Osnabrück Favorit auf den Buchpreis: Terézia Moras „Muna oder Die Hälfte des Lebens“
Ein Buch über eine fatale Liebe – und das Milieu der Intellektuellen: Terézia Moras Roman „Muna oder die Hälfte des Lebens“ ist der Favorit auf den Deutschen Buchpreis 2023.
Er wirkt anziehend und gleichzeitig auch gefährlich, dieser Magnus Otto. Muna ist sofort elektrisiert von seiner scheinbar souveränen Art. Sein Schweigen hält sie für einen Ausdruck von Überlegenheit, seine plötzlichen Aufbrüche für ein Zeichen innerer Freiheit. Vor allem aber ist Muna sofort verliebt. Unsterblich, wie es scheint.
Der Leser kann auch sofort verliebt sein, nicht in Magnus, dafür aber in Terézia Moras Roman „Muna oder Die Hälfte des Lebens“. Denn die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin fernab aller Klischees von Frauenschicksal und Emanzipation gedankenhell und literarisch überaus gekonnt. Ein Buch zum Lesen und Lernen – das ist dieser Roman.
Dabei ist es typisch, dass die Geschichte mit einer Katastrophe beginnt. Brüche, Umschwünge, viele kleine Niederlagen, sie bestimmen ohnehin das Leben, ja bisweilen jeden Tag der gerade erst 18 Jahre alten Muna. Ihre Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein Schock, der Muna in das Leben als Erwachsene schubst.
Die private Katastrophe korreliert mit der großen, ja welthistorischen Veränderung. Munas Weg beginnt mit dem Mauerfall. Kurz zuvor, noch in der abgeschotteten Welt der DDR, macht sie in einer Magazinredaktion mit, bewundert die Redakteure, lernt Magnus kennen. Sie ist offen und bereit zu bewundern, was ihr begegnet.
Terézia Mora beschreibt Munas Weg als eine Passage der kleineren und größeren Enttäuschungen. Ganz nebenbei und doch vernehmlich zeichnet die Autorin auch das Porträt einer Klasse der Intellektuellen zwischen Prestige und Prekariat. Geistesarbeiter verschreiben sich Aufklärung und Fortschritt. Als Milieu reproduzieren sie aber erschreckend konventionelle Machtgefälle.
Muna hangelt sich durch eine Welt der kleinen Jobs und befristeten Projekte. Sie arbeitet sich aus der Welt ihrer kleinen Herkunft heraus und bleibt doch in deren geheimen Routinen und Ritualen gefangen. „Ich will (…), dass ich frei über mich verfügen kann, dass ich überhaupt frei bin“, schreibt sie als ihren größten Wunsch auf.
Terézia Mora moralisiert nicht, sie erzählt, in jeder Zeile scharf beobachtend. Ihr beweglicher Stil spiegelt nicht nur das unruhige Schicksal der Protagonistin, er taugt auch bestens zum Medium einer präzisen Analyse von Gefühlen und Wünschen, Sehnsucht und Macht.
„Muna“ ist ein richtig gutes Buch. Mindestens. Ihre Autorin hatte bereits 2013 den Deutschen Buchpreis für ihren Roman „Das Ungeheuer“ gewonnen. Warum soll sie diesen Preis nicht ein weiteres Mal gewinnen. „Muna“ wäre genau der richtige Roman dafür.
Terézia Mora: Muna oder die Hälfte des Lebens. Roman. Luchterhand Verlag. 448 Seiten. 25 Euro.