Hamburg  Sonne für Strom und Wärme nutzen: Kommt jetzt die Revolution fürs Eigenheim?

Daniel Batel
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Von Daniel Batel
| 24.10.2023 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf den Dächern der Republik könnte sich eine kleine Revolution andeuten. Foto: imago-images/Herrmann Agenturfotografie
Auf den Dächern der Republik könnte sich eine kleine Revolution andeuten. Foto: imago-images/Herrmann Agenturfotografie
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Bislang mussten sich Hausbesitzer bei ihrer Solaranlage auf dem Dach entscheiden: Soll sie Strom oder Wärme produzieren? Seit Kurzem ist das kein Widerspruch mehr. Das Zauberwort für die neuen Anlagen lautet PVT.

Die Energiewende ist komplex. Für ihr Gelingen muss die Industrie ebenso zum Wandel bereit sein wie jeder einzelne Bürger. Etliche Hausbesitzer und Mieter haben schon in alternative Energieträger investiert, ob in kleine Balkonkraftwerke oder in Solarmodule auf dem Hausdach. Wer jedoch nur Strom von ihnen bezieht, lässt rund 80 Prozent der Energie als Abwärme ungenutzt. Die Solarindustrie hat dafür nun eine Lösung: Sie hört auf das Kürzel PVT.

Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands für Solarwirtschaft, erklärt die Funktionsweise von PVT-Modulen so: „Sie können es sich wie ein PV-Modul mit eingebautem Wärmetauscher vorstellen, der die entstehende Wärme einer Wärmepumpenheizung zuführt.“ Das Ganze System sollte demnach immer mit einer Sole-Wärmepumpe kombiniert werden, die im Verbund ihren Wirkungsgrad erheblich steigert.

Mit Luft-Wärmepumpen klappt das jedoch nicht, weil das System auf Wasser ausgelegt ist. Ein Wasser-Glykol-Gemisch führt die Abwärme durch ein Rohrsystem, das von den Modulen zur Heizungsanlage verlegt ist. Die Flüssigkeit also vom Dach zur Wärmepumpe dann wieder nach oben, wo sie sich erneut erwärmt.

Übers Jahr hinweg können PVT-Kollektoren laut BSW-Chef Körnig bis zu viermal mehr Gesamtenergie (also Wärme und Strom) als eine reine Photovoltaik-Anlage liefern. Gleichzeitig benötigen sie rund ein Viertel weniger Strom als eine herkömmliche Luft-Wasser-Wärmepumpe (ohne PV).

Und die Technik-Neuheit bietet weitere Vorteile: Da von den Solarpanelen Wärme abfließt, laufen diese im Hochsommer nicht heiß und produzieren so rund fünf Prozent mehr Strom. Im Winter kehrt sich das Prinzip um: Dann erwärmt Warmwasser die PVT-Anlage und kann Schnee auf den Modulen schmelzen, die dadurch wieder mehr Sonnenenergie aufnehmen können.

Durch die Kombination von Solarthermie und Solarstrom sind zudem hohe Autarkiegrade möglich. Der BSW schätzt, dass eine PVT-Anlage auf 70 Quadratmetern eines Hausdachs rechnerisch genug Solarstrom ernten kann, um den gesamten Stromverbrauch einer vierköpfigen Familie zu decken.

Aus Quern bei Flensburg kommen dagegen andere Töne. Der Energieberater Markus Hirtz kennt PVT-Systeme schon seit zehn Jahren aus der Forschung. „Aus rein ökologischer Sicht finde ich das super, es ist eine spannende Technologie“, sagt Hirtz und setzt zu einem großen Aber an: „Bei den aktuellen Energiepreisen würde ich kaum jemandem dazu raten.“

Zwar haben diese das Vorkrisen-Niveau noch nicht wieder erreicht, sind zurzeit aber wieder vergleichsweise günstig. „Das ist immer der Faktor X, wo keiner von uns weiß, wie sich die Preise künftig entwickeln werden.“ Würden die wieder so drastisch ansteigen wie 2022, „würde ich den Bleistift nochmal spitz machen und nachrechnen. Dann könnten PVT-Systeme tatsächlich auch für Hausbesitzer interessant werden.“

Der Knackpunkt seien die hohen Investitionskosten für PVT-Module. Sie kosten im Schnitt etwa das Doppelte von dem, was man für herkömmliche PV-Panele hinblättern muss – das sind meist zwischen 10.000 und 20.000 Euro. „Insofern ist die spannende Frage, ob sich das überhaupt je amortisiert“, meint Hirtz.

Das gelte vor allem für schlecht sanierte alte Häuser. „Bei Gebäuden mit einem hohen Energiestandard kann sich das lohnen, für alle anderen eher nicht“, bilanziert der Energieexperte. Auch deshalb lautet sein Appell an alle Hausbesitzer, die sich mit PV- und PVT-Anlagen befassen: „Lassen Sie sich unbedingt unabhängig beraten.“

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Eine finanzielle Entscheidungshilfe steht vom Bund aber schon mal zur Verfügung: PVT-Anlagen fallen unter die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und sind somit voll förderfähig. In Verbindung mit einer Sole-Wärmepumpe mit Erdbohrung würden vom Bund bis zu 40 Prozent der Kosten erstattet. Zudem hat die Ampel-Regierung gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme eine Kampagne gestartet, um die Bekanntheit der PVT-Technik zu steigern.

Die Einschätzungen von Energieberater Hirtz lassen Zweifel aufkommen, ob Hauseigentümer schon heute auf PVT setzen sollten. Doch Energiepreise und damit die Rahmenbedingungen können sich schnell ändern, wie nicht zuletzt der Beginn des Ukraine-Kriegs gezeigt hat. Deutsche Solarunternehmen investieren deshalb in die PVT-Fertigung: Etwa die Firma Sunmaxx, die kürzlich angekündigt hat, in Sachsen das weltgrößte PVT-Werk zu errichten.

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