Berlin Wie ein Berliner Gangmitglied zum Militärsprecher Israels wurde
Arye Sharuz Shalicar berichtet den Deutschen als israelischer Armeesprecher vom Krieg. Früher war er in der Hip-Hop-Szene und in einer Graffiti-Gang aktiv. Wie kommt jemand, der in der Gangszene im Berliner Wedding aufgewachsen ist, zu diesem Job?
Arye Sharuz Shalicar ist in den Krieg gezogen, statt seine Reise zur Frankfurter Buchmesse zu planen. Der Autor und Reserve-Offizier folgte dem Ruf der israelischen Streitkräfte, nachdem Hamas-Kämpfer am 7. Oktober die Grenze seiner Heimat überrannt hatten. Als Sprecher erklärt er nun auch den Deutschen täglich den Stand der Dinge.
Der Mann, der in Berlin-Wedding aufwuchs, steht am Mittwoch auf einem Pressetermin im zerstörten Kibbuz Be’eri, wenige Kilometer vor dem durchbrochenen Zaun zum Gazastreifen. „Alles um uns herum ist kaputt“, sagt er.
Vor laufender Kamera weist er auf gerahmte Familienbilder, die verloren im Schutt zerstörter Häuser liegen. Es sind Spuren eines Massakers an 112 Menschen. Spuren, die sich noch ohne Vorwarnung im Fernsehen zeigen lassen.
Zerstörte Familien, Verschleppung und Mord – immer wieder muss der 46-Jährige über solche Geschehnisse berichten, ruhig und gefasst. Was macht das mit einem? Verändern die Gräuel die Wahrnehmung eines Vaters zweier Kinder?
Noch am 4. Oktober hatte Shalicar von der Aussicht auf Frieden berichtet. „Bald ist es soweit – Frieden zwischen Israel und Saudi-Arabien – ist nur eine Frage der Zeit“, schrieb er in einem Tweet. „Danach wird es dann hoffentlich auch mit den Palästinensern klappen.“
Im Angesicht finsterster menschlicher Abgründe trennt sich Arye Shalicar nicht von dieser positiven Sicht, wie er am Telefon erklärt: Licht im Verhältnis Israels zur arabischen Welt sieht er in arabischen und islamischen Ländern wie Bahrain, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch in Saudi-Arabien sieht er Signale der Annäherung. Schnell kommt die Sprache auf Berlin, seine alte Heimat. Die starke Solidarisierung mit Israel in der deutschen Hauptstadt hat ihn beeindruckt.
Gehört hat er aber auch von Menschen, die sich über den Angriff auf sein Land freuen. Die trotz erdrückender Berichte über Gräueltaten an der Zivilbevölkerung arabische Süßwaren auf der Sonnenallee verteilen. „Vielleicht sollte sich eine israelische Einheit auch um Terrorzellen in Berlin kümmern“, schrieb er dazu am 7. Oktober auf X, vormals Twitter. Und einige Stunden später: „Scheiß auf die Hater in Neukölln!“
Der Gipfel des Absurden ist für Arye Shalicar erreicht, wenn er Unterstützung für Radikal-Islamisten aus queeren Kreisen entdeckt. Lesben, Schwule und Transpersonen wären noch vor den Juden die ersten, die in den Händen dieser Menschen „auf dem Marktplatz am Kran hängen würden.“
In Spandau war er Teil einer kleinen Minderheit mit Migrationsgeschichte, in Wedding waren fast alle um ihn herum Kinder von Einwanderern. Von jedem sei er gefragt worden, ob er Türke oder Araber sei – und Muslim, wie sie selbst: „Ihr enormes Interesse an meiner nicht existierenden Religionszugehörigkeit verwunderte mich sehr“, schreibt er in seinem Buch „Der neu-deutsche Antisemit“.
Arye Shalicar schloss sich der Türkengang Black Panthers an, wurde in der Hip-Hop-Szene als Musiker aktiv. Unter dem Pseudonym „Boss Aro“ war Shalicar Mitbegründer der berüchtigten Graffiti-Gang „Berlin Crime“. Die jüdische Herkunft blieb Arabern, Türken und Libanesen zunächst verborgen. Aus den Gangs, in denen er sich mit Messer und Schlagring behauptete, wusste auch niemand, dass er auf ein Gymnasium ging.
Mit einem Davidstern, dem Geschenk seiner Großmutter zur nie stattgefundenen Bar Mitzwa, begann Arye Shalicars Selbstfindung als Jude in Wedding. Niederschmetternd war eine Erfahrung mit dem besten Schulfreund. „Alle Juden sollten getötet werden“, hatte der ihm im Deutschunterricht zugeflüstert, als die Sprache auf die Nazizeit kam. Daraufhin nahm Shalicar die Halskette mit zur Schule, zeigte sie dem schockierten Sitznachbarn. Der Junge setzte sich fort und sprach nie wieder ein Wort mit Arye Shalicar. Mit welch erdrückendem Hass dieser kleine goldene Stern das muslimische Umfeld aufladen sollte, war ihm damals nicht klar: „Ich habe nicht geahnt, was ich mir damit antue“.
Von einem Moment auf den anderen luden sich massive Aggressionen an ihm ab. Besonders verstörend war, dass er pauschal für etwas bestraft wurde, mit dem er damals als Jugendlicher nichts anfangen konnte: „Ich habe mich überhaupt nicht identifiziert mit dem Judentum als Religion, mit den Juden als Volk, oder dem Staat Israel.“ Überhaupt war die ganze Religiosität für ihn eine Sache des Mittelalters, die keinen Platz mehr in einer modernen Gesellschaft haben sollte.
Prägend aus jener Zeit war ein Vorfall am U-Bahnhof Pankstraße, vor dem er eines Tages als 14-Jähriger mit einem Freund auf einer Bank saß. Zwölf junge Männer der Palästinenser-Gang „PLO-Boys“ seien da bedrohlich auf ihn zugekommen. Sie hätten ihm Erdbeeren in den Mund gestopft. „Friss, Jude, friss“, soll der Anführer gesagt haben.
In der Küche eines Fastfood-Anbieters erklärte ihm ein palästinensischer Mitarbeiter ein verstörendes Bedürfnis. „Er wünschte sich, eines Tages ein jüdisches Baby zu töten.“
Jahrzehnte später legen die aktuellen Ereignisse nahe, dass dieser Ausspruch vielleicht mehr war als ein Sprudeln wütender Gedanken, sondern stattdessen blinder Hass auf Juden. „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“, auch solche Parolen hat Shalicar in der Hauptstadt gehört.
Die feindliche Haltung in seiner Umgebung setzte einen Denkprozess in Gang, der den jungen Erwachsenen nach Abitur und einem Grundwehrdienst als Sanitäter in der Bundeswehr nach Israel führte. „Die Leute dort litten genau wie ich“, erkannte er. Glück und Identität, beides fand Arye Shalicar. Doch immer wieder führen ihn seine Wege nach Berlin, auch nach Wedding.
„Ich fühle mich nach wie vor deutsch“, sagt Shalicar, wegen der Sprache seiner Bücher, des täglichen Umgangs mit den Kindern. „Viele Dinge in Deutschland liegen mir nach wie vor sehr am Herzen. Und das wird auch mein ganzes Leben so bleiben.“
Doch in der Stadt, in der er aufgewachsen ist, können Juden sich nicht überall angstfrei bewegen. Arye Shalicar rät dringend davon ab, jüdische Symbole „in bestimmten Bezirken“ offen zu tragen, so wie er es damals mit dem Davidstern tat. Eine große Schande sei das für Deutschland.
Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.