Osnabrück Unbezahlbar! So hoch war die Rundfunkgebühr vor 100 Jahren
Vor 100 Jahren startete der erste offizielle Rundfunksender in Deutschland. Die Rundfunkgebühr war damals unbezahlbar. Ein „Funkerspuk“ sorgte für strikte Reglementierungen des Mediums. Unter den Nazis erwuchs das Radio dann zum ultimativen Propaganda-Medium. Eine Reise zurück.
Das Radio wurde schon oft totgesagt. Vor 42 Jahren wollte der TV-Musiksender MTV dem beliebten Massenmedium Hörfunk mit dem Buggles-Hit „Video Killed the Radio Star“ den verbalen Todesstoß versetzen. Aber es nützte nichts. Das Radio erfreut sich nach wie vor allergrößter Beliebtheit. Auch Internet und Smartphones können daran nichts ändern. Im Gegenteil. Jedes Smartphone ist auch ein Taschenradio. Dafür ist MTV so gut wie tot.
In Deutschland feiert das Radio am 29. Oktober seinen offiziellen 100. Geburtstag. Als Geburtsort gilt das Vox-Haus in Berlin nahe dem Potsdamer Platz. Dort nahm die Radio-Stunde, die bald darauf in Funk-Stunde AG Berlin umbenannt wurde, als erster offizieller Radiosender in Deutschland am 29. Oktober 1923 um 20 Uhr seinen Sendebetrieb auf. Friedrich Georg Knöpfke, bis 1932 geschäftsführender Direktor, ließ es sich nicht nehmen, die legendären ersten Worte höchstpersönlich live über den Äther zu schicken:
„Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Voxhaus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig“
Zu der Genehmigungspflicht gesellte sich auch noch eine Rundfunkgebühr, die im Hyperinflationsjahr 1923 für die meisten Deutschen schlichtweg unbezahlbar war. 60 Goldmark oder umgerechnet 780 Milliarden Papiermark musste berappen, wer zuhören wollte. Da war der Preis für ein Radiogerät noch gar nicht mitgerechnet.
Geboten werden sollte, wie angekündigt, zunächst vor allen Dingen Unterhaltung. Das bedeutete erst einmal Musik. Als erstes Stück stand „Andantino“ für Violoncello und Klavier des Komponisten Fritz Kreisler auf dem Programm. Live eingespielt vom Dachboden des Voxhauses von Otto Urack und Fritz Goldschmidt. Nur eine Stunde dauerte die erste Sendung als nahezu reines Musikprogramm. Aber schon bald folgten Formate, die man heute noch kennt. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala standen schon früh Sportreportagen und Hörspiele. Vor denen schon bald gewarnt wurde. Sie würden die armen Arbeiter nach Feierabend davon abhalten, sich entspannen zu können!
Politisches sollte im Radio der Weimarer Republik aber nicht stattfinden. Zu groß war die Angst vor Missbrauch des sich schnell ausbreitenden Massenmediums, für dessen Empfang nach Ende der Hyperinflation „nur“ noch 2 Mark bezahlt werden musste, was damals immer noch sehr viel war. Die Erinnerung an einen „Funkerspuk“ saß tief. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der zu einem gewaltigen Ausbau des Militärfunks geführt hat, gab es allein in Deutschland 185.000 qualifizierte Funker. Revolutionäre Kräfte und andere kriegsmüde Funktruppen nutzten ihr Wissen und Können und riefen mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. eine freie und frei erfundene sozialistische Republik aus. Als Folge dieses „Funkerspuks“ blühte dem Rundfunkwesen in Deutschland eine strikte Reglementierung.
Den radikalen Missbrauch erntete das Radio in Deutschland dann mit der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933. Joseph Goebbels erkannte schon früh die Wirkungsmacht des jungen Mediums. Ein für jedermann erschwinglicher „Volksempfänger“ eroberte die Wohnzimmer. Und schon bald gab es nicht mehr nur Musik und Sportreportagen, sondern vor allen Dingen Propaganda, Hass, Hetze und die erste Bücherverbrennung live im Radio.
Zahlreiche Mitarbeiter des ersten deutschen Radiosenders, unter ihnen Direktor Knöpfke sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Bredow, wurden von der Gestapo ins KZ Oranienburg verschleppt und in „Schutzhaft“ genommen, teilweise schwer misshandelt und zu falschen Geständnissen gezwungen. Knöpfke nahm sich kurz nach seiner Freilassung das Leben.
In der ARD-Mediathek und der ARD-Audiothek finden sich zahlreiche Sendungen und Podcasts zum Thema „100 Jahre Radio“, so unter anderen den TV-Beitrag „Radio aktiv – 100 Jahre Rundfunk“ sowie den 15-teiligen Podcast „Radio macht Geschichte“.