne „Mit uns im Gleichgewicht“ von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). „Es ist gut, zu reden und im Gespräch neue Denkanstöße zubekommen“, sagt Ziegler. „Die Belastung, mit der Landwirte es zu tun haben, darf kein Tabuthema sein.“
Anmeldeschluss für das Seminar in Wiesedermeer ist der 27. Oktober. Kontakt per Mail an kleemann.daniel1@gmx.de oder Mobil unter 01522/8865069. Auf Instagram ist Daniel Kleemann unter #_daniel_kleemann_ zu finden.
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