Küstenschutz  Was bei einer Deichschau alles auffällt

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 12.10.2023 17:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kein Spaziergang, sondern Teil des Küstenschutzes: Am Donnerstag fand die Herbst-Deichschau in der Krummhörn statt. Foto: Ortgies
Kein Spaziergang, sondern Teil des Küstenschutzes: Am Donnerstag fand die Herbst-Deichschau in der Krummhörn statt. Foto: Ortgies
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Im Frühjahr und Herbst finden sie statt: die sogenannten Deichschauen. Auf was wird da eigentlich geachtet?

Krummhörn - Auf was würden Sie achten, wenn es um den Zustand von Deichen geht? Löcher im Rasen? Das Auftreten von Tieren wie Nutrias? Am Donnerstag fand die Deichschau der Deichacht Krummhörn statt – und das Protokoll zeigt, auf was alles geachtet wird, damit die Deiche auch kommenden Sturmfluten standhalten.

Was und warum

Darum geht es: Die Ergebnisse der diesjährigen Deichschau in der Krummhörn.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Küstenschutz interessieren.

Deshalb berichten wir: Am Donnerstag fand die Herbst-Deichschau in der Krummhörn statt.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Die gute Nachricht vorweg: Die Deiche im Zuständigkeitsbereich der Deichacht Krummhörn befinden sich in einem guten Zustand. Sie wurden für „schaufrei“ erklärt, sind also für die kommende Sturmflutsaison gewappnet.

55 Kilometer Deich zwischen Borssum und Leybuchtpolder

Das Protokoll der Deichschau zeigt trotz „schaufrei“, dass es Arbeit genug gibt. Dass es nicht noch mehr ist, das ist der Deichacht zu verdanken, die ganzjährig die Küstenschutzanlagen im Blick hat. Die zu schützende Deichlinie der Deichacht Krummhörn hat eine Länge von rund 55 Kilometern und verläuft von Borssum (Stadt Emden) bis nach Leybuchtpolder (Stadt Norden).

Das Verbandsgebiet der Deichacht Krummhörn hat eine Größe von rund 48.000 Hektar – also rund 68.571 Fußballfelder – und umfasst die Gemeinden Krummhörn und Hinte, sowie große Teile der Stadt Emden, der Gemeinden Brookmerland und Südbrookmerland. Außerdem gehören zum Verbandsgebiet Teile der Stadt Aurich, der Stadt Norden sowie der Gemeinde Ihlow.

Störtebekerdeich

Hier sind keine gravierenden Mängel erkennbar. Allerdings: „Der Deichabschnitt weist aber sowohl auf der Binnenböschung als auch auf der Butenböschung Distelbewuchs auf.“ Disteln sind deswegen ein Problem, weil Flächen mit diesen Pflanzen von Schafen gemieden werden. Wo keine Schafe auf dem Deich unterwegs sind, wird die Grasnarbe nicht ordentlich festgetreten.

Grundsätzlich gilt: „Die intensive Bekämpfung der pflanzlichen und tierischen Schädlinge ist auf der gesamten Deichstrecke fortzuführen.“ Zu den tierischen Schädlingen zählen beispielsweise Nutrias. Hier sei die Situation aber aktuell „ruhig“. Was außerdem aufgefallen ist: An der Ostseite Leyhörn gibt es im Übergangsbereich zwischen Deichacht-Deich und NLWKN-Deich (NLWKN steht für „Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz“) – eine Frage der Zuständigkeit – „eine stark vernässte Fläche in unmittelbarer Nähe zum Deichfuß“. Auch wenn es aufgrund der Nähe zum Meer auf den ersten Blick etwas komisch erscheinen mag: Deiche dürfen nicht „durchnässt“ sein. Tatsächlich ist die Entwässerung von Deichen fester Bestandteil des Küstenschutzes.

