Osnabrück  Bravo, Sahra Wagenknecht!

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 23.10.2023 13:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat ein neues Bündnis gegründet Foto: dpa/Soeren Stache
Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat ein neues Bündnis gegründet Foto: dpa/Soeren Stache
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Das „Bündnis Sahra Wagenknecht” hat das Potenzial, die deutsche Parteienlandschaft aufzumischen. Die neue Partei könnte zum Sargnagel der Linken werden. Vor allem aber dürfte sie die AfD erschüttern.

Der Schritt war überfällig. Die Linken-Ikone Sahra Wagenknecht verlässt nach monatelangen Spekulationen ihre inzwischen ungeliebte Partei und gründet eine nach ihr benannte Bewegung – Bravo! Wagenknecht beweist Mut, neue Wege zu gehen. Wege, die die etablierten Parteien zittern lassen. Ein System von Volksparteien, die keine mehr sind, weil sie immer weniger Stimmen vom Volk erhalten. Während etwa die SPD in Bayern einstellig blieb, legen – ehemals – kleine Parteien wie AfD oder Freie Wähler immer weiter zu.

Das Parteiensystem wird jetzt noch bunter. Das ist ein Gewinn. Denn es könnte manch einen Nichtwähler dazu motivieren, wieder zur Wahl zu gehen. Verhältnisse wie in der Weimarer Republik muss angesichts der Fünf-Prozent-Hürde niemand fürchten. 

Wagenknechts Analyse der aktuellen politischen Lage trifft den Nerv vieler Menschen. Sie greift die Sorgen der kleinen Leute auf, die Angst um ihren Job oder vor zuviel Migration haben. Mit ihrer geschickten Mischung aus linker Sozialpolitik und härterer Flüchtlingspolitik spricht sie viele an.

Zudem hat die Person Wagenknecht zweifellos Talent. Sie hat eine hervorragende analytische Intelligenz, kann aber trotzdem klar und verständlich formulieren und nennt die Dinge beim Namen – genau das, was anderen Politikern bis hin zum Bundeskanzler schwer fällt. 

Damit füllt Wagenknecht eine Lücke. So funktioniert Demokratie. Wenn neue Themen aufkommen, auf die die Parteien keine zufriedenstellenden Antworten geben, gründen sich neue. Das war bei den Grünen so (Stichwort: Anti-Atomkraft), das war bei der AfD so (Stichwort: Euro-Krise).

Es ist müßig, Wagenknecht vorzuwerfen, die Linke zu zerstören, die als Fraktion ab Januar nicht mehr bestehen kann. Die Linke hat sich selbst zerstört und sich immer weiter von ihren ursprünglichen Zielen entfernt. 

Was die Wagenknecht-Partei schaffen könnte, ist außerdem, der AfD das Wasser abzugraben. Denn Wagenknecht ist migrationskritisch, ohne rechtsnational zu sein. Das ist attraktiv für den Wutwähler, der bislang aus Frust AfD gewählt hat, ohne hinter rechtsaußen Positionen zu stehen. Nochmal bravo!

Ob Wagenknecht erfolgreich sein wird? Erfolgreicher als mit ihrer Sammlungsbewegung „Aufstehen”, mit der sie 2018 Wähler für die politische Linke zurückgewinnen wollte, die aber verpuffte? Diesmal spricht einiges dafür. Denn die langjährige Linken-Abgeordnete hat den Schritt monatelang vorbereitet. Eine Herausforderung wird noch sein, die Partei wirklich bundesweit zu organisieren und solides Personal zu gewinnen, denn neue Parteien ziehen immer auch Wirrköpfe und notorisch Unzufriedene an.

Bei den Wählern gibt es dabei durchaus Potenzial. Laut einer aktuellen Insa-Umfrage können sich 27 Prozent der Deutschen vorstellen, die Wagenknecht-Partei zu wählen, von den Ostdeutschen jeder Dritte. Wenn im nächsten Jahr in Sachsen, in ihrer Thüringer Heimat und in Brandenburg gleich drei Landtagswahlen im Osten anstehen, könnte Wagenknechts neue Bewegung dort erfolgreich durchstarten. Es wäre ein Anfang, mehr aber auch nicht. Alles Weitere muss Wagenknecht dann erst mal beweisen.

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