Rechter Emsdeich von der Kreisgrenze Deichacht Emden/Aurich und Seedeich von Pilsum bis zum Störtebekerdeich

Westlich von Leyhörn hat die Deichschau ein „umfassendes Schadensbild“ ergeben, das Deckwerk des Deiches ist teilweise tief beschädigt. „Die Schäden entstehen auf der gesamten Strecke immer zahlreicher bei nur leicht höher auflaufenden Tidehochwassern“, heißt es im Protokoll. Das Problem ist allerdings bekannt, es wurde bereits im vergangenen Jahr festgestellt. Warum nichts passiert ist seitdem? „Für die im letzten Jahr festgestellten Schäden sind die zur Behebung beantragten Küstenschutzmittel in Höhe von rund 200.000 Euro in diesem Jahr nicht bewilligt worden“, heißt es im Protokoll der Deichacht. Ein Antrag für das kommende Jahr sei aber bereits gestellt. Ein Plan für die komplette Sanierung des Deckwerkes soll noch in diesem Jahr erstellt werden. Kleinere festgestellte Schäden werden „zeitnah bei passenden Wasserständen durch den Bauhof der Deichacht Krummhörn im Rahmen der Deichunterhaltung behoben und nachverklammert“, so die Deichacht.

Was bedeutet das für die Sturmflutsaison?

Nicht nur westlich von Leyhörn, sondern auch im weiteren Deichverlauf vom Borssumer Siel bis zum Deichschart Emspier gibt es Schäden. In allen Schadensfällen soll eine erste Ausbesserung „umgehend“ erfolgen.

In der Sturmflutsaison, die nun ansteht, müssen beide Bereiche besonders beobachtet werden. Der Bereich westlich Leyhörn muss sogar schon bei „nur leicht höher auflaufenden Tidehochwassern“ beobachtet werden.

Entwässerung fehlt

Im Bereich des Vorlandes zwischen Campen und Rysum wurde bereits im Frühjahr festgestellt, dass hier die seeseitige Deichfußentwässerung nicht vorhanden ist und zunehmend zu einer Vernässung des Deichfußes führt. Hier müsse laut Deichacht „zeitnah eine Lösung gefunden werden“. Gemeinsam mit dem NLWKN und der Nationalparkverwaltung werde an einer Lösung gearbeitet. Das Deichvorland gehört zum Nationalpark. „Im kommenden Jahr soll die Genehmigungsplanung abgeschlossen werden, so dass spätestens im Jahr 2025 die Arbeiten umgesetzt werden sollen“, heißt es im Protokoll.

Sind die Deiche sicher?

Auch wenn die „Mängel“ teilweise groß klingen: Die Deiche und Anlagen im Gebiet der Deichacht Krummhörn sind für die Sturmflutsaison bereit. Das gilt grundsätzlich auch für die weiteren Bereiche in Ostfriesland.

Auch wenn es immer wieder Diskussionen um Geld gibt: Jahr für Jahr werden mehr als 60 Millionen Euro investiert. Das schreibt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) auf seiner Internetseite. Nicht zuletzt die Sturmflut im Dezember 2013 (Nikolaussturmflut) habe gezeigt, dass die Deiche halten. „Nach der großen Sturmflut von 1953 in den Niederlanden ist man auch in Deutschland vom reagierenden Küstenschutz zum vorsorglichen Küstenschutz übergegangen. Seither wurden und werden die Deiche für zukünftig zu erwartende Belastungen ausgebaut“, schreibt der NLWKN weiter.

Wie wird die Deichhöhe eigentlich berechnet?

Auch in der Krummhörn wurden in den vergangenen Jahren Abschnitt für Abschnitt die Deiche erhöht. Doch wie wird eigentlich berechnet, wie hoch ein Deich sein muss? Entscheidend hierfür, sehr kurz gesagt, sind Simulationen, die die gesamte Nordsee erfassen und mit denen „die Tidedynamik für eine Sturmflut berechnet wird, wie sie bisher in diesem Ausmaß noch nicht aufgetreten ist, aber durchaus auftreten kann“, so der NLWKN auf Nachfrage.

Weitere Faktoren sind die Tidekurven, Modellierungen künftiger Stürme aufgrund von Daten aus den vergangenen 50 Jahren, ein mögliches Zusammenfallen von Sturm und Springtide sowie genaue Betrachtungen der Wellenläufe und -höhen.

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